Aktmodell stehen – Ein Selbstversuch

Aktmodell stehen – Ein Selbstversuch

Warum ich mich freiwillig als Aktmodell für die örtliche Kunsthochschule gemeldet habe, weiß ich selbst nicht so genau. Ich wollte neue Erfahrungen sammeln, mal was anderes machen, eine lustige Geschichte zu erzählen haben und vielleicht auch einfach über mich hinauswachsen.

Dementsprechend sagte ich hastig zu, als Monate später eine kurzfristige Anfrage kam. Ich wollte sichergehen, dass ich es mir nicht wieder anders überlege. Die Sache ist: Ich lerne noch, meinen Körper zu lieben. Ich trage Plus-Size-Größen und mein Körper hat mehr Masse und Kurven, als die Körper, die in den Medien als normschön dargestellt werden. Sich vor fremden Menschen auszuziehen und nackt zu präsentieren, ist dementsprechend nicht leicht für mich. Am Ende habe ich mich aber tatsächlich getraut. 90 Minuten, 15 Posen, die ich mir selbst überlegen und zwischen einer und 20 Minuten halten musste.

Was mir schon zu Beginn auffiel, war, dass alle Menschen im Raum offensichtlich schlanker waren als ich. Es ist kein besonders schönes Gefühl, das dicke Mädchen zu sein, das nackt auf einem Podest als Objekt für dünnere Menschen existiert. Doch ich wurde so nett und freundlich angenommen, dass dieser Gedanke schnell ganz klein wurde. Ich habe kein Problem mit Nacktheit. Ich gehe in Saunen, mein Intimbereich wird in einem Waxingstudio gewaxt und ich bin durch meine ehrenamtliche Arbeit oft in Gemeinschaftsschlafsälen untergebracht. Aber nichts davon hat mich auch nur ansatzweise darauf vorbereitet, nackt zu posieren.

Die ersten Minuten waren … nervenaufreibend. Ich dachte über mich und meinen Körper nach und keiner dieser Gedanken war freundlich oder positiv. Dann stellte ich fest, dass ich vom Podest aus sehen konnte, was die Kursteilnehmer*innen malten. Durch die Posen war mein Blick meist für mehrere Minuten auf einen Fleck gerichtet und schnell posierte ich so, dass es mir möglich war, den Zeichenprozess der einzelnen Künstler*innen mitverfolgen zu können. Was ich sah, war erstaunlich. Die etwa zwanzig Anwesenden malten zwanzig unterschiedliche Körper. Jede*r hatte mich als Modell, dennoch glich keine Zeichnung der anderen. Ich hatte erwartet, dass am Ende alles recht gleich aussehen würde, doch schnell wurde mir bewusst, dass jede*r der Anwesenden mich mit anderen Augen sah. Eine junge Frau malte ausschließlich meine Ellenbogengelenke, eine andere nur meine Brüste. Diese Brüste machen sich übrigens ganz hervorragend auf schwarzer Pappe mit orangefarbenen Nippeln.

Ein Mann überspitzte jede meiner Körperformen, machte mich sehr viel dicker als ich in Wirklichkeit bin. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, haben mir seine Zeichnungen am besten gefallen. Seine Skizzen waren wunderschön und es war für mich kaum greifbar, dass er diese Schönheit in mir sah. Ich habe die meisten der Zeichnungen der Kursteilnehmer*innen im Laufe dieser 90 Minuten gesehen und jede war kreativ, vielschichtig und manchmal auch etwas lustig. Vor allem jedoch war jede auf ihre Art schön. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es immer. Und dieser Aktzeichenkurs hat mir gezeigt, dass das nicht nur ein alberner Motivationsspruch, sondern schlichtweg die Realität ist. Ich hatte die unfassbare Gelegenheit, mich aus der Sicht von 20 verschiedenen Menschen zu sehen, Menschen, die sich bei mir nach der Stunde für meine Mühe bedankten und mir sogar mitteilten, dass sie die Posen sehr gut zu malen fanden. Die Organisatorin, die mich durchgehend als eine Art Waldtroll gemalt hatte, hat sich sehr ehrlich bei mir bedankt und mich nach meinen Gefühlen und Eindrücken von „da oben“ gefragt. Sie überlege, auch einmal Modell zu stehen, um ihre Modelle besser nachvollziehen zu können. Ich war überrascht, denn damit war wirklich auch meine letzte Angst, nämlich die, nur als Objekt wahrgenommen zu werden, beseitigt. Am Ende sagte sie mir noch, dass mein Körper sehr schön zu malen sei, da sich sonst eher normschöne Modelle meldeten.

Den Kurs verlassen habe ich mit meiner Aufwandsentschädigung und vor allem einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein und neuer Body Positivity, also einem sehr positiven Gefühl bezüglich meines eigenen Körpers. Ich habe viel mehr bekommen als nur eine interessante Story. Dort in diesem Kunstraum, im Keller der Uni, waren ich und mein Körper genau das, was gesucht wurde. Ich war ausschließlich dafür da, Raum einzunehmen, auf einem Podest zu stehen und Kunst zu inspirieren. Diese Erfahrung werde ich für immer mitnehmen und wann immer ich einen negativen Gedanken bezüglich des Aussehens meines Körpers habe, rufe ich mir die Zeichnungen ins Gedächtnis.

Ich kann allen Menschen, egal welcher Körperformen, nur empfehlen, sich in Räume zu trauen, von denen sie nicht denken, dass sie für ihre Körper gemacht sind. Wachst über euch hinaus, probiert diese eine Sache, die euch schon immer gereizt hat, einfach mal aus. Vielleicht wird es großartig. Und wenn nicht, na ja, ich sage es mal so, den Preis für den interessantesten Gelegenheitsjob gewinne ich in meinem Freund*innenkreis auf jeden Fall.

6 thoughts on “Aktmodell stehen – Ein Selbstversuch

  1. Ich habe auch schon mal als Aktmodell gestanden und fand es auch nicht schlecht. Wir haben im Kunstleistungskurs der Oberstufe Aktzeichnen gemacht und da ich der einzige Schüler war der über 18 Jahre alt war hat mich meine Kunstlehrerin gefragt ob ich nicht nackt Modell stehen möchte. Ich haben mich dann überwunden und als Aktmodell gestanden was im ersten Moment natürlich sehr ungewohnt war mich nackt vor 28 Schülern und zwei Lehrerinnen zu zeigen, das habe ich dann 3 mal für jeweils 4 Stunden gemacht sodass es mir nachher gar nichts mehr ausgemacht hat nackt zu sein. Dir einzige peinliche Situation war das ich in der ersten Sitzung eine Erektion bekommen habe was aber die Lehrerin als völlig normal runtergespielt hat zum Glück ist mir das kein zweites mal passiert.

  2. Danke für den Artikel,
    bei mir war das erste mal Aktmodell stehen auf einer Ausstellung. Weil das ursprüngliche Aktmodell kurzfristig abgesagt hat fragte mich eine Freundin ob ich nicht einspringen kann. Nachdem ich ja gesagt habe sagte sie mir das ich für 3 Stunden auf ihrer Ausstellung stehen soll weil dort ein offenes Aktzeichnen statt finden soll bei der die Besucher mit zeichnen können oder den Zeichner über die Schulter schauen können. Einmal zugesagt konnte ich nicht mehr zurück, fand es auch spannend nackt auf einer Ausstellung zu stehen und fand mich auf einen Podest stehend während mich die Besucher der Ausstellung als Aktmodell sehen konnten. Einige Besucher zeichneten mich oder sahen einfach nur zu ich wäre am liebsten weg gelaufen habe aber durchgehalten selbst als auf einmal zwei Arbeitskolleginnen die unter den Besucher da waren vor mir standen und mich in Ruhe von mehreren Seiten zeichneten.

  3. Ich war 38 Jahre alt und habe mal in der Schule meines Sohnes als Aktmodell gestanden. Die Kunstlehrerin meines Sohnes, mit der ich befreundet bin, erzählte mir das sie im übergreifenden Kunstunterricht Aktzeichnen machen möchte und ein Modell sucht das für 4 Stunden umsonst Modell steht. Als sie fragte ob ich ihr nicht den Gefallen tun möchte sagte ich spontan ja und sie machte mit mir einen Termin für die kommende Woche fest.
    Als mein Sohn 2 Tage vor dem Modelltermin nach Hause kam und mir sagte das seine Lehrerin der Klasse gesagt hat das ich das Modell sein werde war er erstaunt und erzählte mir das insgesamt 3 Klassen an den Tag zusammen Aktzeichnen werden. Jetzt wurde mir klar auf was ich mich eingelassen habe ich werde 4 Stunden nackt vor ca. 60 16 -18 Jahre alten Schülern stehen die mich teilweise auch noch kennen davon abgesehen das mich mein Sohn mich nur im Bikini gesehen hat aber eben nicht nackt. Als der Modelltermin dann gekommen war und ich in der Aula eintraf in der das Aktzeichnen statt fand war ich schon ganz nervös. Die Schüler waren schon fast allem im Kreis sitzend und an Staffeleien stehend in der Aula, ich begrüßte meine Freundin die mit weiteren Lehrern in der Ecke der Aula stand. Erfreut über mein kommen zeigte sie mir einen Schrank in der Ecke in der ich meine Kleidung einschließen kann. Nun war es soweit ich musste mich ausziehen als ich nur noch im Slip und BH stand wurde mir ganz heiß als mir klar war das ich gleich nackt sein werde. Hastig zog ich den Rest aus schloss den Schrank ab und ging nackt zwischen den Schülern auf das Podest das in der Mitte des Kreises aufgebaut war. Natürlich schauten alle Schüler auf mich und meine Freundin bat mich dann die erste Pose einzunehmen. Nach zwei Posen habe ich mich an das nackt sein gewöhnt selbst als mein Sohn frontal auf meine Vagina schauen konnte machte mir nichts aus und so wurden meine Posen immer offener. In den kurzen Pausen blieb ich nackt da ich weder ein Handtuch noch ein Bademantel mit hatte und dabei kam ich mit einigen Schülern ins Gespräch fand ich irgendwie gut ich nackt mit den Schülern ein smal talk halten. Nach 4 Stunden konnte ich mich wieder anziehen und merkte dann erst wie Anstrengend das Modell stehen ist.

  4. Ich bin ein Mann Mitte 50 und habe bereits mehrfach für eine Bekannte nackt Modell gestanden. Beim eraten Mal war ich Tage davor extrem nervös. Mir ging nichts andwres durch den Kopf. Als es dann soweit war, war alles ganz unspektakulär. Ich möchte sogar sagen, dass man nach 5 bis 10 Minuten vergessen hat, dass man(n) nackt ist.
    Demnächst werde ich vor einem Kurs als Aktmodell stehen. Bin gespannt.
    Ich selber fertige auch bei jeder Gelegenheit Aktzeichnungen vom lebenden Modell. Obwohl es da völlig unerotisch zugeht, ist es schwierig als Mann geeignete weibliche Modelle zu finden. Meist melden sich Männer, oft mit völlig falschen Voratellungen.

  5. Ich habe auch schon mehrfach in Aktzeichenkursen in Berlin Modell gestanden. Ich bin zum Modell stehen über mein Hobby gekommen: Da ich Aktgemälde sammle, lag es nahe, dass ich es auch einmal selbst versuche. Ich gebe zu, dass ich bei meinem ersten Modell stehen sehr aufgeregt war. Ich stand Modell vor einer kleinen Gruppe. Das hat den Einstieg leichter gemacht. Und es ging mir ähnlich wie Beate und Uwe. Nach 10 Minuten hat man vergessen, dass man nackt ist. Wenn die Posen nicht zu anstrengend sind, hat das Modell stehen sogar etwas sehr Meditatives. Beim Zeichnen ist es sehr ruhig, alle sind konzentriert. Man hört nur seinen eigene Atem und ab und an das Umblättern eines Zeichenblocks.
    Ich kann jedem nur empfehlen, es einmal selbst zu versuchen. Das gilt ausdrücklich auch für Leute, die sich beim Blick in den Spiegel nicht perfekt finden und vielleicht auch sonst Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein haben. Du als Modell stehst im Mittelpunkt! Die Zeichnerinnen und Zeichner zahlen Geld dafür, um Deinen nackten Körper sehen und zeichnen zu dürfen! Bei manchen Kursen bekommst Du sogar am Ende Applaus. Mir macht es immer große Freude, nach dem Zeichnen die Ergebnisse anzuschauen. Manche Zeichnungen sind richtig gut!
    Nach meiner Erfahrung sind Kunstschulen, freischaffende Zeichenlehrer und Volkshochschulen zumindest in Berlin interessiert an zuverlässigen neuen Modellen. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Modelmaße sind nicht erforderlich.

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