Hexerei und Feminismus – von Vorbildern und Ermächtigung

Hexerei und Feminismus – von Vorbildern und Ermächtigung

Hallo, ich bin Edda und ich möchte euch hier von meinen Erfahrungen berichten, die ich in meinem Praktikum im Museum of Witchcraft and Magic gesammelt habe.

Ich studiere Ethnologie und Geschichte und wir werden an unserer Uni dazu aufgefordert für ein Semester ein Praktikum, eine Forschung und/oder ein Studium im Ausland zu machen. Viele sehen das als eine super Gelegenheit, um ihre Traumreise zu machen und endlich ein Praktikum in einer tollen Institution zu absolvieren, aber ich muss gestehen, mich hat das zunächst überfordert. Ich hatte kein Land, in das ich unbedingt reisen möchte, und auch keine Institution, die ich unbedingt kennen lernen wollte.

Als ich also angefangen habe nach etwas zu suchen, dass ich machen könnte, hatte ich nur zwei Kriterien: irgendwas mit Gender und in einem englischsprachigen Land. Auf das Thema Hexerei und Magie bin ich durch einen Artikel aus dem Missy Magazin gekommen, der hat mich daran erinnert hat, dass ich in einem Seminar schon einmal etwas zu Hexerei und Feminismus in den 80er Jahren gelesen hatte.

Also habe ich ein bisschen gegoogelt und das Museum of Witchcraft and Magic gefunden, das sich in dem wunderschönen Boscastle in Cornwall befindet und nach ein paar Emails stand fest, dass ich dort ein Praktikum machen kann.

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Das Museum im Herbst 2016, © Autorin

Das Museum gibt es schon seit 1951 und seit 1960 befindet es sich in Boscastle, einem Ort, in dem die „Sea-Witches“, also die Meereshexen, früher den Wind als eine Art Glücksbringer verkauft haben. Der Gründer des Museums, Cecil Williamson, meinte, dass die Magie dieser Hexen immer noch anwesend wäre und der Ort deshalb perfekt für das Museum sei.

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Bild über dem Eingang des Museums, © Autorin

Es gibt ganze Bücher über die faszinierende Geschichte des früheren Witchcraft Museums. Diese Geschichte ist genauso ein Teil des Museums, wie die Ausstellung, die Bücherei und das Archiv.

Sehr spannend an dem Standort ist die Magie der Landschaft, denn die Menschen die Magie und Hexerei-Praktizierende sagen der Landschaft eine besondere Macht nach, weil diese in Cornwall oft wild und unberührt ist. Es gibt die Idee, dass die Hexen eine dynamische und ästhetische Beziehung mit der Landschaft haben und diese für ihr Handwerk nutzen können.

Aber was ist Hexerei überhaupt?

Viele werden nur die Hexenverbrennungen im Mittelalter aus dem Geschichtsunterricht in der Schule im Kopf haben und natürlich Harry Potter. Doch es gibt so viele religiöse Strömungen zu entdecken: Traditional Witchcraft, Folklorismus, Druidismus, Hexerei, Heiler*innen, Wicca oder um es zusammen zu fassen: Paganismus.

Paganismus ist für viele ein spiritueller Lebensweg und für andere eine Religion. Mir wurde gesagt, dass Paganismus die einzige Religion ist, die England jemals kreiert und in die Welt gebracht hat. Dabei soll Menschen geholfen werden eine Verbindung zu der Natur (wieder) herzustellen, aber auch zu den eigenen Vorfahren und der jenseitigen Welt mit ihren Mythen und Traditionen. Es hat nichts mit schwarzer Magie zu tun, sondern stellt ein Vertrauen in natürliche Gött*innen dar und ist somit ein Glaubenssystem. Durch Fehlinterpretationen unter anderem von Seiten der Kirche, hält sich jedoch ein Vorurteil gegen alles Magische, das immer als etwas Böses angesehen wird. In England haben sich 2011 fast 57.000 Menschen als „Pagan“ identifiziert, was Paganismus zur größten Nicht-Mainstream Religion macht.

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Hayley Potter ist eine Künstlerin, die sich mit der britischen Hexe beschäftigt, © Autorin

Der Fokus liegt bei der modernen Hexerei vielmehr auf der inneren Natur und der Macht, sich selbst zu definieren, als in der tatsächlichen greifbaren Natur und es wird als ein einzigartiger Weg beschrieben, in dem Weiblichkeit und Göttlichkeit eng verwoben sind. Verschiedene Rituale, die von Praktizierenden durchgeführt werden, stellen einen heilenden Raum dar, in dem kulturelle und gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen keinen Platz finden. Heutige Hexen fordern okkulte Mächte zurück, die von der patriarchalen Kultur verteufelt wurden und finden sich dadurch in einem ermächtigenden Selbstfindungsprozess wieder (Vgl. Susan Greenwood 1998: 101 f.).

Aber Hexerei ist keine Naturreligion, die ganz weit weg von meiner eigenen Lebensrealität ist. Es ist vielmehr ein vielschichtiges Phänomen, das in unterschiedlichsten Formen auftritt und in den meisten Kulturen irgendwie verankert ist. So gibt es Engelsgeschichten, Märchen, Glücksbringer, Meditation, Wahrsagerei, antike Gött*innen und ganz viele andere Dinge die mensch aus dem Alltag kennt.

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© Autorin

In meinem Praktikum habe ich unter anderem ehemalige Objektkärtchen von Cecil Williamson katalogisiert, die aus einer Perspektive des persönlichen Interesses, Sammelns und Erforschens verfasst wurden. Dabei habe ich gemerkt, wie viele Details ich doch aus meinem eigenen Leben kenne, wie zum Beispiel ein selbstgemachtes Eichhörnchen-Kuscheltier, das in meinem ersten eigenen Auto hing – eine Freundin hatte es mir als Beschützer des Autos geschenkt.

Aber zurück zu dem Thema meiner Übungsforschung: Hexerei und Feminismus:

Die Hexe als historisches sowie modernes Bild, kann Frauen* als Vorbild und auch als Metapher dienen.

Denn Frauen*, die zu stark lieben, besonders stark sind, spezielle Kräfte und besonderes Wissen haben, selbstbewusst sind oder anderweitig von der gesellschaftlichen Norm abweichen, waren und sind eine Bedrohung des Patriarchats, weshalb sie für ihr nicht schwach Sein angegriffen wurden und werden.

Frauen* wurden für solche Eigenschaften gefoltert und hingerichtet, um anderen Frauen* zu zeigen, was ein Aufbegehren innerhalb des Patriarchats bedeutet. Dies geschah im Mantel der Hexenverfolgung, weil Hexen ja böse seien und Böses täten. Das „Böse“ an der Hexerei ist jedoch nur die Weigerung sich an eine Gesellschaft anzupassen, die Nicht-Männer* unterdrückt.

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Der Teil zu Hexenverfolgung im Museum, © Autorin

Triggerwarnung: Im folgenden Abschnitt werden Begriffe verwendet, die im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt stehen.

Uns wird schon sehr früh beigebracht, wie gefährlich diese vermeintlich dunkle weibliche Seite an uns doch ist, damit Mädchen* sich stets bemühen diskret zu bleiben. Die britische Autorin Lucy Pearce schreibt, dass das „W“ immer für „Witch“ (Hexe) stand, als sie das Alphabet lernte, aber das R nicht für „Rapist“ (Vergewaltiger*in) und das P nicht für „Pädophil“ oder „Psychopath“. Über die vermeintliche männliche* dunkle Seite lernen wir nach Pearce viel weniger und das Wort ‘Hexe’ wird immer noch benutzt, um weiblich sozialisierte Menschen mundtot zu machen: Vor circa einem Jahr nannte der australische Immigrationsminister Peter Dutton eine Journalistin , die über einen Sexismus-Skandal berichtet hatte, „a mad fucking witch“ (eine wütende verdammte Hexe).

Beleidigungen auf persönlicher Ebene werden in der „modernen“ Welt häufig gebraucht, um einflussreiche Frauen* zum Schweigen zu bringen, wenn auf professioneller Ebene keine Kritikpunkte sichtbar sind, um sie zu diskreditieren.

Lucy Pearce schreibt, dass es für Frauen* sehr schwierig ist, diese negativen Konnotationen mit weiblicher* Kraft zu überwinden, da sie in einer patriarchalen Gesellschaft dafür keine Anerkennung und Unterstützung bekommen.

Genauso wie diese generelle Unterdrückung des weiblichen* Geschlechts, muss auch das schlechte Bild von Hexen überwunden werden. Diese werden oft als mächtig und selbstbestimmt beschrieben und als Frauen*, die nicht nach den Regeln der Männer* spielen, sondern nach denen der Natur. Demnach versucht eine Hexe, sich selbst gut zu tun und nicht der Gesellschaft, in der sie lebt. Das deckt sich mit den Tätigkeiten der mittelalterlichen Hexe, die vielmehr heilte und Menschen half als schwarze Magie zu verbreiten.

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© Autorin

Hexen werden als autonom innerhalb ihrer Gesellschaft beschrieben, sie bringen uns neue Wege der Macht bei, nämlich die Macht über das eigene Selbst. Diese ursprüngliche Macht wird aktiviert, wenn wir uns als einen integralen Bestandteil der Natur wahrnehmen, welche auch ein Teil von uns ist: die Mondphasen, die Sonnenzyklen, die Jahreszeiten, die Bewegungen der Planeten und Sterne. Diese Macht ist stärker und tiefgründiger als die weltliche Macht des Patriarchats, denn sie basiert nicht auf Vertrauen. Denn Vertrauen wird in einem Prozess mit Erfahrungen erlernt. Ihr wird auch nicht blind gefolgt und sie basiert nicht auf der Meinung anderer. Stattdessen ist diese Macht die Lebenskraft des Individuums.

Lucy Pearce stellt fest, dass Frauen* leider meist Angst haben, diese eigene Macht über ihr Selbst zu aktivieren und in ihrem Inneren mit dem Terror der Vergangenheit kämpfen, in der sie bei dem Versuch sich selbst zu ermächtigen verurteilt, gehasst und zurückgewiesen wurden. Diese Angst hält Frauen* klein und besorgt, aber sie gibt ihnen auch eine Scheinsicherheit hinter der es leicht ist, sich zu verstecken.

So werden Frauen* beispielsweise immer wieder als hässlich, dumm oder naiv beschimpft, sobald sie widersprechen, wodurch sie und andere Frauen*, die das mit ansehen, davon abgehalten werden Widerworte zu leisten.

Im Museum habe ich beeindruckende Persönlichkeiten getroffen, Ausstellungsobjekte gefunden und Bücher gelesen. Ich habe das Ermächtigungspotential der Hexerei gesucht und ganz viele unterschiedliche Meinungen und Perspektiven gefunden, die mich persönlich fasziniert haben und auch aus akademischer Sicht in einem ethnologischen Feld relevant sind.

Beenden möchte ich meinen kleinen Bericht mit einem Zitat von Lucy Pearce aus dem Artikel „Burning Women – role model; metaphor; warning“ : „Burning women pisses on the patriarchal pyramid.“ Frei übersetzt: Hexen pissen die patriarchale Pyramide an. („Pagan Dawn“ No. 201, winter 2016, S. 10)

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Das Hexen Tarot von Suzanne Treister, © Autorin

Weiterführende Informationen:

Crowley, Vivianne 1989: Wicca. The Old Religion in the New Age. Northamptonshire: The Aquarian Press.

Hutton, Ronald 1999: Triumph of the Moon. A History of Modern Pagan Witchcraft. Oxford: Oxford University Press.

Gary, Gemma 2008: Traditional Witchcraft. A Cornish Book of Ways. London: Troy Books.

Greenwood, Susan 2000: Magic, Witchcraft and the Other World. Oxford, New York: Berg.

Greenwood, Susan 1998: The Nature of the Godess: Sexual Identities and Power in Contemporary Witchcraft. In: Joanne Parson, Richard H. Roberts, Geoffrey Samuel (Hgs.): Nature Religion Today. Paganism in the Modern World. Edinburgh: Edinburgh University Press: 101-110.

Patterson, Steve 2014: Cecil Williamsons Book of Witchcraft. A Grimoire of the Museum of Witchcraft. London: Troy Books.

Patterson, Steve 2016: Spells from the Wise Women’s Cottage. London: Troy Books.

Pearce, Lucy : Burning Women.

Stratton, Kimberly (Ed.) 2014: Daughters of Hecate. Women & Magic in the Ancient World. Oxford, New York: Oxford University Press.

 

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