Zurück ins Korsett

Zurück ins Korsett

Es ist eine Schlagzeile wert: Disney zeigt Emma Watson zum ersten Mal im Kostüm als Belle in der neuen Realverfilmung von Die Schöne und das Biest – ohne Korsett unter dem klassischen gelben Prinzessinnen*kleid. Laut Kostümdesignerin Jacqueline Durran war das Watsons Entscheidung: „Sie wollte kein Korsagenkleid, das sie in irgendeiner Form einschränkt,“ erklärte sie im Interview mit Entertainment Weekly.

Belle (Emma Watson)
Belle (Emma Watson) in The Beauty and the Beast © 2016 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved

Noch im letzten Jahr hatte Lily James’ Auftritt in der Neuverfilmung von Cinderella für Kritik gesorgt: ihre Taille im blauen Ballkleid sei zu schmal. Die Produktion musste sich den Vorwürfen stellen, mit Computereffekten nachgeholfen zu haben. Regisseur Kenneth Branagh, der im Übrigen auch bei Die Schöne und das Biest Regie führt, dementiert das. Auch Kostümdesignerin Sandy Powell widerspricht: James habe eben einen schmalen Körperbau, der zudem durch den ausladenden Rock und die breite Schulterpartie des Kleides optisch betont worden sei. Im Übrigen, so Produzentin Allison Shearmur, verfehle die Kritik an James’ Figur die eigentliche Kernaussage des Films: anstatt um Äußerlichkeiten ginge es in der Aschenputtelgeschichte doch gerade um innere Werte.

So ganz wollen diese Rechtfertigungen nicht zu der Kritik passen. Wenn es in Cinderella tatsächlich um innere Werte geht, warum muss die Protagonistin dann überhaupt eingeschnürt werden? Ihr gutes Herz hätte Aschenputtel doch sicherlich auch ohne Wespentaille unter Beweis stellen können. Dazu kommen die Geschichten, die James im Interview mit E!News über ihren Drehalltag erzählt. So habe sie während der Drehtage im Ballkleid wegen des Korsetts nur flüssige Nahrung zu sich nehmen können. Zwar versichert Branagh an anderer Stelle, das gesamte Team habe sich rührend um ihr Wohlergehen gesorgt, trotzdem schließt sich die Frage an, ob Cinderella ein gesundes Körperbild für junge Mädchen* vermittelt, wenn schon die Hauptdarstellerin für die nach Ansicht der Regie perfekten Maße leiden musste.

Emma Watsons Durchsetzungskraft stimmt optimistisch, und dennoch ist das Korsett als Bestandteil des Kostüms für Frauen*figuren nicht totzukriegen. Im historischen Film mag es zwecks Authentizität noch seine Daseinsberechtigung haben, im Märchenfilm wird diese, wie die Cinderella-Debatte zeigt, schon schwammiger. Was aber tatsächlich überrascht, ist, wie hartnäckig sich das Korsett im Kostüm sogenannter „starker Frauen*figuren“ insbesondere im Superhelden- und Actionfilm hält. Warum aber zieht beispielsweise Scarlet Witch in der jüngsten Captain America-Verfilmung Civil War im Korsett in den Kampf?

In der wirklichen Welt wurde das Korsett als obligatorisches Unterwäschestück mit Beginn des 20. Jahrhunderts in die Mottenkiste verfrachtet. Nicht zuletzt die Kriegsindustrie des ersten Weltkriegs sorgte dafür, dass mit dem Büstenhalter eine Alternative erfunden wurde, die deutlich weniger Metall zur Herstellung erforderte und zudem mehr Bewegungsfreiheit ermöglichte. Unter anderem haben wir die Rückkehr des Korsetts Victoria „Posh Spice“ Beckham zu verdanken, die es in zahlreichen Bühnenauftritten der Neunziger als Oberbekleidung salonfähig machte, und Filmen wie Moulin Rouge, die weiter seinen Ruf zementierten: dezent verrucht, und mit Konnotation zum Burlesque ein neuer Inbegriff der selbstbestimmten Sexiness. Was das Korsett zur Freizeit- und Hobbybekleidung qualifiziert, macht es aber noch lange nicht nur idealen Arbeitsbekleidung für Superheldinnen*.

Marvel's Captain America: Civil War..Scarlet Witch/Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen)..Photo Credit: Zade Rosenthal..© Marvel 2016
Marvel’s Captain America: Civil War..Scarlet Witch/Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen)..Photo Credit: Zade Rosenthal..© Marvel 2016

So ein bisschen scheinen die Produzent*innen der jüngsten Superhelden*-Blockbuster das auch gemerkt zu haben. Ein Blick auf die wenigen Superheldinnen* der letzten Jahre zeigt: trägt sie kein Korsett, trägt sie einen hautengen Catsuit – oder, um es auf die Spitze zu treiben, eine Kombination aus beidem. Und immerhin: Wo Halle Berry noch im BDSM-Bikini unterwegs war, tritt Anne Hathaway in der Rolle der Catwoman im direkten Vergleich schon fast keusch auf. Dennoch: Auch wenn nackte Haut in Superheldinnen*kostümen heute weniger hoch im Kurs steht als noch in den frühen Zweitausendern, so haben all diese Kostümentscheidungen doch eine Gemeinsamkeit. Sie stellen die Körperform der Schauspielerin* aus, betonen gnadenlos Brust und Po und verpassen der Heldin damit noch bevor sie einen Bösewicht umlegen konnte das Label der „Sexiness“.

Gal Gadots Wonder Woman, die im kommenden Jahr ihren ersten Auftritt als titelgebende Hauptfigur im eigenen Kinofilm haben wird, ist zugleich ein Produkt dieser Kultur und wird weiter formgebend für neue Superheldinnen* sein. Und auch sie trägt Korsett. Angelehnt an das klassische Outfit, das Lynda Carter in der Fernsehserie der 70er berühmt machte – eine gewagte Kombination aus Korsett und Badeanzug – wurde Gadots Korsett von Kostümdesignerin Lindy Hemming zum Brustpanzer umgewandelt. Passend zu den amazonischen Wurzeln der Figur trägt Gadot dazu einen kurzen Rock – und sonst wenig. Schulterpartie, Rücken und Oberschenkel bleiben im Trailer auch dann nackt, als die Handlung Wonder Woman in den zweiten Weltkrieg verschlägt, wo sie mit der amerikanischen Armee an der Front kämpft.

In der realen Welt hat Wonder Womans Outfit Konsequenzen: so wurde ihr jetzt der erst kürzlich verliehene Titel der UN-Ehrenbotschafterin für Frauen*rechte wieder aberkannt. Die Kritik in der ausschlaggebenden Petition richtet sich dabei gegen ihr Erscheinungsbild: als „großbusige, weiße Frau mit unmöglichen Proportionen“ in „glänzendem, schenkelzeigendem Bodysuit“ sei sie der „Inbegriff des Pin-up Girls“. Das „unverhohlen sexualisierte Image“ ihres Charakters mache ihren Einsatz als feministische Botschafterin beispielsweise gegen die Objektivierung von Mädchen* und Frauen* unbrauchbar. Einerseits liest sich das als berechtigte Kritik an der Übersexualisierung weiblicher Superheldinnen*. Andererseits sitzen die Initiator*innen der Petition einer altbekannten Doppelmoral auf: Wonder Woman handelt im Comicbuchuniversum durchaus feministisch. Aber weil sie das in einer Art Badeanzug tut, ist sie als Vorbild für junge Mädchen* und Frauen* trotzdem ungeeignet. Sollte man nicht, wie bei jeder Frau*, ihr Erscheinungsbild außer Acht lassen und ihre Taten für sich sprechen lassen? Genau das ist das Problem mit den schwach bekleideten Superheldinnen*.

Warum ist es ein Problem, wenn Superheldinnen* sexy sind?

Die Wurzel des Übels liegt nicht im Korsett oder Catsuit an sich. Denn: Selina alias Catwoman stellt sich nicht morgens vor ihren Kleiderschrank und trifft die Entscheidung, dass sie heute in hautengem Leder einen Ausflug nach Gotham machen wird, weil sie sich darin gefällt. Wanda Maximoff macht keine Atemübungen und stellt nicht ihre Ernährung um, weil es ihr das wert ist, um als Scarlet Witch im Korsett bei den Avengers mitmischen zu können. All das wäre vollkommen in Ordnung, wenn Selina und Wanda reale Frauen* wären. Superheldinnen* sind aber, wie alle Frauen*figuren, keine echten Menschen. Sie sind Konzepte, die – im Falle der Superheldinnen* ausschließlicher als in fast jeder anderen Gattung – von männlichen* Zeichnern erdacht, von männlichen* Autoren zum Leben erweckt, von männlichen* Produzenten finanziert und von männlichen* Regisseuren inszeniert werden. Die Entscheidung, was Wonder Woman anhat, hat sie nicht selbst getroffen, sondern der Mann*, der den Film mit ihr in der Haupt- oder Nebenrolle möglichst gewinnbringend verkaufen möchte. Und attraktive Frauen*körper werden auf diesem Markt nun mal deutlich höher gehandelt als Praktikabilität und Realismus.

Mehr noch als der Catsuit spielt das Korsett genau in diesen Konflikt ein. Als popkulturelles Symbol hat es eine bemerkenswert zwiespältige Position eingenommen. Einerseits ist das Korsett im Kino noch immer eines der naheliegendsten und etabliertesten Bilder für die Enge des Rollenbilds, dem sich Frauen* gegen ihren Willen unterwerfen mussten und müssen. Nicht umsonst wird Rose in Titanic von ihrer autoritären Mutter eng und sichtlich schmerzhaft eingeschnürt, und nicht umsonst ist das Korsett das erste, wovon die Piraterie in Gestalt von Jack Sparrow Elizabeth Swann in Fluch der Karibik befreit. Andererseits kommt ein Unterwäschestück, das zur Oberbekleidung erhoben wurde, nicht ohne die Konnotation der Entblößung daher. Diese Entblößung kann, wenn sie freiwillig gewählt wurde, ein Mittel der sexuellen Selbstbestimmung sein. Korsettträger*innen auf den Bühnen der Welt – seien es nun Posh Spice oder Beyoncé – zeigen: ich entscheide selbst, wie viel ich von meinem Körper zeige. In einer populären Kultur, deren Fäden noch immer in den Händen mächtiger Männer* zusammenlaufen, ist das eine machtvolle Geste.

Es ist genau diese Selbstbestimmung, die Produzenten* behaupten, wenn sie den Körper einer Superheldin* zur Schau stellen. Allein die Tatsache, dass diese „Selbstbestimmung“ am Ende die Behauptung eines männlichen* Produzenten bleibt, macht sie aber schon zur Falle. Eine Superheldin* in Korsett oder Catsuit bedeutet: ich bin stark, aber sexy. Oder: ich bin stark und sexy. Oder: meine Sexiness macht mich stark. Der entscheidende Punkt ist, dass sie sich nicht unabhängig von ihrer sexuellen Verfügbarkeit betrachten lässt. In einer Kultur, deren Mainstreamfilm nicht eine einzige „unsexy“ Superheldin hervorgebracht hat, entsteht der Eindruck, dass eben diese Sexiness die eigentliche Daseinsberechtigung weiblicher Superheldinnen* ist. In unserem Superheldenuniversum dürfen Frauen* nur als Heldinnen* mitmischen, wenn sie dabei begehrenswert bleiben. Das Signal, das die Studios damit senden, ist ein deutliches: sie beugen sich dem Druck der Öffentlichkeit, mehr Frauen* außerhalb der angestammten Rolle der romantischen Partnerin zu besetzen, und markieren gleichzeitig: diese Frauen*figuren existieren nicht für die Mädchen* und Frauen* im Publikum. Diese Frauen*figuren existieren für das heterosexuelle, männliche Auge.

Den Preis dafür zahlen andere. In einem Artikel für den Guardian ließ Leila Hawkins im Juli 2016 Stuntfrauen* zu Wort kommen, die ihre Verletzungsgefahr als um ein Vielfaches höher einschätzen als die ihrer männlichen* Kollegen. Der Grund dafür: knappe und eng anliegende Kostüme bieten Stuntfrauen weniger Schutz, erlauben weniger versteckte Polsterung und bedeuten damit größere Risiken.

Perfekt schmal geschnürte und gleichzeitig gnadenlos ausgestellte Frauen*körper sind ein Problem, gerade wenn es um Superkräfte geht. Wer sich einmal verschiedene Disziplinen der Olympiade angesehen hat, weiß, dass körperlich starke Frauen anders aussehen als die schlanken Heldinnen* auf unseren Bildschirmen. Im Fall von Captain America, Thor, Batman, ja sogar Iron Man, der es noch nicht einmal nötig hat, weil er in einem fliegenden Anzug unterwegs ist, deckt sich die physische Fitness der Darsteller mit der körperlichen Kraft ihrer Figuren. Von Superheldinnen* hingegen wird erwartet: flacher Bauch, schmale Taille, schlanke Oberschenkel, zarte Schultern, ein bisschen Brüste und Hintern, aber um Himmels Willen keine Muskelpakete. Und dennoch sehen wir diese Frauen übermenschliche körperliche Kräfte anwenden, sehen sie sprinten, stemmen, springen und Widersacher mit ihren Schenkeln erwürgen. Das sind Anforderungen, die in der Realität nicht vereinbar sind, und dennoch wird mit dem Idealbild der Blockbuster suggeriert, dass es sich dabei um ein erreichbares und erstrebenswertes Ziel für junge Frauen* handelt.

Rey (Daisy Ridley), der Droide BB-8 und Finn (John Boyega)
Rey (Daisy Ridley), der Droide BB-8 und Finn (John Boyega) in Star Wars: Das Erwachen der Macht © 2015 Lucasfilm Ltd. & TM. All Right Reserved.

Was lässt sich ändern? Ein Blick auf Katniss Everdeen aus der Hunger Games-Serie, den jüngsten Star Wars-Film mit Daisy Ridley als drahtige, unangepasste Heldin Rey und Furiosas geschorenen Kopf in Mad Max: Fury Road zeigt, dass es auch anders geht, sogar im Mainstream, sogar im Genrefilm. Was wir brauchen, ist mehr davon. Protagonistinnen*, die sich nicht auf ihren Körper oder ihren sexuell suggestiven Kampfstil reduzieren lassen, sondern die mit dem gleichen Recht handeln und leiden, entscheiden und kämpfen wie ihre männlichen* Kollegen. Mehr Furiosas, mehr Reys, mehr Katniss Everdeens. Mehr Biss, mehr Grimasse, mehr Schweiß. Mehr Mut der Produzent*innen: Auch diese Protagonistinnen* verkaufen sich – wenn auch nicht ihren Körper. „Du magst Schmerzen?“ faucht zum Beispiel Elizabeth Swann in Fluch der Karibik ihrem zombifizierten Widersacher ins Gesicht, bevor sie ihn mit einer goldenen Standarte vermöbelt. „Trag mal ein Korsett!“ Sie selbst trägt zu dem Zeitpunkt schon lange die abgelegte Uniformjacke eines britischen Gardeoffiziers. Nicht besonders figurbetont, steht ihr aber hervorragend.

Bildquelle: Photo Credit: Zade Rosenthal © Marvel 2016

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