Queer trotz Brainwash

Queer trotz Brainwash

Queere Menschen[1] müssen häufig ihre Existenz rechtfertigen.Sie müssen darlegen, „seit wann“ sie schon „so“ sind, ob sie schon einmal Erfahrungen heterosexueller Art oder als cis-Person gemacht haben, schon als Kind nicht den Geschlechterstereotypen entsprechend gekleidet waren oder unüblicher Freizeitgestaltung nachgegangen sind.

Diese Verhöre zielen allzu oft darauf ab, herauszufinden, ob sie denn wenigstens schon versucht haben „normal“ zu sein. Durchzogen werden diese Dialoge von der Hypothese der Fragenden, dass ein queeres Leben mit Sicherheit ein durch Gewalterfahrungen, Scheidungskind-Dasein oder ähnlichem Quatsch verursachtes notgedrungenes Abwenden vom eigentlichen Hetero-Ich sei.

Das queere Dasein sei selbstredend Konsequenz einer Angst vor bestimmten Körperteilen (meist natürlich Penissen, weil die so furchtbar gefährlich sind), eines unsicheren Verhältnisses zu Vertreter*innen des „anderen“ Geschlechts – innerhalb der „heterosexuellen Matrix“ (Judith Butler) sprechen wir hier von der cis-Kerl-cis-Frau-Dichotomie – und möglicherweise einer großen Portion Verwirrung und Orientierungslosigkeit („Falsche Freund*innen gehabt?!“).

Allerdings: Welche Existenz ist noch überzeugender, als jene, die sich trotz des Aufwachsens in einer heteronormativen Zwangsjacke entwickeln konnte, die sich entgegen aller medialer Brainwashing-Versuche nicht verleugnen und von (gewaltvollen) sozialen Sanktionen nicht einschüchtern ließ?

In jeder Hundertstelsekunde unseres Lebens verankern sich soziale Vorgaben in unserem (Un-) Bewusstsein oder schwirren dort omnipräsent herum. Fangen wir irgendwann an Sozialisation zu hinterfragen, wurde bis dahin schon unglaublich viel Müll in unseren Köpfen abgelagert: Heteronormative Filme, Musikvideos, Werbungen und Songtexte, heteronormative Sprache und Umgangsformen, heteronormative Vorstellungen von Liebe, Beziehung und Sex, heteronormative Vorgaben wie wir zu leben, atmen und kacken haben.

Jedes Abweichen von gesellschaftlich propagierten “biologischen” Determinanten erfordert deshalb nicht nur enormes Reflexionsvermögen, sondern auch extremen Mut, Einsatz und ausgesprochene Willensstärke. Gefolgt von einem Bewähren-müssen unter dem kritischen Auge der Mitmenschen. Die Beobachtenden messen das Verhalten und Auftreten anderer panisch an einer Haarnadel dünnen Norm.

Sollten queere Menschen nicht als die stärksten, reflektiertesten und beständigsten Gender- und Desire-Formen angesehen werden?

Schließlich haben sie (oftmals) keine Bestärkung erfahren, keine Unterstützung und Forcierung durch die breite Masse, durch schulische Inhalte oder von familiärer Seite. Queerness war da und blieb – und müssen die Betroffenen noch so unter dem geächteten Minderheiten-Status leiden.

Genau deshalb haben viele Verfechter*innen heteronormativer Strukturen Angst: Weil sämtliche ihrer Unterdrückungsversuche scheitern, weil queere Menschen lieber leiden, hoffen, kämpfen und sich verletzen lassen, als aufzugeben, was sie sind. Beständiger Widerstand trotz überdauernder Unterdrückung. Deswegen zelebrieren wir Queer Pride auf den Christopher Street Days in der ganzen Welt! Deswegen kommen Aufenthalte auf queeren Veranstaltungen oder in queer Clubs und Bars einem Kurzurlaub gleich. Für wertvolle Momente nicht nur defizitäres Abweichen darstellen, für ein paar Stunden keine heteronormativen Fragen beantworten müssen, für eine Weile die Deckung fallen lassen können.

Bis die Welt Gender und Desire nicht mehr als dominierende, hierarchisierende Ordnungsmuster erachtet, heißt es weiterhin: Raum erkämpfen. Um mit Judith Butlers Worten zu sprechen: Macht gebraucht von dem Recht auf öffentlichen Raum – denn erst dadurch wird er tatsächlich öffentlich –, widersetzt euch Entmündigung, den Versuchen der Auslöschung und der Ablehnung.

Zusammenhalt innerhalb der queeren Szene ist wichtiger, als sich gegenseitig auf jeden (sprachlichen) Fauxpas zu reduzieren, wie es gerade in den Kommentarleisten (anti-?) sozialer Netzwerke zu beobachten ist. Wir sind alle fehlbar, formulieren etwas ungeschickt oder vergessen an der ein oder anderen Stelle eine Personengruppe zu erwähnen. Es ist weder besonders hilfreich für politisches Streiten und ebenso unsolidarisch, mit Beleidigungen und Aggressionen aufzufahren. Kritik ja, aber doch bitte wertschätzend und im Sinne gemeinsamen Lernens formuliert, wenigstens aber mit einem Mindestmaß an Respekt. Mehr Liebe im Netz!

Die queere Community ist ein Kollektiv verschiedenster Menschen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Das zeigt sich in der Vielfalt der Beiträge in den Netzwerken. Genuin feministische Anliegen haben ebenso ihren Platz wie inter*, trans*, schwule, lesbische, bi, pan, poly, beziehungsanarchistische, fat activism, sexpositive ebenso wie asexuelle und unzählige weitere mögliche Kategorien.

Ein Hoch auf die Queer Communities! Unterschätzt niemals die Macht von Solidarität. „The right [to have rights] comes into being when it is exercised, and exercised by those who act in concert, in alliance.”  (Judith Butler) 


[1] In diesem Kontext sind hierbei nicht-heterosexuelle Menschen oder Gender-Minderheiten gemeint.  Ich maße mir allerdings nicht an, in diesem Text für alle queeren Menschen zu sprechen. In anderen Kontexten beschreibt “queer” aber auch eine Denkrichtung, die sich gegen Schubladendenken wehrt wie z.B. die Queer Theory als theoretisches Konzept, das die zweigeschlechtliche Norm sowie naturalisierende Diskurse dekonstruieren möchte und vermeintlich Gegebenes kritisch hinterfragt (vgl. “Purple Scare – queerfeministische maga_zine“)

 

2 thoughts on “Queer trotz Brainwash

  1. Abgesehen davon, dass ich nicht gerade ein Fan einer gewollt burschikosen Sprache bin (warum muss mensch auf Teufel-komm-raus Männer als “Kerle” bezeichnen? Ist das notwendig, um das Patriarchat zu Fall zu bringen?) und Judith Butler für heillos überschätzt halte, möchte ich vor allem auf einen Fehler hinweisen: die Formulierung “sexpositive ebenso wie asexuelle […]” unterstellt, dass mensch entweder sexpositiv oder asexuell sein kann. Tatsächlich kann man beides oder auch nichts von beidem sein. Sexpositivität bezieht sich auf eine normative Einstellung zu Sexualität, unabhängig von der sexuellen orientierung. Asexualität bezeichnet eine sexuelle Orientierung, unabhängig von normativen Einstellungen zu Sexualität.

    1. Die Sprache des Texts ist Geschmackssache, dazu kann ich an dieser Stelle nicht viel sagen. “Kerl” kann auch schlichtweg mal ein Synonym zu “Mann” oder “männlich sozialisierten Menschen” sein. Auch deine Einstellung zu Butler ist legitim, aber wohl nicht die einzig richtige. Wo ich dir allerdings Recht gebe ist dein Hinweis zu sexpositiv und asexuell. Vielen Dank hierfür! Das halte ich für wertvollen Input.

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