Die Bäckerei brennt – Frauen und die Bekämpfung der Klimakrise

Die Bäckerei brennt – Frauen und die Bekämpfung der Klimakrise

Ein Gastbeitrag von Julia Pesch und Kathrin Henneberger mit Illustrationen von Madeleine Richter.

„Destroy the patriarchy, not the planet“, so stand es auf einem Schild auf dem Frankfurter Women’s March im Januar 2019. Die Demonstrant*innen protestierten an diesem Tag gemeinsam für Frauenrechte – und den Planeten? Die Frage, was die Klimakrise und Feminismus miteinander zu tun haben, wird oft gestellt. Auf den ersten Blick mag es scheinen, als gäbe es keine Verbindung, doch die Themen sind eng miteinander verbunden. 

Auswirkungen der Klimakrise – Frauen deutlich stärker betroffen als Männer

Zahlreiche Studien belegen, dass insbesondere in Ländern des Globalen Südens Frauen deutlich stärker von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen sind als Männer. Aber nicht, weil sie „schwächer“ sind, sondern aufgrund ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft und Familie: Sie haben häufig geringeren Zugang zu Bildungsmöglichkeiten, medizinischer Versorgung, Erwerbsarbeit sowie der Möglichkeit, Land zu besitzen. Die Mehrheit der Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, sind Frauen. Besonders in ländlichen Regionen sowie indigenen Gemeinschaften sind Frauen existenziell von der Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen, wie zum Beispiel Wasser und funktionierenden Ökosystemen, abhängig. Kollabieren diese, verlieren sie ihre Lebensgrundlage. Hinzu kommt: Frauen sind nicht gleichberechtigt in politischen Entscheidungsstrukturen vertreten – auf regionaler sowie internationaler Ebene –, die über Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen bestimmen. 

Auch der Weltklimarat (IPCC) wies 2013/14 in seinem Fünften Sachstandsbericht auf die hohe Verwundbarkeit von Frauen im Kontext der Klimakrise hin. Frauen sind in vielen Regionen der Welt für die Versorgung der Familie mit Trinkwasser zuständig. Bei Dürren nehmen die immer länger werdenden Wege Frauen und jungen Mädchen die Zeit für Bildung und Erwerbsarbeit weg. Auch durch die deutlich höhere Todesrate von Frauen bei Extremwetterereignissen und die höhere Gefährdung im Falle von Konflikten und auf Fluchtrouten sind Frauen von der Klimakrise deutlich stärker betroffen als Männer. 

Beteiligung von Frauen zur Bekämpfung der Klimakrise notwendig

Auf UN-Klimakonferenzen liegt der Anteil von Frauen zwischen 30 und 40%. Wirtschaftssektoren wie der Energiesektor, dessen Gestaltung von entscheidender Bedeutung für die Lösung der Klimakrise ist, zeigen ein ernüchterndes Bild, wenn es um die Beteiligung von Frauen geht: Laut statistischem Bundesamt (2018) arbeiten in Deutschland nur im Bausektor weniger Frauen als im Energiesektor. Die Chefetagen der Energieunternehmen sind sogar zu 88% mit Männern besetzt. Auch eine kürzlich erschienene Studie der Organisation „Equal Measures 2030“ zeigt: Frauen sind vor allem in Macht- und Entscheidungspositionen unterrepräsentiert. 

Das patriarchale System sorgt seit langer Zeit dafür, dass der Zugang zu Ressourcen wie Macht, Geld und Zeit für Frauen stark begrenzt wurde und immer noch ist. Diese Strukturen gilt es in Fortführung der vielen Kämpfe mutiger Menschen in der Vergangenheit weiter aufzubrechen. Frauen müssen auf allen Ebenen gleichberechtigt beteiligt werden, nicht nur, weil sie zuerst sowie stärker von der Klimakrise betroffen sind als Männer, sondern weil sie Wissen, Kompetenzen und ihre eigene Art haben, Politik zu gestalten. Denn Gerechtigkeit bedeutet eben auch, dass Menschen über ihre Zukunft mitbestimmen können und sich repräsentiert fühlen. 

Eine Rednerin fasste es auf dem Frankfurter Women’s March treffend zusammen: „Wir wollen kein Stück vom Kuchen – wir wollen eine neue Bäckerei!“ Auf Greta Thunbergs Worte übertragen brennt die jetzige Bäckerei ohnehin bereits. Denn patriarchale, kolonial-rassistische gesellschaftliche Strukturen in Verbindung mit einem Wirtschaftssystem, das auf der Ausbeutung von Natur und Mensch beruht, haben uns in die Klimakrise, in eine Systemkrise, geführt. Ziel muss es nun sein, das Feuer zu löschen und eine neue Bäckerei aufzubauen, sodass am Ende nicht nur die Klimakrise bekämpft, sondern auch eine sozial-ökologische gerechte Gesellschaft aufgebaut wird, insbesondere für alle marginalisierten Frauen und Menschen. Mit weniger werden wir uns nicht zufriedengeben!

Perspektiven von Frauen des globalen Südens

Hindou Oumarou Ibrahim (Illustration von Madeleine Richter)
Hindou Oumarou Ibrahim (Illustration von Madeleine Richter)

Hindou Oumarou Ibrahim ist die Koordinatorin der “Indigenous Women and Peoples’ Association of Chad” (AFPAT)

„Die Klimakrise ist in meinem Zuhause, dem Tschad, kein Problem der Zukunft. Sie ist für uns grausame Realität. Unaufhaltsam breitet sich hier die Wüste der Sahara aus und schrumpfen die großen Binnengewässer, erschweren die ohnehin schon extremen Lebensbedingungen der Bevölkerung. Im letzten Jahrzehnt stieg die Anzahl von Hitzewellen mit Temperaturen von 45°C bis 50°C an. Diese hohen Temperaturen sind eine tödliche Gefahr für Kinder, alte Menschen und Schwangere. Dürren werden länger und um das wenige verbliebene fruchtbare Land entstehen teilweise gewalttätige Konflikte. Ich befürchte, dass es meine Gemeinschaft, die Nomaden der Peul, bald nicht mehr geben wird. Unsere Lebensgrundlage, die Kühe, mit denen wir seit Jahrhunderten wandern, finden immer weniger Nahrung. Um ihre Familien zu ernähren, beginnen die Männer, Arbeit in den Städten zu suchen, während die Frauen bei der Gemeinschaft bleiben. Um ihre Kinder vor Hunger zu bewahren, sind sie die ersten, die auf ihr Essen verzichten.“

Dorothy Nalubega (Illustration von Madeleine Richter)
Dorothy Nalubega (Illustration von Madeleine Richter)

Dorothy Nalubega ist Teamleiterin für Umwelt & Nachhaltigkeit in der Umweltorganisation „Rangelands and Cattle Corridor Conservation Network“ in Uganda

Die Klimakrise verstärkt in Uganda bestehende Ungerechtigkeiten und zerstört die Lebensgrundlage. Dürren mindern unsere Ernten und verknappen die Verfügbarkeit von Wasser. Unterernährung als Folge ist für Schwangere oder stillende Mütter ein besonderes Problem. Babys und Kleinkinder, die unter Hunger leiden, merken die Folgen ein Leben lang. Als „Teufelskreislauf“ wird das sich so fortsetzende Armutsrisiko beschrieben. Frauen sind auf andere Weise von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen als Männer, da sie bei uns zuständig sind für Mahlzeiten, die Organisation von Wasser sowie Feuerholz. Besonders für Wasser müssen Frauen nun längere Wege gehen. Junge Frauen berichten wiederholt, wie sie deshalb verstärkt von Männern sexuell belästigt werden. Ich finde es wichtig auch diese Folgen der Klimakrise klar zu benennen. Ein weiteres Problem: Die Zahl junger Mädchen steigt, die die Schule abrechen. Fehlt ihnen eine Schulausbildung, bildet sich auch hier ein Teufelskreislauf der Armut.

Über die Autorinnen

Julia Pesch und Kathrin Henneberger (Illustration von Madeleine Richter)
Julia Pesch und Kathrin Henneberger (Illustration von Madeleine Richter)

Die Autorinnen Julia Pesch und Kathrin Henneberger engagieren sich gemeinsam unter anderem im Verein „Institute of environmental justice e.V.“, der sich Themen der globalen Umweltgerechtigkeit widmet. Ein Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit Frauen in Ländern des globalen Südens. 

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