Deutschland spricht – ohne mich: Warum ich mich nicht mit „politischen Gegnern“ treffen möchte

Deutschland spricht – ohne mich: Warum ich mich nicht mit „politischen Gegnern“ treffen möchte

Das Projekt „Deutschland spricht“ geht in die dritte Runde. Bundesweit werden sich Nachbar*innen mit unterschiedlichen politischen Ansichten miteinander unterhalten. Diese Gespräche sollen Vorurteile abbauen – trotzdem werde ich mich nicht beteiligen.

„Lernen Sie jemanden kennen, der ganz anders denkt als Sie! (…) Wir vermitteln Ihnen ein Gespräch mit einem politischen Gegner (sic!)“, fordert mich Zeit Online Mitte August auf. Denn „der Dialog, der für eine Demokratie unabdingbar ist, stirbt“, droht die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Am kommenden Mittwochnachmittag im Oktober sollen dieser politische Gegner und ich uns dann zu einem Vier-Augen-Gespräch treffen – unter dem Motto „Deutschland spricht“.

Angebot wie Ansprache finde ich sehr serviceorientiert von Zeit Online und ordentlich dystopisch von der FAZ. Allerdings bin ich als Frau und Feministin im Internet unterwegs. Das bedeutet: Ich lerne ständig Leute kennen, die „ganz anders“ denken als ich. Ich trete andauernd in Dialog, ohne dass jemand mir „politische Gegner“ erst aufwändig vermitteln müsste. Die finden mich von allein. Wenn sie mich und meine politische Haltung dann wortreich abqualifizieren, sitzen wir uns allerdings nicht bei Kaffee und Kuchen gegenüber, sondern sind dank Internet räumlich voneinander getrennt.

Als die Idee zu „Deutschland spricht“ vor der Bundestagswahl 2017 erstmals in deutschen Redaktionen aufkam, wusste ich nicht genau, warum sich alles in mir sträubte. Miteinander reden, einander zuhören, gegenseitiges Verständnis entwickeln, wirkt ja erstmal gut. Und gesellschaftliche Polarisierung klingt so fies, da kann ein Abbau ja auch nicht so falsch sein, oder?

Aber als im August 2019 erneut die Suche nach Gesprächsteilnehmer*innen startete, wurde mir immer klarer: Ohne mich.

Deutschland spricht – über statt mit Betroffenen

Diese Gespräche „mit einem politischen Gegner“ mag sich ganz nett vorstellen, wer sich über politische Sachfragen austauschen kann, die das eigene Leben nur streifen. Der Verhaltensökonom Armin Falk, der mit zwei Kollegen „Deutschland spricht“ wissenschaftlich begleitet hat, erklärt im Interview mit Zeit Online, dass die Gespräche in der Vergangenheit besonders dann viele Vorurteile abbauen konnten, wenn die Beteiligten sehr unterschiedlich waren. Zum Beispiel, wenn „jemand, der Migration für unproblematisch hält, mit jemandem gesprochen hat, der sie für den Untergang des Abendlandes hält“.

Anders ausgedrückt: Wenn keine*r von beiden tatsächlich eine Migrationsgeschichte hatte und das Thema für beide eine Art Debattierclub-Aufgabe war. Wenn keine*r von beiden nicht damit rechnen mussten, erstmal lang und breit verteidigen zu müssen, warum er*sie Menschenrechte in Anspruch nehmen will. Wenn beide nicht damit rechnen mussten, dass aus der üblichen sprachlichen Gewalt körperliche Gewalt wird. Tatsächlich lässt der Rückblick „Treffen sich zwei Gegensätze“ von Zeit Online genau darauf schließen. Statt Gegensätzen sehe ich da nämlich nur Menschen, die ich als weiß lese. Und während es in den umstehenden Zitaten dauernd um den Islam geht, ist beispielsweise keine verschleierte Muslima zu sehen. Offenbar wurde bei „Deutschland spricht!“ lang und breit über Betroffene gesprochen, aber zu keiner Zeit mit ihnen.

Gespräche mit politischen Gegner*innen kann ich auch ohne „Deutschland spricht“ haben

Zu den „kontroversen Fragen“, die 2019 zur Vorauswahl der Gesprächsbeteiligten gestellt werden, gehört auch „Haben Frauen in Deutschland die gleichen Chancen wie Männer?“ Sicherlich könnte ich als Feministin da einen Karl-Heinz finden, der das mit mir diskutieren möchte. Aber ganz ehrlich? Als Social Media-Moderatorin für verschiedene Projekte bekomme ich jeden Tag „Gesprächsangebote“ zu diesem und artverwandten Themen. Das sieht zum Beispiel so aus: „IHR seid SCHEISSE“ oder, etwas wortgewandter: „Wenn man sich nicht wie eine Prostituierte kleidet, sondern normal freizügig für Mitteleuropa, wird man auch maximal von Jugendlichen und Betrunkenen belästigt.“ Unter anderem also: Beleidigung, Abwertung von Sexarbeiter*innen und Victim Blaming, die Unterstellung, dass Opfer selbst schuld an der erfahrenen Gewalt seien. Danke, aber nein danke.

Mensch kann jetzt sagen: „Naja. Das sind aber halt auch nur Direktnachrichten auf Facebook. Da lassen sich die Leute halt hinreißen. Vielleicht ist das ja nicht einmal der echte Name und Anonymität macht ja komische Sachen mit den Leuten, ne?“

Das verkennt einerseits, dass das Internet keine vom realen Leben losgelöste Blase ist, in der anonyme Trolle und Hassmail-Schreiber*innen keinen Schaden anrichten könnten. Die Forschung geht aber im Gegensatz dazu davon aus, dass von krasser Hate Speech Betroffene ähnliche Reaktionen zeigen wie Menschen, die anderen traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren1.

Andererseits tut es so, als wäre es automatisch geil, wenn Karl-Heinz sich im Rahmen von „Deutschland spricht“ ganz anders verhält. Klar, es ist möglich, dass er am Café-Tisch um die Ecke dann lammfromm und sehr verständnisvoll ist. Vielleicht hält er mich im Anschluss sogar für eine Ausnahme, für die eine Feministin, die irgendwie doch ganz okay war. Dann habe ich Karl-Heinz zwar erfolgreich von meiner Menschlichkeit überzeugt. Aber seine neu gefundene Toleranz reicht dann erfahrungsgemäß noch nicht mal bis zu meiner Freundin, die mir recht ähnlich ist, und schon gar nicht bis zur erwähnten Sexarbeiterin.

Für marginalisierte Menschen besteht die Gefahr traumatisierender Begegnungen

Aber warum sollte ich überhaupt auf hypothetisches Verständnis an einem Café-Tisch setzen? Nur weil es theoretisch möglich sein könnte, dass Karl-Heinz und ich eine gemeinsame Basis finden würden (nämlich, dass alle Menschen Rechte haben), heißt das nicht, dass ich dieses Risiko eingehen möchte oder gar moralisch dazu verpflichtet wäre, um die Polarisierung in Deutschland aufzuhalten. Schon gar nicht, wenn dieser Antifeminist dank „Deutschland spricht“ im Anschluss wüsste, dass ich um die Ecke wohne, wie ich heiße und unter welcher Mailadresse er mich erreicht.

Dabei wäre meine Position noch eine recht privilegierte: Ich bin weiß, ich bin cis, ich bin schlank. Dank akademischer Bildung und viel Lektüre habe ich eine Menge Argumente, die ich auch formulieren kann. Dass ich eine Frau bin, ist der einzige strukturelle Angriffspunkt, den mensch auf den ersten Blick sehen kann.

Wer allerdings beispielsweise als Schwarze Person, als trans Person, als mehrgewichtige Person, als geflüchtete Person (…) einem „politischen Gegner“ gegenübertritt, setzt sich viel stärker als ich einer potenziell traumatisierenden Begegnung aus. Dafür, dass große deutsche Redaktionen am Ende rührselige Artikel darüber schreiben können, dass mensch auch mit Rechten „eine gute Zeit“ haben könne. Dafür, dass „Deutschland spricht“ am Ende mindestens zum Teil eine PR-Aktion ist.

Ganz ehrlich? Ich habe besseres zu tun, als Karl-Heinz zwei Stunden lang beim deutschtümelnden Phrasendreschen zuzuhören und dabei zu versuchen, ihm ein bisschen Empathie und Menschlichkeit abzuringen. Ich verbringe diese Zeit lieber damit, marginalisierten Menschen zuzuhören, die in Deutschland tatsächlich selten zu Wort kommen.

Ihr auch? Dann findet ihr hier eine sehr unvollständige Auswahl famoser Instagram-Accounts:

@ffabae: Fabienne Sand erklärt in ihren Storys ausführlich Konzepte wie Kulturelle Aneingnung und warum es ein Privileg ist, weiß zu sein.

@mine_undclaudia: Hier entlang, wenn ihr mehr über trans*inter*nonbinary*Feindlichkeit wissen möchtet – nicht nur theoretisch, sondern auch ganz konkret im Alltag.

@fraugehlhaar: Laura Gehlhaar schreibt unter anderem über Inklusion und Behinderung und in den letzten Monaten auch über Fernbeziehungen.

@nadire.biskin65: Für Wissen über antimuslimischen Rassismus und Gentrifizierung in Berlin, seid ihr bei Nadire Biskin richtig. Außerdem hat sie für „Nicht nur Mütter waren schwanger“ Gedichte beigesteuert.

@nhile_de: Nhi Le schreibt unter anderem über Rassismuserfahrungen als asiatische Frau, Hate Speech und Feminismus. Ein Interview findet ihr hier.

@wirmuesstenmalreden: Neben Rassismus geht es hier insbesondere um Fettfeindlichkeit. Ein Interview über Netzaktivismus, Intersektionalität und Body Positivity mit Julia und Esin findet ihr hier.

1 Leets, L. (2002). Experiencing Hate Speech: Perceptions and Responses to Anti-Semitism and Antigay Speech. Journal of Social Issues, 58 (2), 341-361.

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