Der Homo-Witz

Der Homo-Witz

Rekonstruierte Beobachtungen.

So richtige Männerfreundschaften* von außen mit anzusehen, zu erleben, zu fühlen, das ist ein schönes Ding; und generell: es ist einfach wundervoll Zeugin davon zu werden, wenn Menschen einander lieben, egal von welcher Art Liebe wir jetzt sprechen. Schon immer fand ich das komisch: Die sozialen Erwartungen der Inszenierung freundschaftlicher Liebesbekundungen unter Frauen in der Öffentlichkeit unterscheiden sich von Grund auf von denen unter Männern.

Immer wieder mache ich diese Beobachtung. Zwei davon, die ich in zeitnaher Abfolge machen konnte, brachten mich letztlich dazu, jene These aufzustellen, die vielleicht der*die eine oder andere verifizieren würde. Wie der Unterschied zwischen der femininen und der maskulinen Art, tiefe freundschaftliche Empfindungen für Personen der eigenen gender peergroup zu artikulieren, zu Tage tritt, möchte ich euch in zwei kürzlich erlebten Geschichten veranschaulichen.

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Lars Eidinger als Hamlet in der Schaubühne | Foto: Carno Declair

1. Hamlet, das ist ein irrer, leidenschaftlicher Charakter Shakespeares, der viele Formen der Liebe für seine Mitmenschen empfindet und in unterschiedliche und authentisch leidenschaftliche Verhaltens- und Handlungsweisen übersetzt. Während der Liebe zu einer Frau (Ophelia) eine im Vergleich eher untergeordnete Bedeutung zukommt, fokussiert alles Denken und Tun Hamlets auf die tiefe Liebe zu seinem Vater. Eine manifeste emotionale Verbindung, deren Intensität durch des Vaters Tod und die Mutmaßung, er könne von seiner eigenen Frau und seinem eigenen Bruder ermordet worden sein, umso mehr nach außen gebracht wird. Aber auch die Empfindung, die man* einem*r Freund*in gegenüber hat, spielt für Hamlet eine wichtige Rolle; sodann wird ihm die  zwischenmenschliche Verbundenheit zu seinem Freund Horatio umso klarer, als dieser ihm bei der Offenlegung des Mordes am eigenen Vater – anders als seine beiden anderen Kompagnons Rosenkranz und Güldenstern – den Rücken stärkt. Die Zuneigung zu diesem Freund drückt der Schaubühnen-Hamlet, den ich im Oktober von Lars Eidinger verkörpert sehe, nicht nur mit dem Medium Sprache, sondern auch mit dem Körper aus und er fegt wie ein Rumpelstilzchen über die mit schwarzer Erde bedeckte Bühne. Meine Freundin und ich sind in unserer zum Glück recht sicheren Position in Reihe 5 berauscht von dieser energetisch aufgeladenen Präsenz des Künstlers. Denn neben der starken schauspielerischen fünfköpfigen Begleitung, die ebenfalls zeitweilen im Rampenlicht steht (stehen darf/kann?), wird dem bodenlosen Wahnsinn Hamlets freien Raum gegeben. Was mir heute in dieser Darbietung neben vielen kleinen wundervollen Links zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und der romantischen Hommage an das Theater auffällt, ist die eigentümliche Inszenierung  der Männerfreundschaft (und dieses eine Mal hatte ich das Glück den großartigen Damir Avdic – ehemaliges Bochumer Ensemblemitglied – in der Rolle des Horatio neben Eidinger zu sehen). So drückt Hamlet seine Zuneigung zu seinem guten Freund Horatio durch sexuell anspielende Gesten und bestimmten Formulierungen aus, die das Ganze mit einem ironischen Unterton versehen. In der Szene, in der Hamlet gemeinsam mit Horatio mit der Initiative eines provokanten Schauspieles den Onkel um den Mord an Hamlets Vater auf die Probe stellen möchte, werden homoerotische Fantasien zwischen den beiden Freunden auf die Spitze getrieben.

Das Medium Theater ermöglicht den beiden Figuren im Stück, gesellschaftlichen Etiketten zu trotzen und sich im theatralischen Rahmen einer gegenseitig tief empfundenen Zuneigung hinzugeben. Hamlet in Strapse, Minirock und hohen Hacken gekleidet und seine Mutter als Prostituierte persiflierend, reibt sich von hinten an seinen in Unterhose und Cowboystiefeln bekleideten Freund Horatio, der den Onkel Hamlets darstellt. So werden sexuelle Handlungen angedeutet, deren absurde Wildheit mit spontanen Zwischenrufen wie „Ey, no homo, ja?“ unterbrochen werden. Das Stück ist (heute?) gespickt mit derartigen sprachlichen Verweisen. „No homo“ erscheint wie die artikulierte immerwährende fromme Bestrebung, sich den gesellschaftlichen Normen zu entsinnen und sozial erwünscht zu handeln – eben ganz in der Form der heteronormativen Schablone. “No homo”: Wie ein kategorischer Imperativ, der situativ erst wieder laut ins Gedächtnis gerufen werden muss, um eine in den Augen homophober Personen primitive Enthemmung, die an homosexuellen Handlungen festzumachen seien, zu vermeiden. Für mich verdeutlicht Eidinger in diesen partiellen Momentaufnahmen, in denen er aus seiner Rolle des wahnsinnigen Hamlets heraustritt, die Haltung einer in Wirklichkeit doch oftmals immer noch an Homophobie leidenden, pseudotoleranten Gesellschaft, indem er mit verharmlosender Gestik an ihre obskuren Überzeugungen und geltenden Normative anspielt. So lese ich in seinem Ausspruch „no homo“ einen Querverweis auf ein Phänomen, das ich schon des Öfteren beobachten konnte, und zwar außerhalb des Theaters im real life. Es ist eine komische Art der Kollision von Männerfreundschaft und Prüderie, die in manchen Fällen gar ein Marker für Homophobie sein kann. Seinem besten Kumpel die freundschaftliche Zuneigung mittels sexueller Anspielungen zu bezeugen, ist kein genderneutrales Phänomen, sondern tatsächlich bisweilen nur unter (im weitesten Sinne heterosexuellen) Männern mitzuerleben – zumindest habe ich noch in keiner Frauengruppe erlebt, dass es zu derlei Auffälligkeiten kam.

Als beobachtende Frau nehme ich in solch einem Szenario eine besondere Position ein, indem ich die ironische Selbstsexualisierung von Männern in Freundschaftsbeziehungen aus einer entfernten und unbeteiligten Perspektive entdecken kann. Warum aber diese Ironie?

 Schuld ist wie immer der Penis, jaja.

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Davids Michelangelo | Quelle: pixabay.com

2. Samstagabend und das befreundete Paar T. und E. feiern ihren dreißigsten Geburtstag in unserer WG. Der  engste Freundeskreis ist geladen, alle sind fröhlich und E. freut sich, dass seine Kumpels, die er schon Ewigkeiten kennt, angereist sind. Das ist Freundschaft. Echte Männerfreundschaft. Das mit dem Bier läuft gut und die Menschen werden lockerer, heiterer. Die Stimmung ist lebhaft und angenehm. Es fehlt höchstens der Kickertisch oder Fußball – egal in welcher medialen Form. In der Küche sehe ich zum ersten Mal an diesem Abend, dass E. sich mit einem seiner Jugendzeitfreunde mit scherzhafter Gestik körperlich näher kommt. Sie kneifen sich in die Seite, kitzeln sich am Hals und lachen dabei. Wie sie so da stehen, erinnern sie an die Jungen vom Schulhof zu Grundschulzeiten. Ein Getobe war das.

Die anwesenden Menschen beobachten, leicht irritiert, passt es doch nicht zu den gewöhnlichen Verhaltensweisen zwischen Männern. „Das machen wir so. Wir kennen uns schon so lange“, sind E.s Worte und er löst damit die Irritation der anderen wieder auf. Die lieben sich halt, denken sie sich und mehr ist nicht dabei. Auch nicht, als sich derlei infantile Muster der körperlichen Annäherung plötzlich mit sexuellen Gesten abwechseln. So werden sich entgegenfunkelnde, zweideutige Blicke zugeworfen, es werden Komplimente zum „geilen Arsch“ gemacht oder die Zunge bei geöffnetem Munde gekreist, um einen innigen Zungenkuss anzudeuten. All das ist durchzogen von Ironie, alle Handlungen der beiden Männer wirken wie ein nicht ernst gemeintes Schauspiel. Schließlich würden sie sich nicht „in echt“ ernsthaft mit der Zunge küssen oder mit einer wahren sexuellen Intention in den Hintern kneifen. Oder doch?

Das Problem der zuschauenden Dritten

Wenn ich als heteronormgerecht agierende Frau so auf meine ebenfalls heteronormativgerecht agierenden Freundinnen blicke, wie sie mir in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung bekunden, habe ich weniger das Gefühl, dass sie jene in Ironie kleiden müssen, denn die gesellschaftlichen Konventionen lassen Ehrlichkeit und Direktheit zu. Frauen dürfen sich gemäß den gesellschaftlichen Normvorgaben also auch emotional aufgeladener mit ihren Empfindungen ihren Freundinnen gegenüber in der Öffentlichkeit offenbaren und sich voller gar ernst gemeinter Inbrunst gegenseitig körperlich annähern.

So nehme ich D. an diesem Abend in den Arm oder streiche über ihre Schulter, ohne dass das auch nur von irgendwem* in irgendeiner Weise sexuell (und selbst wenn, es wäre nicht delinquent) interpretiert wird. Die sozialen Verhaltensvorgaben für die Demonstration von Zuneigung in Frauenfreundschaften sind im Unterschied zu Männerfreundschaften weder tabuisiert, noch lösen sie Hemmungen bei den Protagonistinnen aus. Doch auch nicht unbedingt besser oder freier: Sie sind auf andere Weise sexualisiert und ästhetisiert. Denn es spiegeln sich beispielsweise in männlichen Fantasien von lesbischem Sex gesellschaftliche Mechanismen der Verobjektivierung und Sexualisierung des weiblichen Körpers wider. Freundinnen, die sich in der Öffentlichkeit küssen, sind sexy und zwischenzeitlich chic. Wenn ich also auf die spontane Idee käme meine Freundin zu küssen, um ihr meine (freundschaftliche) Zuneigung zu zeigen, würde mir wohl kaum eine*r unterstellen, ich sei homosexuell. Nein, ich wäre sogar attraktiver für die meisten Männer. Allerdings bloß deshalb, weil ich bei ihnen möglicherweise jene Fantasien beflügelt und mich auf diese Weise selber sexualisiert hätte. Anders als ein Mann, der seinem besten Kumpel in Anwesenheit einer zuschauenden Instanz (Beispiel Partygäste) seine starken Gefühle offenbaren möchte und dies ironisierend mit sexuellen Konnotationen umsetzt, um dem Homo-Vorwurf zu entkommen, bietet die verobjektivierte und sexualisierte Rahmung von Frauenfreundschaften einer Frau in diesem Fall tatsächlich eine spezifische Form von „Freiheit“. Zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten wird allerdings recht schnell klar, dass sich beide Geschlechter tragischerweise in einem Mechanismus der Sexualisierung befinden, der in beiden Fällen erst durch die Anwesenheit Dritter entstehen kann.

Männer, so sagt ein Freund, wollten sich mit ihrem „homo-ironischen“ Gehabe in Anwesenheit Dritter gegenseitig mitteilen, dass man keine Konkurrenz in dem jeweils anderen sieht, sondern dass man sich seiner sicher sein konnte. Zwischen echten Männerfreunden stünde eben nichts, weder Geld, noch Job und schon gar nicht eine Frau. Eine nicht abwegige Erklärung, meine ich. Und doch wird mir nicht so ganz klar, weshalb das nur auf diese Art zu gehen scheint, statt sich einfach ehrlich und eindeutig ins Gesicht zu sagen, dass man im Geiste verbrüdert sei. Konkurrenzgehabe herrscht allerdings auch zwischen Frauen und so würde sich jener Unterschied, den ich zu Anfang in meiner These festhielt, erübrigen.

Die Art und Weise jedenfalls, wie sich Frauen und Männer bei Anwesenheit Dritter ihrer freundschaftlichen Gefühle offenbaren, tritt verschieden zu Tage. Ich habe nichts dagegen, wenn befreundete Männer sich anfassen, liebkosen. Ganz im Gegenteil, wenn sie dem nachgehen, was sie für den jeweils anderen fühlen, ist das eine ganz wundervolle und liberale Angelegenheit. Denn unabhängig vom Geschlecht wird Freundschaft oft ähnlich intensiv wie das romantische Liebesgefühl empfunden, weshalb beide Emotionen oftmals ineinander verschwimmen.

Feel free. Go-homo. Or whatever you want.

Fakt ist, es gibt so viel zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Himmel und Erde, zwischen Mann und Frau; es existieren so viele heterogene Formen von Liebe, ebenso viel wie es Menschen gibt – jede*r liebt nun einmal anders. In einem Land, in dem derlei Grundrechte gelten, in dem uns wirklich alle Erfordernisse zur Verfügung stehen, die es benötigt, ein Leben in Freiheit zu leben, sollte man* sich auch von den letzten Fesseln einer grotesken Doppelmoral, ja einer Phase der emanzipatorischen Eiszeit, losmachen und sich gegenseitig einfach erlauben und trauen so zu lieben, wie es das Herz einem* sagt.

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