„Yes, we fuck“ – über funktionelle Diversität und die Freiheit, sexuell zu sein

„Yes, we fuck“ – über funktionelle Diversität und die Freiheit, sexuell zu sein

Wenn wir sexuelle Bilder sehen, zeigen sie meist normschöne Menschen – oft weiß, meist schlank, fast immer ohne Behinderung. „Yes, we fuck“ ist eine berührende Ausnahme – und spricht lieber von funktioneller Diversität.

Inhaltswarnung: Im Text werden sexuelle Szenen aus dem Film nacherzählt. Wenn euch das unangenehm ist, lest lieber etwas anderes.

Ich sehe eine Szene: Ein Raum in gedimmtem Licht füllt sich mit Menschen, Matratzen liegen auf dem Boden, Körper, die einander kennenlernen wollen im gegenseitigen Einverständnis, die sich erkunden, berühren, streicheln. Sich aneinanderschmiegen. Und eine Stimme, die aus dem Off die Sinnlichkeit dieses Moments in Worte malt:

„Wir atmen. Ich berühre einen Bauch. Es ist nicht meiner. Es ist nicht mein Körper. Alles Hände. All diese Körper. Streicheln. Reiben. Flüstern. Lachen. Höhlen, in die wir uns kuscheln können. Keine Eile. Ganz zärtlich lassen wir uns ausziehen. Wir erkennen uns, verlieren uns in der Bewegung der Hände, lassen uns versorgen, lassen uns lieben, können uns spüren. Ich spüre, du spürst. Wir sind mehr als ein Körper. Atmend, vibrierend, mehr als ein Körper, in Lust vereint. Lass die Lust ausbrechen. Lust. Die Freiheit, sexuell zu sein. Um im gleichen Moment mehr zu sein. Eine Gruppe, die kein Ganzes ist. Brüche, Begegnungen, Abweichungen, Erweiterungen, Gelenke, Organe und Rätsel treffen sich, in dieser Flucht aus dem Alltag, die wir Lust nennen.“

Die Szene ist ein Ausschnitt aus dem Film „Yes, we fuck“, den der spanische Aktivist, Filmemacher und Gründer des Forums für ein Selbstbestimmtes Leben (span. „Oficina de Vida Independiente“) Antonio Centeno gemeinsam mit Raúl de la Morena 2015 produzierte. „Yes, we fuck“ gibt Menschen mit funktioneller Diversität den Raum, ihre eigenen Geschichten über Liebe, Lust und Sexualität zu erzählen und führt die Zuschauenden an den Begriff der funktionellen Diversität heran. Funktionelle Diversität wurde als Gegenbegriff zu Worten wie „Behinderung“ oder „körperliche und/oder geistige Einschränkung“ formuliert, um die funktionelle Verschiedenheit von menschlichen Körpern und Funktionen in ihrer Vielfalt zu wertschätzend.

Der Film schafft Sichtbarkeit von Orten und Menschen, die unsichtbar gehalten werden. Deren Körper, Wünsche und Verlangen weiterhin tabuisiert sind in einer Welt, in der Sex und Sexualität meist nur mit Bildern und Geschichten von schlanken, weißen und jungen Körper assoziiert wird. Doch wo sind all die anderen Geschichten, all die anderen Menschen mit verschiedenen Körpern und Formen und Funktionen? Diese Fragen stellt der Film: Was ist Sex und Sexualität jenseits gesellschaftlicher Normen? Was meint „Freiheit, sexuell zu sein“? Und woher kommt der Begriff der funktionellen Diversität?

Funktionelle Diversität als Gegenbegriff

Der Begriff Funktionale Diversität (Span. Diversidad Funcional; Engl. Functional Diversity) wurde 2005 von spanischen Aktivist*innen mit funktioneller Diversität des Forums für ein Selbstbestimmtes Leben und Diversität (im Spanischen „Foro de Vida Independiente y Diversidad“) eingeführt und genutzt. Das Forum ist eine virtuelle Gemeinschaft von Menschen, die sich seit Beginn der 2000er Jahre in Spanien für die Menschenrechte von Menschen mit funktioneller Diversität einsetzen und deren Philosophie sich auf die des US-amerikanischen „Movement for Independent Living“ beruft, das bereits seit Ende der 1960er Jahre für die Rechte eben jener gesellschaftlichen Minderheit kämpft.

Funktionelle Diversität wurde deswegen als Gegenbegriff zu Wörtern wie „Behinderungen“, oder „körperliche und/oder geistige Einschränkungen“ formuliert, weil diese Menschen beschreiben sollen, deren Körper und/oder Wesen nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen und sich jenseits einer konstruierten Idee von Perfektion und „Normalität“ befinden. Es sind Begriffe, in denen ein Beigeschmack von Krankheit, Einschränkungen, Schwäche, Lähmung und Zurückgebliebenheit mitschwingt und die dadurch – ob gewollt oder ungewollt – eine stigmatisierende Wirkung für Menschen mit funktioneller Diversität haben. Auch wird seitens Aktivist*innen für funktionelle Diversität kritisiert, dass mit Begriffen wie „Einschränkungen zur Teilhabe“ die Verantwortung von gesellschaftlichen Problemen in die Hände der Person mit funktioneller Diversität gelegt wird. So wie es in den verschiedensten Bereichen unserer kapitalistischen Gesellschaft geschieht, werden auch hier soziale Ungerechtigkeiten individualisiert und Menschen für ihre strukturelle Benachteiligung selbstverantwortlich gemacht. Und so wie sich ein Arbeiter*innenkind vermeintlich „nicht genug angestrengt hat“, um es auf die Universität zu schaffen, sind Menschen, die sich in einem Rollstuhl fortbewegen, eben selbst daran schuld, dass sie nur eingeschränkt an öffentlichen Veranstaltungen teilhaben können, weil der Ort keinen barrierefreien Zugang bietet.

Antonio Centeno, der sich seit einem Unfall mit 13 Jahren selbst als Mensch mit funktioneller Diversität versteht, entgegnet: „Hier beginnt unser Kampf für Anerkennung von verschiedenen Formen persönlicher Autonomie. Von verschiedenen Weisen, Dinge zu tun, die nicht üblich sind, aber die genauso menschlich, echt und wertvoll sind und die auf dieselbe Weise respektiert werden sollten. Und das ist eine politische Angelegenheit.“[1]

Doch welche politischen Aufgaben und Übungen gehen einher mit dieser Forderung? Welche Form von Widerstand und sozialer Organisation braucht es, um mit einer hegemonialen Vision der Welt zu brechen, die sich in „wir“ und „die Anderen“, in „normal“ und „anormal“ aufspaltet? Und wie verlernen wir die Narrative, Bilder und Normen, mit denen wir gelernt haben, die Welt zu sehen? All das blitzt mir durch den Kopf, während ich in den Sequenzen des Films versinke.

Natürlich gibt es nicht eine Antwort auf diese Fragen. Es gibt viele.

Eine Antwort ist, sich die inhärente Macht von Wörtern wiederanzueignen und damit gesellschaftliche Diskurse zu verändern. So wie es das Forum für ein Selbstbestimmtes Leben und Diversität macht, wenn es funktionelle Diversität als Gegenbegriff formuliert. „Sprache ist wichtig, denn wir sind Kommunikation. Und die Konstruktion von Realität basiert auf Kommunikation und demnach auf Sprache“, sagt Centeno. Die Aneignung und Verbreitung eines Begriffspaars wie funktioneller Diversität bedeutet demnach verschiedene Formen von alltäglicher Kommunikation, Fortbewegung, Denken, Beziehungen führen, Lieben und nicht zuletzt Sex haben als Wert in sich zu begreifen ohne ihre Unterschiedlichkeiten zu negieren und nach einer fiktiven Gleichheit zu streben. So betonen Autor*innen des Forums für ein Selbstbestimmtes Leben: „In der Tat möchten wir auf unsere Verschiedenheiten hinweisen, weil sie ein inhärenter Teil unseres Lebens sind; wir sind stolz auf sie und tragen unsere Verschiedenheiten mit voller Würde ohne sie zu leugnen.“[2]

Eine andere Antwort gibt Centeno. Er lädt zu einer Übung ein. Eine Übung, andere Realitäten zu schaffen, sich zu fragen: Wie sind Körper? Wie machen verschiedene Körper verschiedene Dinge? Und wie interagieren sie miteinander? Er lädt dazu ein, diese verschiedenen Realitäten sehen zu lernen und ausgehend von diesen Realitäten die unterschiedlichen Räume einer Gesellschaft neu zu gestalten.

Ich mache diese Übung. Ich laufe gedanklich durch meinen Alltag. Denke an Stationen und an Menschen, die mir begegnen. Und plötzlich ist dort eine Szene, an die ich mich erinnere. Ich steige an einer Station in Berlin aus der S-Bahn aus und laufe am Fahrstuhl vorbei zu den Treppen. Vor dem Fahrstuhl steht ein Mann mit einem Rollstuhl. Das Licht des Fahrstuhls leuchtet rot auf. Der Mann sagt: „Scheiße“. Er rollt rückwärts zurück auf den Bahnsteig. 10 Minuten steht auf der Anzeige und ich höre ihn murmeln: „Dann die andere Station.“

Es sind genau solche Situationen, die Centeno als politisch beschreibt. Sie sind sichtbar, wenn wir sie lernen zu sehen. Und erst dann ist politisches Handeln möglich.

Doch was ist mit Sexualität? Was ist mit den vermeintlich „privaten“ Räumen des Lebens? Wenn das Sichtbarmachen von verschiedenen Realitäten eine Form des Widerstands ist, wie können Räume wie Sex und Sexualität gezeigt und artikuliert werden?

Ein Film, der zum radikalen Andersdenken einlädt

Centenos Antwort darauf ist der Film „Yes, we fuck“ und das damit verbundene Projekt für Sexual-Assistent*innen. Sexual-Assistent*innen, die Menschen mit funktioneller Diversität dabei unterstützen, ihre Sexualität in möglichst selbstbestimmter Weise zu (er)leben, sieht Centeno als genauso wichtig und berechtigt an wie persönliche Assistent*innen, die Menschen mit funktioneller Diversität mit den alltäglichen Aufgaben und Herausforderungen des Lebens unterstützen. „Ihre Hände ermöglichen uns auf unsere eigene Weise unseren Körper zu erkunden“,[3] sagt er.

Ja, denke ich. Ich habe zuvor nie einen Menschen mit funktioneller Diversität gesehen, der Sex hat oder andere Formen von intimer Zärtlichkeit mit einer vertrauten Person austauscht. Ich habe bisher auch nur wenig darüber lesen (können).

Ich habe im Gegensatz dazu jedoch schon viele Menschen ohne funktionelle Diversität gesehen, die Sex haben oder Zärtlichkeiten austauschen. In Filmen, in Zeitschriften aus der Jugend… Ich habe mir wenig Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, sich auf Grund von funktioneller Diversität nicht selbst berühren zu können. Den eigenen Körper nicht allein erkunden zu können. Dass es verschiedener Bedürfnisse und vielleicht Unterstützung und Räume bedarf, um Erfahrungen von Lust und Liebe machen zu können.

Einerseits mag das mit meiner eigenen Privilegiertheit zusammenhängen, damit, dass ich als Mensch ohne funktionelle Diversität mich nicht zwangsläufig mit den Realitäten von Menschen mit funktioneller Diversität auseinandersetzen muss, wenn ich mich nicht aktiv dazu entscheide. Andererseits ist es eben jene Unsichtbarkeit, die unsere Gesellschaft um diese verschiedenen Realitäten schafft. Wie kann ich etwas sehen lernen, was ich nirgendwo zu sehen bekomme?

Ich denke an eine Veranstaltung zu feministischen Pornos, die ich vergangenen Sommer in Berlin besuchte. In den Hinterhöfen des Sisiphos nah den Gleisen des Ostkreuzes wurden an diesem Abend an unterschiedlichen Ecken des Geländes kurze Zusammenschnitte verschiedener Filme der schwedischen Pornoproduzentin Erika Lust gezeigt. Wenngleich sie ihre Pornos als feministisch bezeichnet und die Lust der Frauen im Gegensatz zum patriarchalen Mainstreamporno im Mittelpunkt steht, werden auch hier hauptsächlich Körper gezeigt, die bestimmten Körpernormen entsprechen. An diesem lauen Sommerabend sind auf der Leinwand keine dicken Menschen zu sehen, kaum Menschen of Color, geschweige denn Menschen mit funktioneller Diversität. Ich frage mich, was für ein Feminismus soll das sein?

Und vielleicht bin ich deswegen so berührt von Centenos Film.

Berührt davon, Realität anders sehen lernen zu dürfen. Ich sehe die letzte Szene des Films…

Eine Frau sitzt gemeinsam mit ihrer Sexual-Assistent*in in ihrer Wohnung. Sie* hilft ihr, sich zu entkleiden. Die Assistent*in führt die Hand der Frau über ihren eigenen Körper, was ihr durch die Position ihrer Hände alleine nicht möglich ist. Sie streicht mit ihren eigenen Händen über Stellen, die sie noch nie berührt hat. Ihren Nasenrücken, ihre Wangen, ihren Hals, ihre Brustwarzen, ihren Bauch, die Innenseiten ihrer Oberschenkel, ihre Vulva. Die Frau hat ihre Augen dabei geschlossen und plötzlich huscht ein Lächeln über ihr Gesicht und sie flüstert: „Wie schön ist es, sich selbst zu berühren.“

Der Film „Yes, we fuck” kann auf Vimeo mit deutschen Untertiteln geschaut werden:

https://vimeo.com/123177395

[1]Übersetzung der Autorin dieses Artikels aus dem Spanischen: „Ahí es donde nuestra lucha es por el reconocimiento de ciertas formas de autonomía personal.De ciertas formas de hacer las cosas ques on minoritarias, que no son usuales, pero son igualmente humanas, reales, valiosas y deben respetar de la misma manera. Y eso es una cuestión política.“ (Quelle: Artikel aus der Zeitschrift “femiñetas” Ausgabe März 2019.)

[2]Übersetzung aus dem Engl. “We do indeed wish to stress our differences, because this is a reality inherent to our lives, we are proud of it and find full dignity in this difference, which we do not deny” In: Javier Romañach & Manuel Lobato (2005): Functional Diversity, a new term in the struggle for dignity in the diversity of the human being.“ Abrufbar unter: https://disability-studies.leeds.ac.uk/wp-content/uploads/sites/40/library/zavier-Functional-Diversity-Romanach.pdf

[3]Span. „Sus manos son ese apoyo que posibilita explorar nuestro cuerpo a nuestra manera.“

Bildnachweis: © Antonio Centeno & Raúl de la Morena

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