Lady Mary Wortley Montagu und die Macht der Briefe

Lady Mary Wortley Montagu und die Macht der Briefe

Für Frauen des 18. Jahrhunderts wie Schriftstellerin Lady Mary Wortley Montagu waren Briefe eine Möglichkeit, sich auszudrücken, ihre Erfahrungen und Eindrücke an andere weiterzugeben – zu einer Zeit, in der die Gesellschaft männlich dominiert und geprägt war. Briefe waren nicht nur ein Instrument, um zu kommunizieren und in Kontakt mit anderen zu bleiben, sie waren auch ein Mittel zur Teilnahme an gesellschaftlichen Diskussionen.

Mary Who? Lady Mary Wortley Montagu war eine der relevantesten britischen Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Bekannt wurde sie durch die maßgeblich von ihr geförderte Einführung der Pockenimpfung in Großbritannien, ihre Bekanntschaft mit großen Persönlichkeiten wie Alexander Pope, dem englischen Schriftsteller, und vor allem ihre Reiseberichte aus dem Osmanischen Reich, der heutigen Türkei.

Sie wurde im Mai 1689 als ältestes Kind von Evelyn Pierrepont und Lady Mary Pierrepont geboren. Bis zu deren Tod wuchs sie bei ihrer Großmutter väterlicherseits auf, später dann bei ihrem Vater, der seinen Töchtern keine tiefgreifende Bildung zukommen ließ. Trotzdem begann sie schon früh, sowohl Poesie als auch Fiktion zu verfassen.

Eine Heirat mit ihrem Liebhaber Edward Wortley Montagu schien zunächst nicht möglich, da ihr Vater einen anderen Ehemann (Clotworthy Skeffington) für sie im Sinn hatte und eine Hochzeit mit Edward Wortley Montagu nicht unterstützte. Es hatte zwar zunächst Mitgiftsverhandlungen gegeben, Lady Marys Vater und Edward Wortley Montagu wurden sich jedoch schlussendlich nie einig. Deshalb führten Edward und Lady Mary eine heimliche Beziehung per Brief. Sie schmiedeten Pläne, trotz des Verbots des Vaters zu heiraten, dennoch basierte ihre Beziehung über lange Zeit ausschließlich auf den Briefen. Erst am 23. August 1713 flohen und heirateten sie heimlich. Das Paar bekam mehrere gemeinsame Kinder, doch durch die Verpflichtungen von Edward Wortley Montagu und Lady Marys Freiheitsdrang lebten die beiden nie mehr als sechs Monate am Stück zusammen.

Auf ihrer Reise ins Osmanische Reich lernte sie einiges über die dort praktizierte Impfung gegen die Pocken, an denen sie selbst gelitten hatte. Inspiriert durch ihre eigene Krankheit und den Tod ihres Bruders ließ sie ihre eigenen Kinder impfen und bemühte sich nach ihrer Rückkehr nach England, die Impfung auch dort zu etablieren. Dabei stieß sie auf viel Kritik, nicht nur von Ärzten, sondern auch von anderen Teilen der Gesellschaft, die der Meinung waren, dass Frauen sich nicht mit wissenschaftlichen Themen befassen sollten.

Einzigartige Briefe

Durch die Tätigkeit ihres Mannes als Botschafter reiste Lady Mary ausgiebig und schrieb eine Vielzahl an Reiseberichten. Diese Berichte in Form von Briefen waren zur damaligen Zeit einzigartig, nicht nur, weil Lady Mary während ihrer Auslandsaufenthalte einen unvoreingenommenen Blick auf die Sitten und Kultur der Menschen behielt und auf eben diese Art und Weise auch über die Menschen und ihre Erfahrungen schrieb. Vor allem war sie jedoch die erste Frau der westlichen Welt, die aus dem Osmanischen Reich berichtete. Auf Grund der Einzigartigkeit ihrer Reiseberichte wurden diese sehr bekannt und sind bis heute vielfach wissenschaftlich diskutiert und analysiert worden.

Durch ihren Stand als Adelige sowie durch die Position ihres Mannes verkehrte sie in sehr privilegierten gesellschaftlichen Kreisen. Sie war mit hohen Persönlichkeiten der europäischen Aristokratie bekannt und pflegte sogar Kontakte zum Wiener Hof. Dieses Privileg spiegelt sich in ihren Briefen wider. Gleichzeitig war Lady Mary auf Grund ihres Geschlechts und der Tatsache, dass sie Ausländerin war, nie komplett in die Gesellschaften, in denen sie verkehrte, integriert. Das brachte sie in die einzigartige Position als Beobachterin.

Außerdem ist ihr Geschlecht, das ihr zu Lebzeiten kein Vorteil war, für ihre Briefe besonders interessant. Als Frau hatte sie Zugang zu gesellschaftlichen Ereignissen und Orten, die für Männer nicht zugängig waren. Das zeichnet vor allem ihre Briefe aus dem Osmanischen Reich aus und machen sie im Vergleich zu den Reiseberichten von Männern so außergewöhnlich. Beim Lesen der Briefe ist es besonders spannend, zu sehen, wie Lady Mary Wortley Montagu frauenspezifische Themen aufgreift und wie ihre Eindrücke von den Frauen, mit denen sie während ihrer Reisen Bekanntschaft machte, wiedergegeben werden.

Dabei darf man natürlich nie vergessen, dass Lady Mary Wortley Montagus Perspektive die einer adeligen Frau war und ihre Beschreibungen und Berichte immer von diesem Aspekt aus betrachtet werden müssen. So ist das Wien, das sie beispielsweise beschreibt, immer das einer reichen sowie gebildeten Ehefrau eines politisch einflussreichen Mannes. Dadurch unterscheidet es sich stark davon, wie die Stadt von einem Mann der Arbeiter*innenklasse ohne Bildungshintergrund und die gesellschaftlichen Privilegien von Reichtum und Einfluss beschrieben werden würde.

Schreiben gegen das Patriarchat

Insgesamt ist es interessant, die von ihr bereisten Städte aus der Sicht einer weiblichen Schriftstellerin zu betrachten. Weibliches Schreiben erfährt in der Wissenschaft eine immer größere Bedeutung und Aufmerksamkeit, besonders seit der zweiten Welle der Frauenbewegung, welche die Wichtigkeit des Schreibens als Ausdrucksform für Frauen anerkannte. Außerdem bieten weibliche Briefe aus dem 18. Jahrhundert für Geschichtsnerds eine besondere Faszination. Briefe gaben Frauen die Möglichkeit, sich auszudrücken, ihre Erfahrungen und Eindrücke an andere weiterzugeben – und zwar zu einer Zeit, in der die ganze Gesellschaft männlich dominiert und geprägt war. Briefe waren nicht nur ein Instrument, um zu kommunizieren und in Kontakt mit anderen zu bleiben, sie waren auch ein Mittel zur Teilnahme an gesellschaftlichen Diskussionen und eine Möglichkeit zur Identifikation.

Anders als heutzutage war es nicht unüblich, empfangene Briefe abzuschreiben und sie Einzelpersonen oder sogar ganzen Gruppen vorzulesen, oder zumindest daraus zu zitieren. Viele Menschen veröffentlichten Briefe sogar, seien es ihre eigenen oder solche, die sie lediglich empfangen hatten. Schrieb man einen Brief, musste man damit rechnen, von mehr Menschen als nur den unmittelbaren Empfänger*innen nach dem Inhalt dieses Briefes beurteilt zu werden. Der Brief war also kein privates Medium, sondern immer mit einer gewissen Öffentlichkeit verbunden.

Das Private wird politisch

Ein weiterer Brief von Lady Mary Wortley Montagu verdient genauere Betrachtung, nämlich der aus Nürnberg. Darin nimmt sie ihren Besuch in dieser Stadt zum Anlass, um ihre Meinung über freie Städte und solche unter absolutistischer Herrschaft auf Papier zu bringen. Dies ist ein hoch politisches Thema und nichts, was man in den Briefen einer Frau im 18. Jahrhundert erwarten würde. Gerade, weil Briefe eben keine Privatmedien waren, hat dieser recht kurze Brief auf Lady Marys Feder große Relevanz. Sie entscheidet sich bewusst dafür, ihre Meinung zu einem politischen Thema kundzutun und Kritik an der absolutistischen Herrschaftsform zu üben, obwohl sie weiß, dass ihre Meinung zu diesem Thema sehr wahrscheinlich nach außen getragen werden wird. Es wird klar, dass Lady Mary Wortley Montagu versucht, einen distinktiven Kontrast zwischen verschiedenen Städten beziehungsweise ihren Herrschaftsformen zu zeichnen. Die Städte selbst sind lediglich ein Mittel, um ihre Kritik an absoluter Herrschaft zu äußern.

Kritik und politische Positionen, verpackt in einen Reisebericht, der vermutlich von mehr als nur der Empfängerin gelesen wird, machen deutlich, welche Möglichkeit das Medium Brief einer Frau im 18. Jahrhundert bot. Lady Mary nutzt die Option der Semi-Privatheit des Briefes, um sich zu Themen zu äußern, die im öffentlichen Diskurs rein männlich besetzt waren. Das dient nicht nur ihrer Positionierung zu einem politischen Thema, sondern auch der Selbstdarstellung und der Prestigegewinnung im Kreis der Leser*innen des Briefes.

Auch ihr Reisebericht über Regensburg ist faszinierend, weil sie sich – nicht zum ersten Mal – abfällig über den Katholizismus äußert. In diesem Brief ist sie noch direkter als in vorausgegangenen Reiseberichten, was erstaunlich ist. Zum Beispiel sei ihr in Regensburg eine vergoldete Greifenkralle gezeigt worden, die in einer Kirche aufbewahrt wurde zu der sie spöttisch fragt, ob der Vogel ein Heiliger gewesen sei. Sie muss sich vollkommen darüber im Klaren gewesen sein, dass ihre Reserviertheit bezüglich der katholischen Kirche bekannt werden würde. Zu Hause in England kannte sie mehrere Katholik*innen, unter anderem Alexander Pope, mit dem sie zu dieser Zeit befreundet war und in Briefkontakt stand. Durch ihren offenen Spott riskierte sie also Unstimmigkeiten in ihrem eigenen Freund*innenkreis.

Reiseberichte hat es immer gegeben. Allerdings gibt es nur wenige Quellen, die diese Städte aus der Perspektive einer adeligen Frau der Aufklärung beschreiben. Lady Mary Wortley Montagus Sichtweise ist damit einzigartig, vor allem, wenn man einen Blick auf ihre Ansichten bezüglich Politik, Religion und das Leben am Hof wirft. So bedient Lady Mary nicht nur die in der Geschichte oft vernachlässigte weibliche Perspektive, ihre Briefe bieten auch die Chance auf eine kritisch-vergleichende Sicht.

Als Mitglied des englischen Adels und gern gesehener Gast am englischen Königshof machte sie trotz ihrer fehlenden Bildung die Bekanntschaft von großen Denker*innen ihrer Zeit wie Pope oder Gay. Lady Mary schrieb also für ein sehr gebildetes und vor allem weltgewandtes Publikum. Unter diesem Aspekt betrachtet, fällt besonders auf, dass Lady Mary in vielen ihrer Briefe eine starke Gesellschafts- sowie Kirchenkritik übt. Sie nutzt ihre Autonomie als Briefschreiberin, um sich klar politisch zu positionieren, immer verknüpft mit den Städten, über die sie gerade schreibt. Sie scheut sich nicht, diese politischen Ansichten klar zu vertreten, und tut dies häufig auf eine sehr direkte Art und einen sehr spöttischen Schreibstil. Das macht sie für feministische Literaturfans und Geschichtsnerds gleichermaßen zu einer faszinierenden Persönlichkeit.

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