Masken nähen gegen Corona – Unbezahlte Fürsorgearbeit von Frauen

Masken nähen gegen Corona – Unbezahlte Fürsorgearbeit von Frauen

Viele Frauen nähen aktuell Masken wegen des Corona-Virus. Ich freue mich über das Engagement in meinem Umfeld. Aber gleichzeitig kotzt es mich an, dass weibliche Fürsorgearbeit in der Krise von so vielen selbstverständlich genommen oder gar eingefordert wird.

Meine Freundinnen sitzen an den Nähmaschinen und nähen Masken,die die Verbreitung des Corona-Virus verhindern sollen. Für taxifahrende Familienmitglieder, Angehörige mit einer Physiotherapie-Praxis, Hebammen im Bekanntenkreis, die Wöchner*innen und ihre Babys besuchen oder für den Verein Herzenssache e.V., der normalerweise Kleidung für Frühchen und Sternenkinder näht.

Diese Masken zu nähen gibt meinen Freundinnen das Gefühl, in dieser Krise etwas Nützliches zu tun, während sie beispielsweise ihren Beruf nicht ausüben können. Sie tragen mit ihren Händen, mit ihrem Können und ihren Materialvorräten dazu bei, die Auswirkungen von Corona in ihrem Umfeld zu mindern. „Ich fühle mich weniger hilflos, wenn ich wenigstens irgendwas tun kann“, erzählt mir eine von ihnen.

Meine Freundinnen sind nicht allein. In Deutschland nähen seit Wochen sehr viele Menschen – und die meisten von ihnen sind Frauen – an ihren privaten Nähmaschinen Gesichtsmasken.

Es ist schön, dass dieses so oft belächelte „Frauenhobby“ in der Krise als das erkannt wird, was es sein kann: eine handwerkliche Fertigkeit, um Dinge herzustellen. Eine Bekannte scherzt gerne, dass sie im Falle einer Zombieapokalypse unter den Überlebenden sicher recht angesehen wäre, denn immerhin könne sie Kleidung und Zelte in Stand halten. Keine Ahnung, ob sie auch gerade an der Nähmaschine sitzt.

Masken nähen: Gesellschaftlicher Druck trotz fehlender finanzieller Anerkennung

Mich ärgert nicht etwa, dass meine Freundinnen nähen. Ich finde es großartig zu sehen, wie viele von ihnen sich gesellschaftlich engagieren. Mit welchem Eifer jede einzelne von ihnen bügelt und näht. Ganz egal, ob bei der geübten Näherin mehrere hundert Masken auf dem Stapel landen oder die Hobbyschneiderin sich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder an die Maschine traut. 

Mich ärgert aber, dass daraus direkt wieder Druck entsteht. Längst fühlen sich einige meiner Freundinnen schlecht, weil die eigene Nähmaschine nach wenigen Dutzend Masken kaputt gegangen ist. Dass andere in der gleichen Zeit ein paar hundert unter der Maschine durchgeschoben haben, gibt ihnen das Gefühl, versagt zu haben.

Dieser Druck ist nur ein Aspekt – der andere ist die fehlende finanzielle Anerkennung. Denn tatsächlich ist die Vorstellung, dass diese privat hergestellten Masken gespendet werden sollten, weit verbreitet. Auch in meinem Umfeld haben Frauen eine Bezahlung entschieden von sich gewiesen; sie wollten sich nicht an der Krise „bereichern“. Als wären die Stoffvorräte gratis im Schrank der Nähenden aufgetaucht und als wäre ihre Arbeit(szeit) nicht ebenfalls etwas wert. „Niemand, absolut niemand schuldet kostenlose Arbeit und damit Lebenszeit irgendwem. Auch nicht während einer Pandemie“, schreibt Mariell Felicitas auf Facebook. „Nähmaschinen sind Freunde, keine Verpflichtung zur Maskenproduktion.“

Trotzdem berichtet mir eine Frau auf Instagram in einer privaten Nachricht, sie werde von ihren Follower*innen angefeindet, weil sie „nur“ für ihr engstes Umfeld Masken nähe. „Bisschen Heimatfront-Feeling“, schreibt sie bitter.

Gleichberechtigung in der Krise

Karla Paul twitterte Ende März: „Sehe ich das richtig, dass jetzt gezwungenermaßen Kliniken & medizinische Einrichtungen darum bitten, ihnen Masken zu nähen und zu spenden und hier wieder zum Großteil Frauen noch zusätzlich Ressourcen (Zeit, Arbeit, Stoff, Können …) verschenken?“

In den Kommentaren unter diesem Tweet wird ihr vorgeworfen, die Genderkeule zu schwingen, bei einem Thema, das doch mit diesem Feminismuskram gar nichts zu tun hätte. Dabei war die Corona-Krise schon von Anfang an (auch) ein feministisches Thema. Beatrice Frasl hat bereits Mitte März in einem Artikel für Edition F darauf hingewiesen, dass Fürsorgearbeit in Deutschland und Österreich in erster Linie unbezahlte oder unterbezahlte Frauenarbeit ist: „Aktuell erledigen Frauen in deutschen und österreichischen Haushalten 75-80 Prozent der Haushalts-, Fürsorge- und Pflegearbeiten.“

Die Zahlen für Pflegeberufe sind noch krasser: „In Deutschland liegt der Anteil an Frauen in Pflegeberufen bei fast 76 Prozent, in Österreich sind sogar 92,2 Prozent der in der mobilen Pflege Beschäftigten und 85,8 Prozent der in der stationären Pflege (beispielsweise in Krankenhäusern) Beschäftigten Frauen.“ (Auch, wenn der NDR es geschafft hat, unter dem Titel „Helden des Alltags“ ausgerechnet drei Männer zu porträtieren. Naja, Frauen sind bestimmt trotz generischem Maskulinum und fehlender Repräsentation mitgemeint.)

Nur Applaus für Fürsorgearbeit ist nicht genug

„Krisen wie diese verdeutlichen den gesellschaftlichen Wert von Fürsorgearbeit“, schreibt Beatrice Frasl. Und tatsächlich: Mein Instagram-Feed ist voller Danksagungen an Pflegekräfte. Am Abend des 18. März wurde auf vielen Balkonen in Deutschland für Menschen in systemrelevanten Berufen geklatscht, zum Beispiel in Köln. In unterschiedlichen Städten wurde das auch immer wieder wiederholt.

Diese Dankbarkeit fühle sich „für den Moment gut an“, schreibt frauschwester_ auf Instagram und fragt „Wieviel sind eure Solidaritätsbekundungen wert?“ Denn Dankeschöns und Applaus in der Krise helfen wenig beim andauernden Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Bezahlung. Und sie schützen sie auch nicht vor Ansteckung mit Covid-19.

Das tun die selbstgenähten Gesichtsbedeckungen übrigens auch nur sehr eingeschränkt. Sie halten allerdings die eigenen Spucketröpfchen zurück und können damit die Gefahr für unser Umfeld senken. Es ist großartig, wenn wir mit selbstgefertigten Masken ein bisschen zur Sicherheit unserer Mitmenschen beitragen können. Aber wir sollten die Arbeit, die darin steckt, nicht als selbstverständlich ansehen oder gar einfordern.

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