Incognito Krank Teil 3: Was ich durch meine chronische Krankheit gelernt habe

Incognito Krank Teil 3: Was ich durch meine chronische Krankheit gelernt habe
Bildrechte: CC0

Chronisch Kranksein ist nichts, was ich mir ausgesucht hätte. Darüber, wie viele Schwierigkeiten es macht, nie so richtig gesund zu sein, findet Ihr hier schon einige Artikel von mir. Aber ich kann auch nicht behaupten, nie einen Vorteil dadurch gehabt zu haben. Der Mensch passt sich an und lernt, was er lernen muss, um zu überleben. Und um irgendwie klar zu kommen mit sich selbst und dem einen Leben, das er hat. Deshalb:

11 1/2 Dinge, die ich durch das Kranksein gelernt habe

 

1. Ich muss mich nicht über “das Positive” freuen.

Das Positive um mich herum muss überhaupt nicht glücklich machen. Es ist positiv, es hält uns am Leben, zu wissen, dass das Positive da ist, ist das nicht genug? Immer eine emotionale Reaktion darauf zu haben, dass meinem Gegenüber etwas Positives an meiner Situation eingefallen ist, kann ich leider nicht versprechen.

2. Faken, ich sei gesund, auch wenn ich krank bin.

Alles, was ich brauche, sind eine kurze Dusche, Concealer und eventuell ein paar Tabletten und meine konstanten Schmerzen werden zwölf Stunden zum bestgehütetsten Geheimnis.(1) Ich bin auch richtig gut darin, zu faken, dass ich krank bin, wenn ich in Reminiszens bin. Sorry, not sorry. Ich sage nicht, dass es oft passiert. Das ist schlicht wie method acting, ich weiß einfach, wie es geht.

3. Krank zur Arbeit gehen.

Mache ich jeden Tag. Und wenn ich dann mal krank zu Hause bleibe, ist das völlig in Ordnung und jeder “Ich hab noch nie wegen Krankheit gefehlt” kann jetzt mal überlegen, wieso sie*er darauf stolz ist, dass sie*er nicht schlimm genug krank ist, um zu Hause zu bleiben.

4. Ich zuerst.

Egal wie wichtig Bedürfnisse anderer sind und wie ungern ich meinen Chef enttäuschen will: unter einem gewissen Pegel an Wohlbefinden bringe ich niemandem was. Wenn ich wirklich an andere denken will, ist es meine Pflicht, mich an erster Stelle zu sehen. Und jede*r, die*der mich höchstens an zweiter Stelle sieht, hat Recht, egal wie krank ich grade bin.

5. Wissen, was los ist, ist der erste Schritt aus Hilflosigkeit.

Kenntnis von Körperfunktionen, medizinischen Möglichkeiten oder ein Problem endlich benennen zu können. Kenntnis der Probleme der Menschen um einen herum kann außerdem zu großen Erkenntnissen verhelfen! Wissen kriegt man besonders gut dadurch, dass man liest oder zuhört.

6. Ich identifiziere mich mit Dingen, die ich lange nicht mehr tue.

Ich bin Tänzerin, Drummerin und Reisende, egal wann ich etwas davon das letzte Mal tun konnte, oder ob ich das weiterhin tun kann.

7. Auf den richtigen Moment zu warten, ist eine dumme Idee.

Es gibt diese “richtigen” Momente: Bei grün über die Ampel zu gehen ist zum Beispiel eine richtig gute Idee! Ansonsten gilt: Was Dir wichtig ist, sollte in absehbarer Zeit passieren. Schöne Dinge sollten sowieso dauernd passieren.

8. Körper müssen keinem Schönheitsideal entsprechen, um zu funktionieren.

Aussehen hat wirklich, wirklich wenig damit zu tun, was im Inneren so vor sich geht.

9. Atmen ist alles.

Das Immunsystem sitzt im Darm. Niemand versteht den menschlichen Körper so richtig. Viele Tabletten auf einmal schlucken zu können macht vieles einfacher.

10. Den Arzt zu wechseln ist weder kompliziert noch unhöflich.

Bliebe ich bei einem Partner, dem ich nicht vertraue, würde mich dafür ja auch niemand loben.

11. Alles, was passiert ist, macht mich zu dem, was ich bin.

Was mich nicht umbringt, macht mich nicht nur stärker, meistens kriegt etwas in mir drin eine kleine Delle. Und klüger werd’ ich auch nicht immer, oft braucht es sehr lange, bis ich irgendetwas wirklich verstanden, geschweige denn akzeptiert hab’. Aber wie ich die Welt sehe und welche Entscheidungen ich treffe, hat trotzdem damit zu tun, was ich gesehen, gehört und gefühlt habe, während ich einen kranken Körper durch diese Welt getragen hab’. Das gehört zu mir.

11 1/2 Ich muss niemandem etwas beweisen.

Ich würde diese Errungenschaft gerne komplett für mich beanspruchen. Aber die Wahrheit ist, dass sie kommt und wieder geht. Am freiesten davon bin ich, wenn ich grade aus einem Schub komme. Nichts ist fantastischer, als wenn man plötzlich happy über einen Spaziergang ums Haus sein kann. Alles ist großartig. Und alles aus der Kategorie “Ich weiß, es ist eigentlich nicht wichtig, aber verdammt, es belastet mich” ist ein paar Wochen lang wirklich, wirklich weit weg.

Ganz individuelle Lebensbedingungen bringen uns das Wissen bei, was nur uns gehört. Ich finde das sehr befreiend und empfehle jedem*r, eine Liste wie diese anzulegen! Am besten direkt jetzt!

 

(1) Ganz schön dünn, diese Trennschicht zwischen dem, was gesellschaftlich als “gesund” oder als “krank” angesehen wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.