Warum viele Filme sexistisch sind und warum das nicht egal ist

Warum viele Filme sexistisch sind und warum das nicht egal ist

Dank für die Mitarbeit am Artikel geht an: Jelana on Mars, Feline und Laura

Was wir sehen und hören beeinflusst uns, ob wir wollen oder nicht. Das ist der Grund, warum Werbung funktioniert und warum Vorbilder im wahren Leben das ebenfalls tun – ob positiv oder negativ, der Effekt ist bewiesenermaßen da. Und es ist der Grund, warum Filme und Serien uns nachhaltig prägen.

Sind Filme männlich?

Wenn wir Filme und Serien schauen, fällt manchen vielleicht auf, dass Männer (genauer: weiße Cis-Männer heterosexueller Orientierung -> Der Begriff Cis ist in unserem Glossar erklärt) die Formate dominieren. Sie spielen mehr Hauptrollen, sind überhaupt in der Überzahl, sprechen viel mehr, sind wichtiger für die Story. Das scheint auch so in den Köpfen der Menschen verankert zu sein, dass es einen Aufschrei gibt, wenn Filme sich nicht an dieses Muster halten. Allen voran sind hier “Mad Max Fury Road” und das in den Hauptrollen komplett weiblich besetzte Remake von “Ghostbusters” zu nennen. Vor allem Männerrechtsaktivisten stand der Schaum vor dem Mund (aber auch anderen). Nehmen wir das als ersten Hinweis darauf, dass diese Filme mit einer ungeschriebenen Regel Hollywoods brachen: dass Männer mehr zu sagen haben und es vor allem hauptsächlich um sie geht.

 

Frauen kommen einfach seltener vor

Dass das tatsächlich so ist, und nicht nur eine Erfindung von Feminist*innen, die sich mal wieder über irgend etwas aufregen wollen, ist ohne Datenbasis natürlich schwer nachzuweisen. Wir haben deswegen mal ein paar Daten und Instrumente zur Überprüfung ausfindig gemacht.

Was die Anzahl Hauptrollen angeht, ist schnell durchgezählt. Die Zahlen sind seit Jahren einigermaßen stabil und lagen 2013 bei 29 % weiblicher Hauptcharaktere und 30 % der Charaktere mit Redeanteil. Frauen* spielen in Hollywoodfilmen noch immer hauptsächlich Nebenrollen, und auch das im Durchschnitt seltener als Männer*. Als Hauptrollen sind sie häufig darüber definiert , dass sie die Tochter, Frau, Mutter oder Freundin eines männlichen* Charakters sind. Sehr viel seltener stehen sie einfach für sich.

 

Frauen haben in Filmen wesentlich weniger zu melden

Es gibt aber noch weitere Kriterien, anhand derer man Benachteiligung von Frauen* in Filmen und Serien messen kann. Hanah Anderson und Matt Daniels haben sich die Mühe gemacht und über Wochen rund 2000 Filme ausgewertet. (heiße Klickempfehlung, die Grafiken sind interaktiv und extrem vollgepackt mit Daten: Link) Dabei haben sie sich am Redeanteil der Protagonist*innen orientiert und diesen unter anderem nach Gender ausgewertet. Der Redeanteil ist eine Größe, die sich gut für eine solche Auswertung heranziehen lässt. In der Regel ist es ja nun so, dass Charaktere desto mehr zu Wort kommen, je wichtiger sie sind. Conan der Barbar ist da doch eher die Ausnahme, und auch das ist wirklich kein feministischer Film.

So wurde also in der Studie der Dialoganteil nach Gender und Alter ausgewertet. Schlimmer als erwartet bietet sich ein Bild von männlicher* Dominanz. Selbst Filme, die eine weibliche Zielgruppe haben, wie Liebeskomödien, haben im Schnitt einen männlichen Dialoganteil von 58 %. Männer haben also selbst in “Frauenfilmen” mehr zu sagen. Insgesamt sprechen bei 2000 ausgewerteten Filmen aller Genres in 1206 Filmen zu 60-90 % Männer. Bei 307 Filmen sind es sogar über 90 %. Ausgeglichen ist es bei lediglich 314 Filmen und nur 173 weisen mehr weibliche als männliche Wortbeiträge auf.
Besonders dramatisch ist der männliche Wortüberhang ausgerechnet bei Disney-Filmen, von denen viele Charaktere nicht-menschlich sind. Gerade bei animierten Charakteren wäre es ein leichtes, das Geschlechterverhältnis auszugleichen. Die Autor*innen der Studie widmen Disney sogar eine eigene interaktive Grafik.

Bei diesen Daten fällt es schwer, von “Zufall” oder “gefühltem Ungleichgewicht” zu sprechen, wir lesen es in dieser Studie schwarz auf weiß: Frauen sind in den bewegten Bildern unterrepräsentiert und an den Rand gedrängt.

 

Wie behandeln Filme Frauen?

Über die Jahre haben sich Medienwissenschaftler*innen, Autor*innen und andere gender-sensibilisierte Menschen diverse Tests ausgedacht, anhand derer man Sexismus in einzelnen Filmen (und natürlich Serien) messen kann. Dabei wird mehr betrachtet, als der (zunächst recht oberflächliche) Anteil der gesprochenen Worte.

Der Bechdel-Test

Am bekanntesten ist wohl der Bechdel-Test (nach Alison Bechdel, Autorin diverser feministischer Comics). Er prüft, ob im Film zwei oder mehr Frauen miteinander sprechen, diese Frauen auch den Zuschauenden bekannte Namen haben und ob ihr Gespräch etwas anderes zum Inhalt hat als einen Mann. Ziemlich niedrige Hürde, die sollten doch die meisten Filme nehmen, oder? Weit gefehlt. Erstaunlich viele Filme schaffen es nicht, den Bechdel-Test zu bestehen. Darunter alle Herr der Ringe Filme, The Avengers, fast alle Star Wars Filme (nicht Episode VII), Avatar, Star Trek: Into Darkness, (fast) alle Harry Potter Filme, Pacific Rim, usw.
Nun ist der Bechdel-Test nicht makellos und viele Kritiker*innen haben zu Recht bemerkt, dass er allein nichts darüber aussagen muss, wie stark die weiblichen Charaktere sind, welche Rolle sie spielen und wie es mit Stereotypen aussieht. Auf der anderen Seite kann es auch passieren, dass ein Film wie “American Hustle” durchaus den Bechdel-Test besteht, weil sich die Mädchen in einer Szene über Nagellack unterhalten. Wir sehen also, eine Aussage darüber, wie effektiv der Film Frauen benachteiligt, liefert der Test leider entgegen seinem Anspruch alleine nicht. Da müssen noch weitere Tests her.

Der Mako-Mori-Test

Der Mako-Mori-Test, benannt nach dem weiblichen Hauptcharakter von Pacific Rim (ja, ein Film, der den Bechdel Test nicht bestanden hat!) prüft, ob mindestens eine Frau im Film einen eigenen Erzählsprung hat. Das haben viele Filme. Er darf jedoch nicht dazu dienen, die Geschichte eines Mannes zu unterstützen. An dieser Stelle wird es dann sehr dünn. Bestanden haben Mad Max Fury Road, das Ghostbusters-Remake, Pacific Rim (natürlich), Star Wars Ep. VII und auch The Avengers. Mit Pauken und Trompeten fallen aber auch sehr viele Filme durch. Twilight, Breakfast at Tiffany´s und Deadpool sind dabei nur eine kleine Auswahl.

Der Sexy Lamp Test

Von Comicbuch-Autorin Kelly Sue DeConnick (sie schreibt unter anderem für Marvel) wurde der Sexy Lamp Test erdacht. Er ist denkbar simpel. Erfüllt ist er dann, wenn ein weiblicher Charakter in einem Film nicht durch einen Gegenstand wie eine hübsche Lampe ersetzt werden kann, ohne die Story dabei zu zerstören. Schmunzelnd denkt man sich, dass das wohl für die meisten Filme mit weiblichen Charakteren zutreffen müsste. Erstaunlicherweise ist es selbst bei großen Hollywood-Produktionen eben nicht selbstverständlich, dass Frauen wirklich “eine Rolle spielen”. “Man of Steel”, “Breakfast at Tiffany’s”, “The Great Gatsby”, alle “Transformers” Filme – durchgefallen! Immerhin gilt das nicht für viele Filme mit weiblichem Zielpublikum wie “Natürlich blond” oder Disneys “Frozen”. Auch “Iron Man 3”, “Pacific Rim” oder “Star Trek Beyond” haben Frauen*, die noch andere Jobs haben, als hübsch auszusehen.

Der Ellen-Willis-Test

Noch interessanter ist es, sich anzuschauen, ob mit Stereotypen gearbeitet wird, also es “typisch weibliche” und “typisch männliche” Rollen vermittelt werden. Deswegen fragt der Ellen-Willis-Test (nach der politischen Aktivistin und Musikkritikerin Ellen Willis) ganz einfach, ob der Film noch Sinn machen würde, wenn das Gender der Charaktere einfach vertauscht würde, also Männer*rollen plötzlich weiblich besetzt wären und anders herum. Ursprünglich war dieser Test erfunden worden, um Lovesongs auf Sexismus zu testen (http://funboring.com/WillisTest). Spannend, dieses Gedankenexpermiment auf Filme und Serien anzuwenden.

Weitere Tests

Es gibt diverse weitere Tests, um Sexismen und Diskriminierungen in Filmen und anderen Medien ausfindig zu machen. Sie alle aufzuzählen würde hier den Rahmen sprengen. Einen besonders amüsanten, weil genugtuenden Test wollen wir hier aber noch erwähnen den Furiosa Test, benannt nach Furiosa, der Hauptfigur in Mad Max Fury Road. Er ist erfüllt, wenn es ein Film mit starken weiblichen Hauptcharakteren schafft, Männer so wütend zu machen, dass sie dazu aufrufen, ihn zu boykottieren. So geschehen bei Mad Max Fury Road, Ghostbusters (2016), Star Wars Ep. VII und Star Wars Rogue One (denn wo kommen wir denn da hin, wenn plötzlich Frauen Jedis werden können?).

Warum wir Sexismus in Filmen und Serien aufdecken müssen

Wir haben gesehen, dass man im Medium der bewegten Fiktion kaum davon sprechen kann, dass Frauen* und Männer* gleich behandelt werden. Wir haben verschiedene Instrumente kennengelernt, mit denen wir Sexismus aufdecken können. Vor allem aber ist es wichtig, überhaupt ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Denn wenn die Medienpsychologie eines weiß, dann ist es das: Medien, denen wir regelmäßig ausgesetzt sind, hinterlassen sehr deutliche Spuren bei uns. Die sind uns nicht unbedingt bewusst, aber sie sind trotzdem vorhanden. Wir alle sind mit Filmen aufgewachsen, in denen die Helden in der Regel männlich* waren und in denen Frauen* und Mädchen* nur hübsches Beiwerk waren. Allein die Tatsache, dass wir das in modernen Filmen immer noch sehen und nicht hinterfragen, ist eigentlich schon ein Skandal. Und ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr wir darauf geprägt sind, das für “normal” zu halten.

 

Bildnachweis: Sara Robertson – Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

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