Transfemizide in Mexiko: Oberflächliche Justiz und queerer Aktivismus

Transfemizide in Mexiko: Oberflächliche Justiz und queerer Aktivismus

Ein Gastbeitrag von Kiki Bruder

Inhaltswarnung: Transfeindliche Gewalt, transfeindliche Sprache

Live! Work! Pose!

Lebe! Arbeite! Pose! – Mit diesen Worten kündigte Billy Porter den Beginn einer weiteren Folge der Serie POSE an. Eingewickelt in Decken und Ponchos saß eine Gruppe queerer Personen in einer Bar unter freiem Himmel und starrte gebannt auf eine aus Tüchern improvisierte Leinwand.

Es war Januar 2020 in San Cristóbal de las Casas, Chiapas, Mexiko. Das LGBTQ-Kollektiv Chuvajetik hatte einen Safe Space, einen geschützten Ort, für queere Menschen organisiert: Ein Kinoabend mit anschließender Debatte. Auf dem Programm stand POSE. Die Serie thematisiert die Lebensrealität von trans Frauen im New York der achtziger Jahre. Alle Anwesenden waren sich einig: Dieses Thema ist auch in der Gegenwart hoch relevant und es muss darüber geredet werden. An diesem Abend hatten sich jedoch nur wenige trans Personen in der Bar eingefunden, um an der Debatte teilzunehmen.

„Am Ende sind immer wir es, die reden, aber wir können das eben auch nur von unserer Perspektive aus tun“, bedauert Favio, einer der Aktivisten des Kollektivs1. „Hier in San Cris gibt es keine trans Frauen, die politisch aktiv sind“. Schuld daran sei das transfeindliche System, das sie oft schon als junge Mädchen auf die Straße zwinge. Aufgrund ihrer Geschlechtsidentität werden sie entweder zu Hause rausgeworfen oder entscheiden sich selbst, früh das Elternhaus zu verlassen.

Transfemizide lösen in Mexiko keine größere Empörung aus

Mexiko ist ein urkatholisches Land – die meisten trans Frauen können hier keine konventionellen Jobs ausüben und landen so im Sektor der Sexarbeit. Um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern, sind sie ständig auf der Suche nach Kunden. Nachts wird gearbeitet, geschlafen erst am frühen Morgen. Für eine Politisierung bleibt so kaum Zeit.

Gegen elf Uhr endete der POSE-Abend und die Besucher*innen gingen zufrieden nach Hause oder wechselten in die nächste Bar. Nur wenige Stunden später wurde die Sexarbeiterin Rosa im historischen Zentrum der Stadt brutal zusammengeschlagen. Am Morgen darauf erreichte das Kollektiv Chuvajetik eine Nachricht über WhatsApp. Es war der Link zu einem Artikel einer Lokalzeitung: „Mann in Frauenklamotten halbtot im Zentrum aufgefunden.“ Es wurde um Hilfe gebeten, den Körper zu identifizieren. Über ihre Netzwerke fanden die Aktivist*innen schnell heraus, um wen es sich handelte.

Rosa war bis zu diesem Tag mehrere Jahre in San Cristóbal als Sexarbeiterin tätig gewesen. Nach dem Angriff lag sie mehrere Tage im Koma, bevor sie schließlich an ihren Verletzungen starb. Für die Aktivist*innen bestand kein Zweifel: Das war Mord . Doch größere Empörung sollte das Ereignis hier nicht auslösen.

San Cristóbal ist eine Stadt im Kolonialstil: enge Gassen und bunte Häuser mit künstlerischen Graffitis. Das Zentrum ist zu jeder Jahreszeit von Tourist*innen überlaufen. Unzählige Restaurants mit regionalen Spezialitäten, eindrucksvolle Kathedralen und indigene Frauen, die auf der Straße farbenfrohe Stoffe anbieten, machen das Stadtbild aus. Das wird den Tourist*innen aus Europa oder den USA hier verkauft: eine heile Welt. Deshalb trägt die Stadt auch die Bezeichnung El Pueblo Mágico. Aber was ist magisch an einem Ort, der den perfekten Nährboden für transfeindliche Gewalt bietet?

Transfemizide werden oft nicht als solche anerkannt

Sofort setzte sich das Kollektiv Chuvajetik dafür ein, dass der Fall als Transfemizid gehandelt würde. Femizid ist in Mexiko ein eigener Straftatbestand – statistisch gesehen werden dort jeden Tag zehn Frauen ermordet, aufgrund ihres Geschlechts. Als Ursache dieser strukturellen Gewalt gilt die Machismo-Kultur: Männer wachsen in dem Glauben auf, sie seien Frauen gegenüber überlegen. Durch die voranschreitende Emanzipation von Frauen, trans Personen und Homosexuellen wird diese Machtposition bedroht. Auf diesen potentiellen Kontrollverlust reagieren cis Männer brutal, um ihre Dominanz zu beweisen. Die Folgen: häusliche Gewalt, Vergewaltigungen und Femizide.

Dass der mexikanische Macho auch trans Frauen als eine Gefahr empfindet, spiegelt sich in den Zahlen wider: Seit 2006 wurden 257 Transfemizide registriert. Nur in Brasilien werden mehr trans Frauen getötet. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich deutlich höher; selten wird die Geschlechtsidentität der Opfer von den Behörden und der Presse tatsächlich anerkannt.

Die Aktivist*innen von Chuvajetik forderten, dass der Fall Rosa von den Behörden mit geschlechtsspezifischer Perspektive untersucht würde: Ein Hassverbrechen aus transfeindlichen Motiven war nicht auszuschließen. „Meistens suchen sie sich dann eben ein einfaches Motiv, so was wie Streitigkeiten bei Paaren oder andere persönliche Verbrechen. Dann haben sie einen geringeren Arbeitsaufwand“, erklärt Favio. In Rosas Fall sind die Bemühungen der Aktivist*innen erfolglos: Für die Behörden war sie ein Mann und deshalb wurde die Tat auch als einfacher Mord statt als Transfemizid gehandelt.

Wer aber ist für ihren Tod verantwortlich? Dass ein Täter aufgespürt und verurteilt wird, ist relativ unwahrscheinlich: In Mexiko bleiben 98% aller Verbrechen unbestraft. Dieser Fall könnte jedoch eine Ausnahme darstellen: Das Opfer wurde schließlich im Zentrum der Stadt gefunden, inmitten von Clubs, Bars und Restaurants.

Kampf mit der Justiz

Tatsächlich meldeten sich mehrere Augenzeugen, die berichteten, einen Streit zwischen Rosa und ihrer Schwester Anabel beobachtet zu haben. Auch auf den Videos der Überwachungskameras ist Anabel in der Gegend zu sehen, in der ihre Schwester später aufgefunden werden würde. Für die Staatsanwaltschaft war der Fall klar: ein Geschwisterstreit, der ausartete und in einer blutigen Tat endete.

Die Aktivist*innen von Chuvajetik hegten berechtigte Zweifel an der Geschichte der Staatsanwaltschaft. Am Tag nach dem Vorfall setzten sie sich mit der Familie von Rosa in Verbindung und trafen ihre Schwester. Diese erzählte ihnen sofort ihre Version der Geschehnisse: Sturzbetrunken habe sie sich mit ihrer Schwester gestritten, sei daraufhin aber nach Hause gegangen. Doch durch die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft geriet auch sie in Selbstzweifel: Vielleicht war sie ja doch schuldig und konnte sich wegen ihres Alkoholkonsums nicht mehr daran erinnern.

Fakt ist, dass der entscheidende Moment der Nacht von den Kameras nicht aufgezeichnet wurde – technische Probleme. Technische Probleme waren angeblich auch daran schuld, dass die Uhrzeiten mancher Videosequenzen nicht mit der offiziellen Geschichte der Ermittler*innen übereinstimmten. Für sie wies alles auf Anabel als Schuldige hin. Zu einem offiziellen Verhör luden sie sie dennoch nicht vor.

Während Rosa noch im Koma lag, war ihre Schwester Tag und Nacht an ihrer Seite. Nach ihrem Tod beschloss sie, endlich zur Polizei zu gehen und ihre Version der Geschichte zu erzählen, auch weil die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft immer weiter voranschritten. Doch noch bevor sie sich auf den Weg machen konnte, erhielt sie einen Anruf: Die Ermittler*innen kannten ihren Aufenthaltsort und würden sie dort in Kürze verhaften. Um Anabel in dieser Situation zu unterstützen, organisierte das Kollektiv ihr noch eine Anwältin. Diese schaffte es jedoch nicht mehr rechtzeitig, sodass die Verdächtigte ohne legale Unterstützung abgeführt wurde.

Die Pandemie paralysiert

Seit Mitte Februar ist Anabel nun in Untersuchungshaft. Ihre Pflichtverteidigerin sollte drei Monate Zeit bekommen, um Beweise für ihre Unschuld zu sammeln. Dann erreichte Corona im März Mexiko und jegliche Arbeiten der Justiz wurden stillgelegt. Die Krankheit verbreitet sich rapide und ist schon längst in die ländlichen Regionen des Landes vorgedrungen.

Anabel befindet sich im Gefängnis Cereso Nr. 5 von San Cristóbal de las Casas. Dort waren die Lebensbedingungen schon vor Corona unzumutbar, doch durch die Pandemie hat sich die Situation noch einmal verschärft: Dem LGBTQ-Kollektiv berichtet die Gefangene, sie und andere Häftlinge erhielten nur ein Minimum an Essen – eine Portion schwarze Bohnen oder eine gekochte Tomate oder Kartoffel am Tag2. Wer mehr möchte, ist auf die Unterstützung der Familie angewiesen. Selbst Gas zum Kochen müssen die Inhaftierten selbst finanzieren. Wegen der Pandemie sind Besuche zurzeit aber untersagt – zum Schutz der Insass*innen.

Vermutlich kam es Ende Mai trotzdem zu einem Ausbruch des Virus in der Haftanstalt: Zuerst starben drei Gefängnisangestellte, die unter den typischen Symptomen litten. Ihr Tod wurde von Seiten der Gefängnisleitung zunächst verschwiegen. Dann starb auch einer der Insass*innen. Ob seine Todesursache tatsächlich das Coronavirus war, ist derzeit noch unklar. Anderen Häftlingen, die auch starke Symptome aufweisen, werden ihre Testergebnisse von der Leitung vorenthalten.

Unter diesen Bedingungen sitzt Rosas Schwester aktuell wie viele andere unrechtmäßig im Gefängnis. Die queeren Aktivist*innen von Chuvajetik lassen ihr alle zwei Wochen ein Paket mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln zukommen. Es ist unklar, wie es weitergehen wird. Einen Prozesstermin gibt es nicht. In Mexiko ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Strafprozesse ewig hinziehen. Viele der Insass*innen sitzen schon mehrere Jahre, ohne je vor Gericht bestellt worden zu sein.

Chuvajetik braucht Unterstützung, um Transfemizide sichtbar zu machen

Die Arbeit von Chuvajetik ist ernüchternd: Erst im August 2019 wurde in San Cristóbal Aylin, eine indigene trans Frau, ermordet. Der Täter wurde nicht gefunden. In beiden Fällen organisierte das Kollektiv Trauermärsche durch das touristische Zentrum der Stadt, um die transphobe Gewalt sichtbar zu machen. Trans Frauen in Mexiko leben gefährlich und das Justizsystem stellt keine Hilfe für sie dar: Zwei Faktoren, die sich gegenseitig bedingen. Umso bedeutender ist die Existenz politischer Kollektive wie Chuvajetik, die sich vor Ort für die Rechte queerer Personen einsetzen.

Als gemeinnützige Organisation sind die Aktivist*innen auf Fördergelder und individuelle Spenden angewiesen. Aufgrund der Pandemie befinden sie sich in einer schwierigen finanziellen Lage. Wenn ihr die wichtige Arbeit des Kollektivs von Europa aus unterstützen wollt, könnt ihr über Paypal spenden: https://www.paypal.me/chuvajetik

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von @mariapaulaga

1 Grundlage dieses Artikels ist unter anderem ein Interview mit Vertreter*innen des Kollektivs Chuvajetik

2 Unterlegt werden diese Informationen von Colectiva Cereza und No Estamos Todos, zwei Kollektive, die mit Häftlingen in dieser Haftanstalt arbeiten.

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