In Cognito Krank: Reise Log 1 – Minimalistisch werden

In Cognito Krank: Reise Log 1 – Minimalistisch werden

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Ohne festen Wohnsitz zu leben hielt ich für unmöglich. Nicht, weil ich meinen Besitz verkleinern und “zuhause” neu definieren müsste, sondern weil ich körperlich behindert bin und vier Jahre in einer Wohnung gelebt habe, die mir genau die Sicherheiten gibt, die ich brauche. Oder glaube, zu brauchen. Damit ist jetzt für sechs Monate Schluss. Ab März bin ich unterwegs mit einer kleinen Auswahl meiner Habseligkeiten, lebe in verschiedenen Städten und schreibe meine Bachelorarbeit. Dies ist, was ich dabei über meine Behinderung, Besitz und Sicherheit lerne.

1. Minimalistisch werden.

Minimalismus ist kein neues Konzept, seit einigen Jahren erfährt er aber auf LifestyleBlogs, YoutubeChanneln und im Buchhandel eine wilde Renaissance. Wild deshalb, weil er quasi eine Gegenbewegung ist zu so genannten Hauls und anderen Formaten rund um alles, was man neu haben kann. Da ich krank bin, konsumiere ich jede Menge: Medikamente oder bequeme Kleidung sehr stark wechselnder Größen. Außerdem bin ich regelmäßig im Krankenhaus, wo ich ordentlich Müll produziere bei all den Tests. Natürlich ist das alles andere als mein Lifestyle, das ist einfach mein Life. Trotzdem oder grade deshalb denke ich viel über meinen Fußabdruck auf dieser Erde nach. Mein Konsumverhalten zu steuern gehört für mich zu dem Teil meines Lebens, über den ich Kontrolle habe.

Durch meine Krankheit weiß ich außerdem, dass es mir nicht gut tut, mit mir rumzuschleppen was mich unglücklich macht. Es kann mich sogar kränker machen. Die Frage ist also, was im Leben wirklich wichtig ist. Für mich ist das, gesund zu leben und Möglichkeiten ergreifen zu können. Manchmal denke ich, Dinge würden mir dabei die Sicherheit geben, die mein Körper mir verwehrt. Welche Dinge das vielleicht wirklich tun, und welche mich mehr beschweren als beflügeln, will ich herausfinden.

Auch gesunde Menschen wollen nicht unvorbereitet sein. Oder etwas nicht tun können, was sie tun wollen. Also hat man dann ein Waffeleisen, eine Bohrmaschine und den Sonnenhut, den man ja irgendwann auch gebraucht hat. Und, nur dass das klar ist: Das ist nicht der Artikel, der jetzt erklärt, das man das alles nicht braucht oder wieso Müll produzieren schlecht für den Planeten ist. Aber die Frage bleibt relevant: Was brauche ich?

Das Meißeln des Davids

Sich von Dingen zu trennen ist wie das Meißeln des Davids: Man klopft Stück für Stück das Zeug und die Klamotten weg, die nicht zu seinem Leben gehören und weiß hinterher besser, was oder wer man ist. Man denkt ja schnell mal, man wäre, was man besitzt. Das geht auf die 50er Jahre zurück, in denen in Deutschland auf einmal Produkte des Auslands, unter anderem des technisch fortschrittlichen und so modernen Amerikas, verfügbar waren. Es gab so viel Auswahl, das man auf einmal ein Statement setzte, wenn man einen Trenchcoat statt eines Filzmantels hatte. Mittlerweile haben wir eine schier unendliche Auswahl an Kleidung, deren Besitz anderen zeigt, wer wir sind. Der Trugschluss: Wenn wir viel haben, können wir viel sein. Ausrüstungen für Dinge zu haben, die wir selten machen, ist also nicht nur praktisch: Es ist eine identitäre Entscheidung. Bin ich noch Schlagzeugerin wenn ich mein Schlagzeug verkaufe? Nein. Also steht es jahrelang weiterhin bei meinen Eltern im Keller. Zurück zur Davidmetapher: Wir haben also Dinge und sind ein riesiger bunter Klumpen von ganz, ganz viel. Wir kennen nicht mehr alles, was wir haben, wollen aber auch nichts hergeben. Besitz ist gut. Was ich habe, muss ich nicht noch kaufen. Klumpen können auch schön sein. Ich allerdings hätte mein Leben lieber in Form eines Davids.

Abklopfen. Ausziehen. Wegziehen.

Ich klopfe da jetzt also alle abgelegten Hobbys und vergangenen Kleidergewohnheiten runter. Ich bin behindert, habe Schränke voller medizinischem Zeug in meiner Wohnung, und ich will nicht an mehr gefesselt sein, als ich es eh schon bin. Das macht mich auf eine Art wieder privilegiert, denn zu viel Zeug Haben ist an sich ein Luxusproblem. Aber ich hab dieses Luxusproblem und außerdem das Glück, es lösen zu können.

Also: Meine Wohnung ist gekündigt, für den März steht ein grober Plan: In eine erste WG einziehen und ein paar Wochen arbeiten in Berlin. Ich fange klein an, aber für mich ist es ziemlich groß. Raus mit den Klamotten und raus mit den DVDs. Weg mit den acht Taschen, ich brauche nur noch drei: Rucksack. Koffer. Jutebeutel.

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