„Fight like a girl“ – Geschichten von Aktivistinnen

„Fight like a girl“ – Geschichten von Aktivistinnen

Im aktuellen politischen Klima ist es manchmal anstrengend, sich zu motivieren, auf Demos zu gehen. Warum nochmal ein Schild malen, warum nochmal durch den Regen marschieren, wenn das alles sowieso nichts ändert? Zu Hause auf dem Sofa ist es außerdem doch viel schöner. Falls du gerade eine Motivation brauchst, dich aufzuraffen und es aus der gemütlichen Häuslichkeit raus auf die Straßen zu schaffen: Hier kommen vier Erfolgsgeschichten von Frauen, die die Welt verändert haben.

(Mehr von den Illustrationen? Hier lang: Klick.)

HUNGERSTREIK, ENGLAND, 20. JAHRHUNDERT

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben Frauen in England für das Recht zu Wählen gekämpft. Diese Frauen wurden als Suffragetten bekannt. Die Suffragetten störten den alltäglichen politischen Alltag, sie schlugen Fenster ein, sie stecken Briefkästen und leerstehende Häuser in Brand, sie legten Bomben in Kirchen.

Als sie ins Gefängnis kamen, starteten die Frauen einen Hungerstreik.

Die Regierung hatte nun zwei Möglichkeiten. Nichts zu tun hätte letztendlich zum Tod der streikenden Frauen geführt, und dies bereitete der Regierung Sorgen – allerdings nur insofern, dass eine tote Suffragette zur Märtyrerin werden könnte. Eine so machtvolle Figur wollten sie um jeden Preis vermeiden.

Also entschied sich die Regierung für die zweite Möglichkeit: Zwangsernährung. Ein Schlauch wurde durch die Nase bis in den Magen gelegt, um den Frauen darüber Nahrung zuzuführen. Die Öffentlichkeit reagierte schockiert auf diese Behandlung. Die Suffragetten wurden damit zwar am Leben gehalten, aber die Methode wurde trotzdem als ungerecht und unmenschlich betrachtet. Die öffentliche Reaktion wäre vermutlich eine andere gewesen, wären die Inhaftierten nicht weiße Frauen aus der Mittel- und Oberschicht gewesen. Ihre Privilegien haben die Suffragetten vor mehr Misshandlung geschützt.

So entwickelte die Regierung schließlich eine neue Strategie: Sie erlaubten den Frauen ihren Hungerstreik – bis zu dem Punkt von ernsten gesundheitlichen Risiken. Dann wurden die Suffragetten aus dem Gefängnis entlassen, um sich zu Hause erholen zu können. Im Anschluss wurden sie wieder inhaftiert und das Ganze begann von vorn.

Der Ausbruch des ersten Weltkrieges beendete vorerst diese Bewegung der Suffragetten. Nach dem Krieg erhielten Frauen über 30 erstmals das Wahlrecht. Und die Idee des Hungerstreiks, die Idee von Frauen, die ihre Macht über den eigenen Körper als Form des Protests verwenden, hat bis heute überlebt.

 

FRAUENSTREIK, ISLAND, 1975

Am 24. Oktober 1975 streikten 90 Prozent der weiblichen Bevölkerung Islands.

Die Isländerinnen gingen nicht zur Arbeit. Sie kümmerten sich nicht um den Haushalt. Sie kümmerten sich nicht um die Erziehung von Kindern und die Pflege älterer Angehöriger. Die unbezahlte Arbeit, die weiblich sozialisierte Menschen oft einfach erledigen, weil das eben schon immer so war, wurde genauso bestreikt wie die Lohnarbeit.

Der Streik sollte als Demonstration gegen unfaire Bezahlung und diskriminierende Einstellungspraktiken dienen. Mehr als 10 Prozent der gesamten Bevölkerung Islands kam in die Hauptstadt Reykjavik, um sich an den Protesten dort zu beteiligen.

Viele Unternehmen mussten an dem Tag schließen. Die Telefone funktionierten nicht, die Zeitungen wurden nicht gedruckt. Fischfabriken, in denen vor allem Frauen arbeiteten, mussten die Produktion einstellen. Theater sagten ihre Stücke ab. Schulen wurden geschlossen. Bank-Manager und -Vorstände mussten die Jobs normaler Angestellter übernehmen, um die Banken offen zu halten.

Viele Arbeitgeber hatten sich auf den Tag vorbereitet: Es gab Süßigkeiten, Ausmalbücher und Stifte für Kinder. Väter konnten ihren Nachwuchs nun mit zum Job bringen und sich dort gemeinsam um die Kinder kümmern. Der Frauenstreik hat nicht nur sichtbar gemacht, wie vieles ohne Frauen nicht mehr funktionierte – sondern auch gezeigt, dass das Zusammenleben in Island anders organisiert werden konnte als bisher.

Ein Jahr später wurde ein Gesetz für Lohngleichheit in Island verabschiedet, 1980 wurde Vigdís Finnbogadóttir zur ersten weiblichen Präsidentin gewählt. Heute gilt Island als das geschlechtergerechteste Land der Welt – und in den Streiks von 1975 hat diese Entwicklung ihren Anfang genommen.

 

SEXSTREIK, LIBERIA, 2003

Das Wort „Streik“ assoziieren wir oft mit Gewerkschaften und dem Niederlegen von Arbeiten wie im Beispiel aus Island. Nun durften und dürfen Frauen auf der ganzen Welt aber lange nicht am Arbeitsmarkt teilnehmen. Noch dazu haben Frauen weniger Einfluss in der Politik. Das heißt: Frauen hatten und haben seltener die Möglichkeit zum klassischen Streik und müssen sich mehr vor den Konsequenzen eines Streiks fürchten.

2003 hat sich in Liberia (einem Land in Westafrika) eine Bewegung gegründet: „Women of Liberia Mass Action for Peace“, eine Frauenbewegung für Frieden. Die beteiligten Frauen wollten die Macht nutzen, die sie hatten, um die Männer in Entscheidungspositionen unter Druck zu setzen. Ihr Ziel war das Ende des zweiten liberianischen Bürger*innen-Kriegs – und sie waren erfolgreich. Tausende Frauen haben sich beteiligt und dazu beigetragen, dass ein 14-jähriger Krieg beendet wurde.

Die Aktivistinnen haben sich mit Politiker*innen und Personen des öffentlichen Lebens getroffen. Sie haben Gebäude mit einem Sitzstreik blockiert, um die Friedensverhandlungen voran zu bringen. Sie haben die mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Und sie hatten einen Sexstreik.

Tausende Frauen – aus allen wirtschaftlichen Schichten und Bildungshintergründen und Religionen – weigerten sich, Sex mit ihren Partnern zu haben, bis eine Friedensvereinbarung getroffen sein würde. Sie haben auch mit „dem Fluch“ gedroht: Ihre Röcke zu heben und damit ihre Vulven zu offenbaren, nicht für ihre eigene sexuelle Lust, sondern nur, um die Beobachter zu provozieren.

Die Organisatorinnen, Leymah Gbowee, Ellen Johnson Sirleaf und Tawakkul Karman, haben für diesen gewaltfreien und zielführenden Aktivismus einen Friedensnobelpreis gewonnen.

Die Vorstellung von einem Sexstreik ist vielleicht erstmal seltsam. Aber der Sexstreik in Liberia war nicht der einzige in der Geschichte, auch nicht der einzige erfolgreiche. Ein anderes Beispiel kommt aus Kolumbien. Dort wurde Aggressivität und Gewalt als etwas Attraktives und Begehrenswertes betrachtet, insbesondere in Gangs. Kolumbianische Frauen haben sich aus Protest dagegen geweigert, mit ihren Partnern zu schlafen. Und damit die Perspektive auf Männlichkeit grundlegend verändert.

 

PROTESTE IN POLEN, 2016

2016 hat die polnische Regierung einen neuen Gesetzesentwurf vorgestellt. Ungewollt Schwangere/Schwangere Personen, die Abtreibungen hatten, sollten dafür mit fünf Jahren Gefängnis bestraft werden können. Ärzt*innen, die Abtreibungen durchführten, sollten ebenfalls inhaftiert werden.

Zehntausende haben in über 60 Städten in Polen als Reaktion auf diesen Gesetzesentwurf gestreikt. In vielen Städten auf der ganzen Welt haben sich Menschen solidarisiert und an Demonstrationen teilgenommen.

Die demonstrierenden Frauen waren ganz in schwarz gekleidet: Sie haben ihre Reproduktionsrechte betrauert.

Und ihre Proteste waren erfolgreich! Der Gesetzesentwurf wurde nicht verabschiedet.

 

ALLTAGSAKTIVISMUS

Frei und selbstbestimmt als Frau leben – klingt einfach, ist es aber nicht.

Als Mädchen in die Schule zu gehen kann revolutionär sein, wie uns Malala gezeigt hat. Als Frau einen Marathon zu laufen, während Menstruationsblut auf der Sporthose sichtbar wird, kann revolutionär sein, wie uns Kiran Gandhi [klick!] gezeigt hat.

Sichtbar sein, laut sein, selbstbestimmt leben – und das obwohl man zu einer an den Rand gedrängten (marginalisierten) Gruppe gehört – das ist revolutionär

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