Menstruation ist nicht peinlich

Menstruation ist nicht peinlich

Der Petitionsausschuss des Bundestages wird über eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Menstruationsprodukte diskutieren. Das ist gut so. Aber wie darüber teilweise berichtet wird, hat mich geärgert.

Ungefähr die Hälfte der Menschheit menstruiert(1). Das ist nicht nur blutig und oft schmerzhaft, sondern auch teuer. Für Deutschland gibt es keine offiziellen Zahlen, aber Spiegel Online geht von etwa fünf Euro pro Menstruation aus. Dabei berücksichtigt die Autorin neben Menstruationsartikeln auch Schmerzmittel. Hochgerechnet auf durchschnittlich 40 Jahre mit jeweils zwölf Blutungen kommen insgesamt 2.400€ zusammen.

Fünf Euro im Monat klingt zunächst nicht viel. Für Menschen, die beispielsweise Hartz IV beziehen, können sie aber zum Problem werden. Ihr Regelsatz für Gesundheitspflege beträgt 15,55 € im Monat. Geld, von dem neben Menstruationsartikeln beispielsweise auch die Verhütung oder Arztbesuche bezahlt werden müssen. Eine ökologische Alternative wie etwa die Menstruationstasse, die im Einzelhandel etwa zehn bis 15 Euro kostet, liegt da bereits über dem monatlichen Budget. Tatsächlich geht man davon aus, dass etwa jede zehnte menstruierende Person in Europa sich keine Hygieneartikel leisten kann. In diesem Zusammenhang spricht man von Menstruationsarmut (2).

Die finanzielle Belastung durch Menstruationsprodukte wird durch Mehrwertsteuersätze von 19 Prozent (umgangssprachlich auch „Luxussteuersatz“) verstärkt. Stattdessen wären auch sieben Prozent möglich. Dieser ermäßigte Satz kann in Deutschland für lebensnotwendige Produkte erhoben werden. Absurderweise gilt dieser reduzierte Satz beispielsweise für Ölgemälde und Sammelbriefmarken; für Tampons, Binden und Menstruationstassen allerdings nicht.

Eine Petition fordert die Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Menstruationsprodukte

Eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Menstruationsprodukte fordert nun die Petition Nummer 91015, die den sperrigen Titel „Umsatzsteuer – Besteuerung von Periodenprodukten mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent vom 09.02.2019“ trägt. Sie kritisiert den Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent als systematische Diskriminierung Menstruierender. Die Blutung sei schließlich nichts, was sich die Betroffenen aussuchen, sondern etwas, das einfach passiert. „Das ist kein Luxus und sollte nicht als solcher besteuert werden.“

Längere Zeit sah es so aus, als würde die Petition die erforderliche Mindestunterschriftenanzahl nicht erreichen.  Gerade noch rechtzeitig bekam sie Unterstützung, unter anderem durch Margarete Stokowski: „Könnten bitte noch etwas über 25.000 Leute diese Petition unterzeichnen (noch 5 Tage Zeit), allein schon weil es interessant wird, wenn der Bundestag über Tampons diskutiert?“, „noch 20.232 bis Jens Spahn über Slipeinlagen philosophiert“ und „noch 18.667 bis Philipp Amthor fragt ob der kleine Mann sich das bieten lassen muss, dass Tampons billiger werden“, twitterte sie in den letzten Tagen vor der Deadline [Tweet 1, Tweet 2, Tweet 3].  Die Petition hat am Ende deutlich mehr als 50.000 Unterschriften erreicht. Daher wird der Petitionsausschuss im Bundestag ihren Inhalt nun tatsächlich diskutieren.

Menstruation ist ein gesellschaftliches Tabu – besonders bei cis Männern

Dass unter anderem Margarete Stokowskis Tweets zum Erfolg der Petition beigetragen haben dürften, ist toll. Trotzdem erreicht mich kurz darauf folgende Nachricht meiner besten Freundin: „Im ersten Moment klingt die Aussicht, dass Spahn und Amthor über Tampons reden müssen lustig, ja. Aber das zementiert doch nur wieder die Idee, dass Menstruationsprodukte etwas sind, was man lustig/peinlich finden kann/darf/soll, vor allem, wenn Männer sich damit beschäftigen (müssen).“

Unabhängig davon, ob die Tweets so gemeint sind: Die Idee, dass Menstruation insbesondere für cis Männer fürchterlich peinlich sei, sitzt sehr tief in unseren Köpfen.

Es ist kein Zufall, dass wir Unmengen Synonyme für „Menstruation“ kennen und nutzen. „Ich habe meine Tage“ ist die häufigste Umschreibung in meinem Umfeld, aber auch „Besuch von Tante Rosa“ oder „Erdbeerwoche“ sind geläufig. Sie haben gemein, dass sie die blutigen Tatsachen und biologische Begriffe großräumig umschiffen.

In meinem persönlichen Umfeld haben sich mehrfach cis Männer geweigert, ihren blutenden Partnerinnen, Müttern oder Schwestern Binden aus der Drogerie mitzubringen. Ihre Begründung: „Ih, voll peinlich!“

Wenn schon menstruieren, dann doch bitte unsichtbar!

In meiner Jugend war es üblich, nur hinter vorgehaltener Hand und im Flüsterton nach einem Notfalltampon zu fragen, wenn meine Freundinnen oder ich unerwartet unsere Menstruation bekommen hatten. Die Beute wurde anschließend fest von der Faust umschlossen. Es sollte bloß keiner sehen, womit wir zur Toilette schlichen! Nach Jahren der verschwörerischen Tamonbeschaffung habe ich zumindest diese beiden Aspekte hinter mir gelassen. Jetzt ärgere ich mich regelmäßig, dass in (halb-)öffentlichen Toiletten die Waschbecken außerhalb der Kabinen sind: Menstruationstassen-Säuberung ist so echt lästig.

Dabei habe ich als cis Frau immerhin das Privileg, dass die bloße Existenz meiner Menstruation niemanden überraschen dürfte. Für männlich gelesene Personen allerdings kann die Organisation und der Transport von Menstruationsprodukten noch um einiges schambehafteter und unangenehmer sein: Schließlich gilt Menstruation nach wie vor als „Frauenproblem“ [klick! für IGTV-Video „Trans* und Menstruation“ von Caspar; klick! für Video von Auf Klo].

Es gibt also diverse Beispiele, wie Menstruation in unserer Gesellschaft als etwas dargestellt wird, das uns unangenehm sein sollte. Deswegen stößt es mir auf, wenn selbst im feministischen Umfeld eine schambehaftete Perspektive gestützt wird.

Menstruation kann so vieles sein: aufregend (wann geht’s denn nun los?), schmerzhaft (vor allem, wenn mensch unter Endometriose leidet [klick! für Erfahrungsbericht]), erleichternd (nicht schwanger, juhu!), enttäuschend (nicht schwanger, schade!) oder eine finanzielle Belastung (zum Beispiel auch wegen der Besteuerung als Luxusartikel).

Aber sie ist nicht peinlich. Und ich möchte, dass wir aufhören, so darüber zu sprechen.

 

Anmerkungen:

(1) Nicht alle diese Menschen sind Frauen. Denn nicht alle Frauen haben einen Uterus und nicht alle Menschen mit Uterus Frauen sind. Und auch Personen vor der Pubertät, nach der Menopause („Wechseljahre“), Schwangere oder Menschen, deren Verhütungsmethode eine Blutung verhindern, menstruieren nicht.

(2) Literaturtipp: „da unten. Ein Aufklärungscomic über Vulven und Sexualität“ [klick!] von der *innenAnsicht-Gründerin Alica Läuger enthält auch einen Abschnitt über die Menstruationsarmut – und hat sogar Tipps für Gegenmaßnahmen.

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