Lass dir mal Eier wachsen, du Pussy!      

Lass dir mal Eier wachsen, du Pussy!      

Wahrscheinlich ist den meisten klar, was mit der herablassenden Aufforderung gemeint ist: „Hör auf so feige/zaghaft/ verweichlicht zu sein!“ Wenn die Bedeutung hinter den Symbolen gesehen wird: „Hör auf, dich wie ein Mädchen zu verhalten und sei ein Mann!“

Wieso können solche Sätze nicht einfach ‚lustig‘ sein? Wieso sollten Äußerungen dieser Art vermieden werden, auch wenn keine böse Absicht zu Grunde liegt? Genderwahn? Politische Korinthenkackerei? Zensur?

Es gibt mehrere Gründe, warum wir unsere eigene Sprache reflektieren und updaten sollten:

 

1. „Das wurde immer schon so gesagt!“ ist kein Argument

 

Zum einen ist natürlich die Frage: War das tatsächlich immer schon so? Denkt Mensch genauer nach, gibt es kaum eine, wenn nicht sogar keine Äußerung, die so zeitüberdauernd verwendet wird und wurde. Zum anderen muss eine Sache nicht dadurch Legitimation erhalten, dass sie aus früher Vergangenheit rührt. Warum sollte “immer schon so“ ein pauschales Qualitätsmerkmal sein? Tun wir mal nicht plötzlich alle so mental versteinert. In anderen Bereichen werden Reformationen auch gerne gesehen (Multimedia, Kleidung, Musik…). Move on![1]

 

 

2. „Du weißt schon, wie ich das meine!“ ist kein Argument

 

Wir müssen unser Ego ab und zu hintenanstellen, besonders in der Interaktion mit anderen. Dass Menschen einen Satz auf unterschiedliche Weise aufnehmen, steht nicht nur mit den Enthüllungen von Schultz von Thun im Zusammenhang, sondern eben auch mit der Tatsache, dass Sprache historisch gewachsen ist und immer in einem bestimmten Kontext steht. An vielen Wörtern klebt giftige, stinkende, blutige Geschichte. Menschen sind unterschiedlich sensibel gegenüber diesen rassistischen, homofeindlichen, und auf sonstige Weise diskriminierenden Ausdrücken, natürlich auch, weil sie davon unterschiedlich stark betroffen sind oder waren. Es geht also nicht darum, wie etwas gemeint ist, sondern darum, wie es ankommt.

Der/die/* eine oder andere wird an dieser Stelle sofort empört aufschreien: „Aber ich kann doch nicht in die Köpfe von Menschen schauen! Wie soll ich denn auf jeden Menschen eingehen?!“

Fürs Protokoll: Wir reden hier nicht von individuellen Sonderwünschen. Es geht darum anzuerkennen, dass bestimmte Menschen – z.B. aufgrund von Sexualität („Das sieht so schwul aus!“/ „Hättest du den richtigen Kerl getroffen, wärst du nicht lesbisch!“), Gender („Du kleidest dich wie eine Transe!“), Geschlecht („Du wirfst wie ein Mädchen!“), Hautfarbe („Woher kommst du? Und ursprünglich?“) oder Religion („Sie ist Muslima, sie wird also unterdrückt!“) – häufiger als andere diskriminiert wurden und werden. Das Vermeiden von Sexismus, Homo-, Bi-, Trans- und Interfeindlichkeit, Cissexismus und Rassismus ist kein Extrawunsch, sondern zeugt von einem Mindestmaß an Respekt. Da sollte Mensch mancherlei kritischen Begriff oder diese und jene Äußerung doch einfach aus dem Wortschatz streichen. Let go![2]


3. Sprache grenzt aus

 

Ein gutes Beispiel hierfür ist der „generische Maskulin“, der für männliche Personenbezeichnungen steht, bei denen Frauen* gleichermaßen mit gemeint sind. Für Beispiele hierfür braucht es nur eine beliebige Zeitschrift oder Homepage: „In einem langwierigen Prozess wurde den nicht immer nur bereitwilligen Deutschen von ihren führenden Politikern […]“ oder „Der Prognose zufolge wird 2030 die Hälfte der Bundesbürger älter als 48,1 Jahre sein.“

Frauen* werden als Anhängsel gesehen, dessen Adressierung impliziert ist. In der Praxis jedoch werden cis-Frauen und besonders auch andere geschlechtliche Identitäten in Formulierungen mit dem generischen Maskulin wesentlich seltener mitgedacht und fühlen sich weniger angesprochen. Also: Geschlechtsgerechte (Beidnennung, Splitting, Binnen-l) oder bestenfalls geschlechtsneutrale Formulierungen verwenden, denn meist tut das Geschlecht überhaupt nichts zur Sache. Stop exclusion![3]

 

4. Sprache degradiert

 

Wenn Mensch sich die Message von „Lass dir mal Eier wachsen, du Pussy!“ genauer anschaut, so wird zum einen klar, dass es (mal wieder) um die Binarität zwischen cis-Mann und cis-Frau geht (Yeih…!), zum anderen um die stereotypen Eigenschaften, die den Geschlechtern zugeschrieben bzw. aufgezwungen werden. Der Prototyp cis-Mann sei mutig, stark und tatkräftig, seine Leistungen das Maß aller Dinge, der Prototyp cis-Frau dagegen zögerlich, weinerlich, unsicher, ihre Leistungen lächerlich. Selbstverständlich sind die Eigenschaften ersterer Personengruppe erstrebenswert für alle Menschen.

Menschen können aber natürlich nicht auf diese Art ‚sortiert‘ werden und es sollte auch keinen Verhaltenskatalog geben. Es gibt mutige, zögerliche, zickige, sportinteressierte, unordentliche, fürsorgliche usw. Menschen auf dieser Welt. Egal welchen Geschlechts. Menschen sollte die Degradierung ihres Charakters, ihres Körpers und ihrer Interessen durch Sprache erspart werden (Judith Butler könnte hier eine interessante Lektüre sein). Fuck gender stereotypes![4]

 

5. Sprache hemmt die Persönlichkeits-Entfaltung

 

Die oftmals starren diskriminierenden Strukturen in der Gesellschaft können entmutigend, ermüdend und energieraubend sein. Für viele stellen sie eine no-win-Situation dar: Steige ich als Frau* beruflich auf, werde ich eventuell als „Mannsweib“ bezeichnet, vielleicht sogar als „männerfeindlich“. Bewege ich mich in den gesellschaftlich vorgegebenen Rollen, werde ich in vielen Situationen als minderwertig angesehen („Typisch Frau!“). Auf jeden Handlungsakt folgt ein roter Stempel: Rejected.[5]

Ein Junge* ist ein toller Mensch, egal, ob seine Leidenschaft für Ballett („Sei nicht so eine Sissy!“) oder Rugby brennt. Mädchen* sind genauso gut in Naturwissenschaften wie alle anderen. Ein Kind, dessen Identitätsgeschlecht von der engstirnigen binären Gesellschaftsnorm abweicht (“Sie läuft rum wie ein Junge!”), sollte sich in Ruhe ausprobieren dürfen. Oftmals tritt Diskriminierung versteckt in Erscheinung (Neosexismus; “positiver” Rassismus/Sexismus; Microaggression), z.B. durch vermeintliche Komplimente („Dein Deutsch ist aber gut!“, „Frauen sollten beschützt werden“, „Ist nicht schlimm, dass du in Mathe eine schlechte Note hast, du bist ja auch ein Mädchen!“). In jedem Fall jedoch kann Sprache sowohl als Fußfessel, als auch als Rückenwind fungieren, wenn es um die Entfaltung von Identitäten geht. Empower. Don’t suppress.[6]

 

6. Mach nicht einen auf Opfer!

 

Das ist wohl das wichtigste Argument: Die eigene Sprache umzustellen ist keine Zumutung! Du denkst das seien alles überempfindliche Nörgler*innen da draußen? Leider tragen wir alle die Verantwortung für gesellschaftliche Zustände. Jede*r einzelne von uns ist ein Teil des großen Ganzen. Und dass jedem einzelnen kleinen Teilchen eine Schlüsselrolle zukommt, wissen wir bereits seit der Dalai Lama seine Mücken-Analogie zum Besten gab. Hör auf mit dem Selbstmitleid und hinterfrage deine Sprache! Stop whining and show some f*cking respect![7]

Sprache ist kein harmloses, laues Lüftchen, das an Menschen vorbeizieht und entschwindet. Sprache kann ein Ball sein, den sich Menschen fröhlich lachend hin und her werfen, aber Sprache kann auch einem Maschinengewehr gleichen. Sprechen ist Handeln und damit aktives Einwirken in die Wirklichkeit. Durch Sprache werden Systeme am Leben erhalten, Wahrnehmungen geprägt, Rollenbilder gefestigt und kontrolliert. Wir sollten also lernen, verantwortungsvoll mit diesem Instrument umzugehen. Damit wir nicht aus Versehen gefährliche Schüsse abfeuern, nur weil wir nicht verstehen, dass die Waffe nicht mit Platzpatronen geladen ist.

Also: Aufhören so stur zu sein, anfangen zu reflektieren, ein bisschen sensibler werden für Diskriminierung und aktiv werden, wenn Mensch auf eine sprachliche Tretmine aufmerksam wird, die Mensch vor dem Lesen dieses Textes selbst noch gelegt hätte: “Do the best you can until you know better. Then when you know better, do better.”  (Maya Angelou)[8]

 

@DoktorMihi

#LikeAGirl

 

[1] Engl. „Lass es hinter dir!”

[2] Engl. „Lass los!“

[3] Engl. „Beendet Exklusion/Ausschließung!“

[4] Engl. „Scheiß auf Geschlechtsstereotypen!“

[5] Engl. Abgelehnt

[6] Engl. „Ermutigt, unterdrückt nicht.“

[7] Engl. „Hör auf zu jammern und zeig verdammt nochmal Respekt!“

[8] „Gib dein bestes, bis du es besser weißt. Wenn du es dann besser weißt, handle besser.“

 

Referenzen

Butler, J., 1991. Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Butler, J., 2011. Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

 

Interessantes zum Weiterlesen

de Beauvoir, S., 1951. Das andere Geschlecht.
Bourdieu, P., 2001. Masculine Domination.
Butler, J., 1991. Das Unbehagen der Geschlechter.
Butler, J., 2011. Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen.
hooks, bell, 2002. Feminist Theory. From Margin to Center.
Klostermann, A., 2015. Geschlechtergerechte Sprache beeinflusst kindliche Wahrnehmung von Berufen. Verfügbar online: https://idw-online.de/de/news632492
Pyke, K.., 1996. Class-Based Masculinities. The Interdependence of Gender, Class, and Interpersonal Power. In: Gender & Society 10.5, S. 527-549.
Stefanowitsch, A., 2011. Frauen natürlich ausgenommen. Verfügbar online: http://www.scilogs.de/sprachlog/frauen-natuerlich-ausgenommen/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.