Politisch sein: Wie?

Politisch sein: Wie?

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Wer diesen Artikel liest, fand die letzten Monate wahrscheinlich ähnlich aufwühlend, wie ich. Wir sind alle nervös. Wir machen uns Sorgen. Wir wollen Sicherheit. Das politische Klima in der – noch bestehenden – EU brodelt. Klimawandel und Geflüchtete werden als Konzepte in direkten Zusammenhang gesetzt oder komplett geleugnet, je nach dem, wen man fragt. Die Antwort könnten Kontrolle, Mauern, Rausschmiss von Menschen aus Staaten oder Staaten aus Staatenverbänden sein. Wenn man das aber für blöde Ideen hält: Was gibt es für Alternativen? Und vor allem, was kann ich denn ändern?

Was kann ich dagegen tun, dass in den USA ein Wahlsystem einen Präsidenten kürt, der nicht die Mehrheit der Stimmen hat? Was kann ich gegen den Rechtsruck tun? Es reicht doch nicht, zu warten, bis jemand vor mir Geflüchtete diskriminiert, damit ich mit dem dann darüber reden kann! Also. Trump. Anschläge. Rechtsruck. Wenn wir davon ausgehen, dass wir alle unseren Teil zu einer demokratischen Welt beitragen können: Was können wir tun?

 

1. Zieht die Decke über den Kopf – und dann steht morgen früh wieder auf!

Berichterstattung kann unfassbar deprimierend sein, zuweilen sogar verzweifelt machen. Wer sich also dauernd den deprimierenden Teil reinzieht, hat sich umfassend informiert. Und will nur noch ins Bett. Sucht also Rückhalt, sucht euch produktive Gesprächspartner*innen und konsumiert Politik so, dass ihr morgen wieder einschalten könnt. Beständigkeit ist besser, als wenn wir nächsten Monat still sind, weil der Schock nachgelassen hat. Satire-Sendungen oder politische YouTube-Kanäle können auch zu politischer Recherche zählen!

 

2. Fakten sind Freunde. Immer noch.

“Allerdings betonen die Forscher auch immer wieder, dass die angeblich ‘schweigende Mehrheit’ vielmehr eine lautstarke und demokratiefeindliche Minderheit ist”, summierte die Tagesschau im November die im Juni veröffentlichte Mitte-Studie. Ob es Studien zum Thema Rechtsruck sind, oder Seiten wie mimikama oder Politifacts: Die Mittel um populistische Falschmeldungen zu entlarven sind da, oft ist die Wahrheit weniger deprimierend und meistens nur wenige Klicks entfernt.

 

3. Das 100% Argument vergessen

Niemand muss sowohl ein Ehrenamt ausfüllen als auch Vegetarier*in sein, wenn er*sie nicht will. Wer nur eine einzige politische Sache aus Überzeugung tut, ist nicht inkonsequent mit dem Rest. Also lasst euch nicht demotivieren davon, dass ihr manchmal nur an einem Ort sein könnt. Wer tut, was er*sie kann, tut schon was.

 

4. Teilt.

Über Politik reden ist kein Party-Thema? Vielleicht. Vielleicht sind eure Freund*innen aber auch happy, dass euch die gleichen Dinge beschäftigen. Vom Sorgen-Aussprechen zum Ideen-Brainstormen: Es ist doch mehr eine Frage, wie wir reden, als worüber. Vielleicht haben eure Freund*innen Ideen für weitere “Was Nun?”-Listen. Und wenn es eine WhatsApp-Gruppe ist, in der ihr ab und zu eine Sorge, ein Thema oder eine Idee hin und her schickt. Dieses Gefühl, eh nichts tun zu können, wird weniger, wenn andere Leute ins Spiel kommen. Demokratie! Wow!

 

5. Steht für eure Rechte ein.

Geht auf die Straße, organisiert euch, bildet Banden! Oder gibt es vielleicht schon eine Gruppe, die das macht, was ihr wichtig findet? Da alle Parteien Jugendorganisationen haben und es neben denen noch jede Menge andere Organisationen gibt, ist das nicht unwahrscheinlich. Denen beizutreten ist einfach, und schon kriegt ihr mit, was bei euch in der Gegend politisch läuft. Besser noch: Ihr habt eine Organisation im Rücken, statt euch selbst eine Struktur bauen zu müssen. Für den Einstieg doch gar nicht so schlecht?

 

6. Zu Wort melden von zuhause!

Informiert werden, was läuft, und was man tun kann, geht zum Beispiel auch via Mailverteiler. Organisationen wie Avaaz starten und unterstützen Petitionen zu den unterschiedlichsten Themen. National und international setzen sich ja Menschen ein, die ihr mit eurem Zuspruch oder auch ein bisschen Geld unterstützen könnt. Bei manchen Aufrufen geht es nur darum, euren Namen mit auf eine Befürworterliste zu setzen, bei anderen geht es um ein kurzes Statement, das dann mit anderen Stimmen zu zuständigen Politiker*innen geschickt wird. Eure Meinung kann gehört werden!

 

7. Sprechstunden der Abgeordneten

Apropos gehört werden: Abgeordnete haben Sprechstunden. Da kann man sich kurz anmelden, dann dahingehen und sagen “Was wird Ihre Partei tun, um Chancengleichheit voranzutreiben?” oder “Wie sollen die Menschen in unserem Flüchtlingsheim so kompliziert geschriebene Briefe vom Amt lesen, wenn nicht mal ich verstehe, was die sollen?”. Oder alle anderen Sorgen, Fragen oder Anliegen. Und dann müssen die mit euch reden. Demokratie.

 

8. Solidarität und Zivilcourage

Oft gehört und doch so kompliziert. Solidarität meint eben nicht nur, die Feuerwehr zu rufen, wenn das Flüchtlingsheim schon brennt. Sondern auch, wenn ein großmäuliger Mensch Witze drüber macht, es anzuzünden. Solidatät ist nämlich vielen anderen politischen Aktionen darin voraus, dass sie sogar vorbeugend funktioniert! Solidarität geht in An- und Abwesenheit der Opfer von Vorurteilen und Anfeindungen, vor eurem Friseur, dem Radiomoderator mit der rassistischen Wortwahl oder euren Freund*innen, die den rassistischen Witz eben doch witzig fanden und „behindert“ benutzen, um Menschen abzuwerten.

Solidarisch kann man auch mit politisch motivierten Menschen sein, wenn sie mal wieder als “Gutmenschen” oder “übertrieben politisch korrekt” belächelt werden. Ich bin zum Beispiel auch solidarisch mit Veganer*innen, weil sie tun, was sie für richtig halten, damit niemandem wehtun und dafür keinen Spott verdient haben.

 

9. Schreibt die Liste weiter! Hört nach diesem Artikel nicht auf

Schreibt Kommentare oder redet mit Euren Freund*innen. Diese Liste ist alles andere ans vollständig!
Macht drei der oberen Dinge. Seht es als Challenge für die Weihnachtszeit, oder als Vorsatz fürs neue Jahr. Und wenn ihr könnt: Levelt auf, nehmt euch den nächsten Punkt vor.

 

10. Lesen, Denken, Deeskalieren.

Ein Mensch rast mit einem Lastwagen in einen Berliner Weihnachtsmarkt. Wie sollen wir soetwas nüchtern betrachten? Wahrscheinlich nur mit Zeit. Aber was wir jetzt tun, wie wir reagieren und wie wir jetzt reden, macht einen Unterschied. Grade jetzt können wir Zeichen setzen, indem wir lesen, bevor wir schreiben, texten oder uns anmaßen, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Und wir können mit denen sprechen, die aus Wut und Entsetzen, oder gar aus strategischem Vorteil Fakten verdrehen, verallgemeinern oder Anfeindungen verbreiten.
Was wir tun können ist, uns zu informieren und täglich nach Grundsätzen zu handeln, hinter denen wir stehen! Wir können Meinungen haben und wir können sie begründen. Wir können Fakten von Meinungen trennen und wir können im Austausch sein – auch mit denen, die zu anderen Schlüssen kommen, als wir. Besonders mit denen. Wir können all diese Dinge, und nebenbei noch arbeiten, Freund*innen haben und unser Leben genießen. Einen Schritt nach dem anderen.

Hier ist außerdem ein weiterer Text mit Ideen rund ums politisch-sein: http://www.zeit.de/campus/2016-11/demokratie-tipps-fuer-staatsbuerger-politisches-engagement-bildung

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