Szenen einer Ehe – Einen Menschen mit Depression lieben

Szenen einer Ehe – Einen Menschen mit Depression lieben

Viele Frauen in heterosexuellen Beziehungen berichten, dass sie mit der Sorgearbeit für die Familie allein gelassen werden und keine Anerkennung dafür erfahren. Bei mir wurde es unerträglich, als mein Mann an Depressionen erkrankte.

Depressionen sind verbreiteter als man glaubt und noch immer unterschätzt. Laut der Deutschen Depressionshilfe erkranken 17 Prozent aller erwachsenen Deutschen einmal im Leben an einer unipolaren oder anhaltenden depressiven Störung. Das heißt, fast jede*r fünfte Erwachsene ist im Laufe des Lebens von Depression betroffen. Wir sind uns wohl alle einig, dass Depression eine krasse Krankheit ist, unter der die Betroffenen wirklich leiden. Doch eine Depression wirkt sich nicht nur auf die Erkrankten selbst aus, sondern auch auf deren Familie und Freund*innenkreis. Viele Partner*innenschaften gehen daran zu Bruch. Das heißt aber noch lange nicht, dass man den*die erkrankte*n Partner*in nicht gut genug geliebt, nicht oft genug zugehört oder nicht genug Verständnis hatte.

Die Deutsche Depressionshilfe gibt Angehörigen Ratschläge: Geh zum Arzt, sei geduldig, gib keine „guten“ Ratschläge, überfordere nicht, triff keine wichtigen Entscheidungen. Hätte ich das damals gewusst, wäre ich anders mit meinem Mann umgegangen, aber im Endeffekt wäre es auf dasselbe Resultat hinausgelaufen. Zum einen kam ich erst während meines Psychologiestudiums auf den Gedanken, dass sein Verhalten auf eine Depression hindeutete. In der Vorlesung über Depression hörte ich mir alles an, meldete mich und sagte: „Ich glaube, mein Mann hat eine Depression.“ Ich brauchte nicht mal die Symptome zu erklären, sondern nur auf die Präsentation der Professorin zu zeigen. Alles traf zu: von Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung bis hin zu völliger Verweigerung. Diese Anzeichen einer depressiven Störung sind im ICD-10 der WHO verankert. Zum anderen verweigerte mein Mann jegliche Therapie, weil er Psycholog*innen grundsätzlich für „Quacksalber“ hielt.

Ich werde immer noch wütend

Die Auswirkungen auf unsere Ehe und das Familienleben waren fatal. Noch heute werde ich wütend, wenn ich an die Gespräche mit meinem Mann zurückdenke. Er konnte keine Entscheidungen treffen, hatte kein Interesse an irgendwas, konnte sich den Lebensumständen unserer Familie nicht anpassen und verweigerte zum Teil jegliche Zusammenarbeit.

Das Unvermögen, Entscheidungen zu treffen, kann auch dazu führen, dass ihr zwei Jahre lang keine Bücherregale habt, obwohl ihr ca. 450 Bücher besitzt, weil der depressive Mensch nicht in der Lage ist, sich für ein Modell zu entscheiden. Irgendwann kaufst du dann drei Billy-Regale, weil du befürchtest, dass einer der Büchertürme umkippen, auf dein krabbelndes Kind stürzen und es verletzen könnte. Diese Regale darfst du allein kaufen, transportieren, aufbauen und einräumen, weil er beleidigt ist, dass du ihn nicht gefragt hast. Am Ende ist er dann auch mit der Art, wie du die Bücher eingeräumt hast, nicht einverstanden. Der Rat der Depressionshilfe, keine wichtigen Entscheidungen zu treffen, ist nachvollziehbar. Allerdings trifft „wichtig“ auf so ziemlich alles zu.

Ich traf alle Entscheidungen allein

Das Kinderzimmer muss gestrichen werden? Bereite dich darauf vor, dass du allein Materialien besorgst, Möbel verschiebst, abdeckst und allein streichst, aufräumst und alles wieder herrichtest. Er steht derweil mit einem Kaffee im Türrahmen, beobachtet dich und macht dir Vorwürfe, dass du „immer alles an dich reißt“. Dass ihr zuvor mehrere Wochen darüber diskutiert habt, euch sogar vor einer psychologischen Beraterin gestritten habt, weiß er anscheinend nicht mehr. Und deswegen kann er auch nicht nachvollziehen, warum du stinksauer bist und die Farbrolle nach ihm wirfst.

Stell dir vor, du willst mit deiner besten Freundin auf eine Feier gehen. Weil du schon vorher weißt, dass es ausarten wird, sprichst du mit deinem Partner ab, dass du bei deiner Freundin ausnüchterst und gegen Mittag heimkommst. Als du zu Hause ankommst, findest du folgende Szene vor: Er sitzt am Computer und zockt, der Fernseher läuft, die Kinder sind noch in Schlafanzügen, die Windeln zugesch*** bis unter die Arme, auf dem Wohnzimmertisch liegt eine offene Packung Erdnussflips, die Wohnung sieht aus wie Schwein. Auf die Frage, was gegessen wurde und warum die Kinder noch nicht angezogen sind, reagiert er beleidigt: „Wie soll ich denn einkaufen gehen, mit den Kindern hier!“ Sie einfach anzuziehen und loszugehen, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Dann darfst du nacheinander die Kinder versorgen, duschen und anziehen, dich in die Küche stellen, kochen, einkaufen gehen und die Wohnung putzen, während er beleidigt ist und zockt. Weil du die Dreistigkeit besessen hast, feiern zu gehen, weil du ein soziales Leben hast und er nicht! Das ist seine Bestrafung für dich. Spätestens in diesem Moment wurde mir klar, dass ich dem Mann keine Verantwortung mehr übergeben konnte, erst recht nicht für die Kinder.

Wenn ich länger Vorlesung hatte, rief mich grundsätzlich die Kita an, weil er vergessen hatte, die Kinder abzuholen. Ich musste die Vorlesung abbrechen und zur Kita hetzen. Dort wurde ich angeschnauzt, ich solle mich besser um meine Familie kümmern. Zu Hause angekommen, fand ich ihn schlafend oder vorm Computer vor. Er hatte „den Wecker nicht gehört“.

Im Endeffekt habe ich alle Aufgaben übernommen und traf alle Entscheidungen. Alle. Ich war quasi alleinerziehend und hatte zudem noch einen kranken Mann zu versorgen.

Gestörte Wahrnehmung

Ihr dürft nicht denken, dass er mir dankbar war oder wenigstens anerkannte, was ich für ihn tat. Keineswegs. Stattdessen machte er mir Vorwürfe, ich würde ihn nicht mehr lieben, weil ich mich nur noch mit anderen Dingen beschäftigen würde. Diese Dinge waren auch sämtliche Anträge für die Ämter, die er schlichtweg ausblendete. Zum Beispiel das Elterngeld, wo ich schon alle Unterlagen ausgefüllt hatte und ihn nur noch beauftragte, diese im Stadthaus abzugeben. Es machte es einfach nicht und beschuldigte dann die Stadt, sie hätte die Unterlagen verschlampt. Einmal hatten wir zwei Monate lang keinerlei Unterstützung, weil er den Hartz-Antrag zur Aufstockung des Gehalts einfach nicht fertigbekam. Wenn ich wütend wurde, reagierte er beleidigt. Die Anträge füllte er trotzdem nicht aus.

Depressive Menschen haben eine ganz eigene Wahrnehmung. Sie drehen Ereignisse, Gesagtes oder Getanes hin und her, bis es in ihre Welt passt, die grundsätzlich negativ und „gegen sie“ ist. Ich konnte tun, was ich wollte, aber dass ich ihn liebte, glaubte er mir nicht mehr.

Ich brachte kleine Geschenke von den Ausflügen mit, auf die er nicht mitkommen wollte, zum Beispiel John-Sinclair-Hefte vom Flohmarkt, weil er gesagt hatte, dass er die als Jugendlicher gern gelesen hätte. „Jetzt hast du mir ausgerechnet die Bände mitgebracht, die am schlechtesten sind!“ Richtig, von über 2000 Bänden bringe ich die miesesten mit. Mit Absicht! Ich bestellte ihm Schuhe, weil er nicht mehr einkaufen ging. Er fand alle scheiße. Genauso wie die Kaffeemaschine, die ich kaufte, weil er seine kaputt gemacht hatte. Schlug ich ihm vor, er solle Sport treiben gegen seine Depression, fand er tausend Ausreden. Am Ende verwies er auf seine „Platt-, Senk- und Spreizfüße“, wegen denen er keine Laufschuhe finden könne.

Nach längerer Arbeitslosigkeit wollte ich ihm helfen, einen Umschulungsbetrieb zu finden. Aber keiner passte ihm. Ich telefonierte mit Institutionen. Nichts gefiel ihm. Ich schrieb Bewerbungen für ihn, weil er überzeugt war, dass eine Umschulung zum Buchhändler genau das Richtige wäre. Nachdem ich mehrere Stunden bis in die Nacht dran gesessen hatte, wusste er von nichts mehr.

Irgendwann wollte ich nicht mehr nach Hause

Auch meine eigenen Gefühle blendete er komplett aus. Für ihn zählte nur noch er selbst. Wenn es mir schlecht ging, baute ich auf meinen Freundeskreis, nicht auf ihn. Manchmal saß ich, völlig fertig von all den Belastungen, weinend auf dem Wohnzimmerteppich. Dann ignorierte er mich. Wollte ich lernen oder Hausarbeiten schreiben, blockierte und boykottierte er mich. So weigerte er sich einmal, frei zu nehmen, damit ich an einer Prüfung teilnehmen konnte. Ich musste eine Freundin bitten, auf die Kinder aufzupassen.

Ich erhielt permanent negative Rückmeldungen von ihm. Nichts, was ich machte, war gut genug. Gingen meine Entscheidungen einmal schief, wurde ich mit Vorwürfen überschüttet. Kein Lob oder Anerkennung, wenn es gut lief. Wenn ich mich z. B. über meine Leistungen in der Uni freute oder ihm von Theorien und Modellen erzählte, in der Hoffnung, er würde mit mir darüber diskutieren, wurde ich belächelt, „was für einen Blödsinn“ ich doch lernen würde. Diese Stimmung färbte auf mich ab. Ich begann, alles zu kritisieren, schlecht zu reden und meine eigene Leistung klein zu machen. Ich war quasi ko-depressiv. Irgendwann war es soweit, dass ich nicht mehr nach Hause wollte, weil ich wusste, dass er dort war und am Rechner zockte. Ich wollte meinem eigenen Mann nicht begegnen. Ich hatte Angst davor.

In einer Beziehung müssen alle Partner*innen etwas geben können

Nachdem ich die Trennung ausgesprochen hatte, hat er mir vorgeworfen, ich hätte immer nur an mich gedacht.

Schließlich ging ich zur Therapie, weil mich diese Erlebnisse nachhaltig geschädigt hatten. Ich machte mir Vorwürfe, hätte ich doch länger ausgehalten. An diesem Punkt sagte der Therapeut zu mir: „Eine Beziehung funktioniert nur, so lange beide Partner*innen etwas geben können. Kann einer das nicht mehr, so wie Ihr Mann, ist die Beziehung nicht mehr zu retten.“ Und genau das beschreibt die Beziehung mit diesem depressiven Menschen: Er konnte nicht geben. Und irgendwann war ich leer, weil ich alles gegeben hatte, er aber dieses Defizit nicht mehr auffüllen konnte.

Ich will natürlich kein Beziehungsverbot für depressive Menschen aussprechen. Denn meine Geschichte ist natürlich nur ein Blick auf eine Art von Depression. Sie werden schlimmer, wenn sie nicht behandelt werden, können sich ansonsten aber vielfältig äußern. Aber wenn du dich auf eine Beziehung mit einer depressiven Person einlässt, solltest du wissen, was auf dich zukommt und dass es nicht nur darum geht, ausreichend zu lieben, zuzuhören und geduldig zu sein. Und du bist auch nicht schuld, wenn die Beziehung in die Brüche geht.

One thought on “Szenen einer Ehe – Einen Menschen mit Depression lieben

  1. Diesen Artikel zu lesen war so schwer für mich. Es hört sich alles so ausweglos an und trotzdem will etwas in mir nicht glauben, dass es nur so enden kann.
    Ich bin seit einem Jahr mit meinem Partner zusammen. Nie vorher war ich so verliebt, hat es so gut gepasst. Es war Liebe auf den ersten Blick. Den Sommer über lief es gut, irgendwann fingen Streitigkeiten wegen Kleinigkeiten an. Ich habe nicht verstanden, warum er manchmal so komisch reagiert, bis er mir eröffnete, dass er vor Jahren unter Depressionen litt und es immernoch tut.
    Mittlerweile muss ich nur ein falsches Wort sagen und er fällt in dieses Loch und meldet sich tagelang nicht. Wir haben vorher zusammen gearbeitet, irgendwann ging es nicht mehr und ich habe den Arbeitsplatz gewechselt. Seitdem ist er krankgeschrieben, aber richtig voran geht es nicht. Ich habe keine Ahnung, wie und ob die Suche nach einem Psychologen läuft, da er nicht oft darüber reden will und auch keine Unterstützung möchte. Er hat auf der Kur Antidepressiva bekommen, nimmt sie aber unregelmäßig (oder vielleicht mittlerweile auch garnicht mehr, wer weiß das schon). Nach unserem letzten Streit meldete er sich eine Woche nicht, lag in seinem Bett und tat garnichts, bis er mich eines abends volltrunken anschrieb und ich losfuhr um ihn bei einem Freund einzusammeln.
    Das Schlimme ist ja, dass es nicht immer so ist. Es gibt gute Tage, an denen wir schöne Dinge unternehmen wie vorher und dann ist auch das Liebesleben nach wie vor perfekt.
    Mir fällt es schwer zu denken, dass das alles keine Chance hat. Momentan ist es wieder schlimm. Gesehen habe ich ihn vor einer Woche das letzte Mal. An diesem Tag war er kühl und gereizt und nach einer Stunde Spaziergang war das Treffen auch schon wieder vorbei. Ich hätte da schon ahnen müssen, dass es wieder los gegangen ist. Seitdem antwortet er auf Gute Nacht-Nachrichten, aber auf Nichts anderes. Ist den ganzen Tag offline und vergräbt sich in seinem Bett. Am schlimmsten ist dann für mich, dass ich ihn garnicht erreichen kann. Dass ich einfach abwarten muss, bis er sich wieder melden kann.
    Andererseits lese ich Berichte wie Ihren, von Menschen die mit dem depressiven Partner zusammen leben und denke mir, dass es vielleicht ganz gut ist, dass ich es nicht sehen und aushalten muss.
    Vielleicht ist das Ganze aussichtslos, aber vielleicht ändert sich auch etwas, wenn die Anträge voran gehen und er tatsächlich eine Umschulung macht und zum Psychologen geht. Momentan glaube ich nicht daran. Er hat keine Kraft sich darum zu kümmern und helfen lassen möchte er sich nicht.
    Er will nicht bemuttert werden, er hasst es wenn sich jemand Sorgen um ihn macht und er sagt ich soll das einfach alles lassen und für ihn da sein. Die Frage ist nur wie?

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