Noch ein anonymes Coming-Out

Noch ein anonymes Coming-Out

Trigger-Warnung: Selbstverletzung, Homo- und Bifeindlichkeit, suizidales Verhalten

Gerade erst ist ein anonymes Coming-Out auf der *innenAnsicht erschienen [klick!]. Heute folgt meines. Und mir bricht das Herz, weil wir noch immer in einer Welt leben, in der solche Geschichten anonym erzählt werden – damit alle sich weiterhin sicher fühlen können, damit niemand Angst haben muss, die falschen Leute könnten das im Internet lesen.

Teil 1: Lesbisch, aus Mangel an Wörtern.

Ich hatte mit 13 mein erstes Coming-Out. Wenn ich Menschen das erzähle, sagen sie häufig: „Krass, ganz schön früh.“ Wenn heterosexuelle Menschen mit 13 das erste Mal verknallt sind, kommentiert das niemand. Mitten in der Pubertät hatte ich mich also hoffnungslos in eine Mitschülerin verschaut und dann im Fernsehen das erste Mal ein lesbisches Pärchen gesehen. Und natürlich dachte ich: „Da! Das bin ich! Dieser Begriff!“ Denn als ich 13 war, gab es noch keine große Sichtbarkeit. Es gab hetero, es gab homo, das war’s, länger wurde die Liste nicht. Und für mich war klar: Ich habe mich in ein Mädchen verliebt, also muss ich wohl lesbisch sein.

Das habe ich dann auch meinen Eltern erzählt. Mein Vater hat aufgehört mit mir zu reden, einfach so, bestimmt drei Monate kein Wort. Bis heute schweigen wir über meine sexuelle Orientierung, er hat noch nie eine Person getroffen, die ich gedatet habe und auch nie danach gefragt. Meine Mutter hat mir einen Vorstellungstermin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie besorgt. Zu meinem Glück haben die Menschen dort gesagt, dass es keinen Grund gibt, mich zu behandeln, aber dennoch: Das Gefühl, dass etwas ganz Grundlegendes mit mir falsch ist, dass ich krank bin, das ist geblieben.

Drei Jahre später bin ich zu meinem ersten Christopher Street Day (CSD) gefahren. In dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, gab es keinen eigenen, aber die lokale queere Jugendgruppe hat einen Ausflug in die Landeshauptstadt organisiert und ich bin mitgekommen. Meiner Familie habe ich nur gesagt, dass wir in die Stadt fahren, mehr nicht. Als ich am Abend heimgekommen bin, erschöpft aber glücklich, fragte meine Oma besorgt und schockiert, ob ich „diese Leute“ auf der Straße gesehen hätte. Sie hat sich nicht mal getraut, die Wörter „schwul“ oder „lesbisch“ zu verwenden. Später hat meine Mutter gesagt, ich solle doch meiner Oma lieber nichts von dieser Phase erzählen, die ich da gerade hätte.

Eine Phase, das war das allgemeine Narrativ, zu dem meine Mutter übergegangen war. Und wow, ging es mir schlecht, als ich mich dann tatsächlich in einen Jungen verliebt hatte. Auf gar keinen Fall sollte sie recht behalten. Ich wollte ernst genommen werden und wenn ich nun doch hetero wäre, wie sollte mir jemals wieder irgendjemand irgendwas glauben, das ich über mich selbst erzähle? Dann habe ich das Wort „bisexuell“ kennengelernt.

Teil 2: „Bisexuelle Menschen sind unentschlossene Schlampen.“

Mit dem Wort bisexuell habe ich auch die vielen Vorurteile drum herum kennengelernt. Unter anderem, dass bisexuelle Menschen häufig wechselnde Partner*innen haben, weil alle bisexuellen Menschen „Schlampen“ seien. Ich war jung und habe das nicht wirklich reflektiert und einfach als Wahrheit angenommen. Die Phase des Experimentierens begann.

Ziemlich schnell durfte ich feststellen: Ja, ich habe Spaß daran, meine Sexualität auszuleben. Ja, ich kann auch Männer attraktiv finden und mit ihnen schlafen und das okay finden. Aber so richtig gut ist es eben doch eher mit Frauen.

In der gleichen Phase meines Lebens habe ich die Homofeindlichkeit, die meine Familie mir mitgegeben hat, mit mir herumgetragen. Noch dazu die Frauenfeindlichkeit der Gesellschaft internalisiert. Und mich selbst für eine „Schlampe“ [klick!] gehalten, weil bisexuell. Der Selbsthass wuchs und wuchs und wurde irgendwann so groß, dass ich ihn nur noch gegen mich selbst richten konnte. Lange Partynacht, mit irgendeiner Person heimgehen, Sex haben, danach meine Beine aufschneiden, denn wie kann ich nur diesen Lebensstil gut finden?

Irgendwann mitten in diesem Selbsthass und diesem selbstzerstörerischen Verhalten habe ich eine Person kennengelernt, die ich sehr toll fand. Eine transgeschlechtliche Person, mitten in der Transition. Und darauf haben sowohl Familienmitglieder als auch sogenannte Freund*innen mit Unverständnis, Hass und Gewalt gegen uns beide reagiert. Weil das hier eine Coming-Out-Story ist, werde ich an dieser Stelle nicht erzählen, was noch alles in meinem Leben los war. Es war einiges, ich war an einem psychischen Nullpunkt. Ich konnte nicht mehr. Also habe ich mehrere Packungen Schlaftabletten gekauft und alle auf einmal genommen. Zwei Minuten später bin ich zur Toilette gerannt, habe mir den Finger in den Hals gesteckt und alle wieder ausgekotzt.

Teil 3: Pansexuell, queer, sollte ich mich für mein Label interessieren?

Zeitsprung: Einige Jahre und viel feministische Lektüre später. Bis heute traue ich mich nicht richtig in die sogenannte queere Community. Was, wenn ich doch furchtbar queer bin und das dann feststelle? Ich habe in den letzten Jahren mehr oder weniger glückliche und ernsthafte Beziehungen mit Männern geführt. Ich bin meine psychischen Probleme nicht vollständig los, aber kann ehrlich sagen, dass ich an einem guten Punkt stehe.

Bei den Menschen in meinem Umfeld habe ich mich entweder als pansexuell oder queer geoutet. Menschen, die mich sehr gut kennen, wissen, dass ich mir bei meiner Geschlechtsidentität genauso unsicher bin wie bei meiner sexuellen Orientierung. Manchmal verweigere ich mich einem Label und der Auseinandersetzung, weil das doch eh alles nicht so wichtig sein sollte. Dann wieder will ich dringend hetero sein, weil die verinnerlichte Homofeindlichkeit laut wird. Aber was, wenn ich doch viel, viel mehr queer bin, als ich zugeben will?

Anfang des Jahres habe ich mir selbst versprochen, dieses Jahr nicht mit Männern zu schlafen. Einfach nur, um herauszufinden, wie ich das finde. Ob mir da was fehlt. Ob ich was vermissen werde. Nach der Hälfte des Jahres konnte ich definitiv sagen: Nein, da fehlt nichts. Neulich fand ich eine männlich gelesene Person sehr spannend, aber erst nachdem ich erfahren habe, dass dieser Mensch nicht-binär-transgeschlechtlich positioniert ist. Ich fühle mich zu Frauen und queeren Menschen hingezogen und das macht mir Angst, obwohl mein erstes Coming-Out doch schon über zehn Jahre her ist.

Ich habe Angst, wieder Hass und Gewalt und Unverständnis zu erfahren. Ich habe Angst, wieder in meinen Selbsthass zurück zu fallen. Ich habe Angst, dass mir wieder niemand glaubt und dass ich mir selbst nicht glaube.

Vor ein paar Wochen habe ich drei großartige Frauen kennengelernt, mit denen ich gerade neue Freundschaften aufbaue. Bei allen dreien habe ich nebenbei, in einem Nebensatz, als wäre es keine große Sache, sowas gesagt wie: „…damals, als ich mich als lesbisch geoutet habe…“. Mein Herz hat gerast und ich war mir sicher, dass sie mir ansehen, dass ich furchtbar nervös bin und mir selbst nicht glaube bei diesem Wort „lesbisch“. Alle drei haben keine große Sache daraus gemacht. Sie gehen liebevoll und achtsam mit diesem Thema um und sind nun die ersten Menschen in meinem Umkreis, die mich wieder als lesbisch kennen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das überhaupt bin. Oder vielleicht doch eher trans. Oder irgendein anderes Label, das vielleicht gar nicht wichtig ist. Was ich sagen will:

So ein Coming-Out ist verdammt anstrengend in einer Welt voller Homo- und Frauenfeindlichkeit. Ein Coming-Out vor sich selbst, auch inneres Coming-Out genannt, kann über ein Jahrzehnt andauern. Und zu navigieren, wie queer man selbst ist, wird nicht einfacher, wenn Menschen mit Hass und Unverständnis reagieren.

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