3 Engel für Charlie: Weibliche Ermächtigungsfantasie mit Luft nach oben

3 Engel für Charlie: Weibliche Ermächtigungsfantasie mit Luft nach oben

Mit neuer Besetzung um Kristen Stewart zielt „3 Engel für Charlie“ auf das feministische Publikum. Eine Gratwanderung zwischen bloßem Anbiedern und echter Ermächtigung, findet Feline.

Als ich im Teenie-Alter erstmals mein Interesse für Feminismus entdeckte, lag die Messlatte noch nicht besonders hoch. Es waren die frühen 2000er, Christina Aguilera und Lil’Kim beschworen knapp bekleidet das weibliche Selbstbewusstsein in ihrem Musikvideo zu „Can’t Hold Us Down“, und Destiny’s Child lieferten mit „Independent Women“ den Titelsong zu „3 Engel für Charlie“, einem Kino-Neuaufguss der gleichnamigen 70er-Jahre-Serie über drei toughe Agentinnen. In der recht albern-seichten Actionkomödie mussten die Heldinnen (Cameron Diaz, Lucy Liu und Drew Barrymore) anno 2000 bei all dem Independent-Sein trotzdem jederzeit einen sexy Blickfang abgeben. Ich tapezierte derweil mein Jugendzimmer mit Postern von wahllos zusammengewürfelten weiblichen Stars, von der burschikosen P!nk bis zum wandelnden Sexy-Latina-Klischee Jennifer Lopez. Da es Google noch nicht gab, suchte ich über Yahoo (oder vielleicht sogar Altavista?) nach dem Begriff „Feministen“ und wunderte mich, warum ich nur Ergebnisse über „männliche Feministen“ fand. So etwas wie gendern wäre mir damals nie in den Sinn gekommen.

Das junge, weibliche Publikum will mehr als nur „starke Frauen“

Knapp zwanzig Jahre später und der Feminismus ist so sehr im Mainstream angekommen wie wahrscheinlich noch nie. Umso höher liegt also die Messlatte für das erneute Kino-Reboot von „3 Engel für Charlie“: Das junge, weibliche Publikum will nicht mehr nur „starke Frauen“, die gleichzeitig als Eye Candy für Männer herhalten, sondern weibliche Figuren mit Ecken und Kanten, die unsere diverse Lebensrealität widerspiegeln. Den Titelsong mit dem ironischen Namen „Don’t Call Me Angel“ haben dann auch die stets pflichtbewusst feministisch auftretenden Ariana Grande, Miley Cyrus und Lana Del Rey eingesungen. Und auch Kristen Stewart als Zugpferd (keine Anspielung auf eine gewisse Szene beabsichtigt) unter den Hauptdarstellerinnen ist sorgsam gewählt, ist das ehemals blasse Twilight-Sternchen doch in den letzten Jahren erfolgreich zur queeren Ikone aufgestiegen. Die anderen Engel sind mit den Britinnen Naomi Scott (Jasmin aus der 2019er „Aladdin“-Verfilmung) und Ella Baliska noch eher unbekannte Gesichter.

Regie führte Elizabeth Banks, die außerdem als Bosley die Managerin der drei Spioninnen spielt – in der vorigen Version wurde die Rolle mit Bill Murray noch von einem Mann übernommen. Banks hatte schon 2012 als Produzentin bei „Pitch Perfect“ die Finger mit im Spiel, der seinerzeit immerhin solche feministischen Babysteps wagte, wie mit dem „Not Like Other Girls“-Trope zu brechen. Die Voraussetzungen könnten also schlechter sein.

„3 Engel für Charlie“ ist ein Film von Frauen für Frauen

Der erste Trailer war jedoch eher zum Fremdschämen, so sehr schien er auf den aktuellen feministischen Zug aufspringen zu wollen. „Pandering“ sagt man dazu im Englischen, wenn man sich allzu offensichtlich bei einer bestimmten Zielgruppe einzuschleimen versucht. Wurde das Girl-Power-Gebaren von Liu, Barrymore und Diaz in den 2000ern noch kaum als bedrohlich für das männliche Selbstbewusstsein wahrgenommen, so ist es im heutigen gesellschaftlichen Klima wohl ein geradezu politischer Akt, einen Film zu drehen – noch dazu als Frau – der sich vornehmlich darum dreht, dass drei Mädels beim Verkloppen männlicher Schurken coole Sprüche reißen. Und das ganz ohne sich dabei vom „male gaze“, dem männlichen Blick, objektifizieren zu lassen.

Von Anfang an lässt „3 Engel für Charlie“ keinen Zweifel: Dieser Film ist von Frauen für Frauen, und das ist auch sein größter Pluspunkt. Es sind Momente wie die Auftaktszene, die auch im Trailer vorkommt, wenn Sabina (Kristen Stewart), undercover mit langer blonder Perücke und rosa Glitzerkleidchen, einen Mann um den Finger wickelt: Er macht deutlich, dass Frauen für ihn ein hübsches Anhängsel sind und besser keine eigenen Meinungen und Ambitionen haben sollten. Als sie daraufhin kokett kichert und erwidert, dass sie aber findet, jedem sollten alle Möglichkeiten offenstehen, kann man die darunter brodelnde Wut förmlich spüren. Welche weiblich sozialisierte Person kennt es nicht: Man bleibt höflich, obwohl man dem Kerl am liebsten den Cocktail ins Gesicht schleudern würde.

3 Engel für Charlie: Undercover im Glitzerkleid. © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH
Undercover im Glitzerkleid. © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

So gut wie jede Frau dürfte diese Situationen kennen

Diese Interaktionen, sie kehren, wie im echten Leben, auch im Film immer wieder: Elena (Naomi Scott), leitende Programmiererin für ein neues, bahnbrechendes Technologieprodukt (dem „MacGuffin“ des Films), versucht ihrem Vorgesetzten ein lebensgefährliches Problem am Produkt zu melden – und wird belächelt, übergangen, klein gemacht, bis zum herablassend-übergriffigem Tätscheln ihres Handrückens. In einer weiteren Szene versucht sie ihre Firma zu betreten, und der junge Sicherheitsmitarbeiter besteht darauf, sie mit einem Metalldetektor abzusuchen, um sie dabei um ein Date zu bitten – was sie offensichtlich schon mehrfach abgelehnt hat. Männer wie die drei eben beschriebenen denken sich meist nichts bei solchen Aktionen. So gut wie jede Frau im Kino hingegen dürfte denken: Oh Gott, genau diese Situation habe ich schon mal erlebt. Und ob kalkuliert oder nicht – es ist zweifellos befriedigend, sich zwei Stunden lang der Vorstellung hinzugeben, in einer alternativen Welt könnten wir diesen Typen einfach in die Eier treten und das Ganze wäre erledigt.

Streckenweise eine vergebene Chance – trotz überraschendem Ende

Aber genug des Lobes – dass der Film ein relativer Flop an der Kinokasse war (in den USA startete er bereits im November), liegt leider nicht nur an irgendwelchen MRAs, die diese Inkarnation der „Engel“ vermutlich als „Feminazi“-Scheiße bezeichnen würden. Mit dem grundlegenden Konzept, drei ebenso fähigen wie unverbrauchten Hauptdarstellerinnen und einem gesellschaftlichen Klima, das nach kompetenten Frauenfiguren schreit, hätte man vielleicht keine große Kunst, aber doch einen ordentlichen Kinospaß hervorbringen können. Stattdessen hat der Film leider etliche Längen, diverse nicht zündende Gags, viele vorhersehbare 08/15-Plot-Points und olle Tropes, sowie eine Kristen Stewart, der man ihre tollpatschige Figur nicht abkauft. Das ist alles nicht weiter tragisch, weil das „3 Engel für Charlie“-Franchise eben nie mehr als seichte Unterhaltung war, und einen vergnüglichen Filmabend gibt auch diese Fassung durchaus her.

Trotzdem fühlt sie sich streckenweise wie eine vergebene Chance an – auch wenn der Film es am Ende unerwarteterweise schafft, zumindest mich als Zuschauerin doch noch zu überraschen. Seine besten komödiantischen Momente hat „3 Engel für Charlie“ immer dann, wenn altbekannte Tropes selbstironisch gebrochen werden (wer sucht, findet womöglich sogar einen Seitenhieb auf Naomi Scotts pseudo-woke Rolle in „Aladdin“). Und sollte es einen zweiten Teil geben, würde ich ihn mir glatt anschauen, in der Hoffnung, dass man die Schwächen bei Drehbuch und Tempo beim nächsten Versuch ausbügelt.

Und so bleibt am Ende wohl nur die Frage: Muss ein Film gut sein? Reicht es nicht, wenn man als Frau danach aus dem Kino kommt und sich so fühlt, als ob man gerade mindestens soviel Swag hätte wie die bildschöne Ella Baliska in ihrem 70er-Jahre-Pailletten-Einteiler?

„3 Engel für Charlie“ startet am 2. Januar deutschlandweit im Kino.

Fotos: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

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