#Female Pleasure fehlt die weibliche Lust

#Female Pleasure fehlt die weibliche Lust

Als #Female Pleasure in die Kinos kam, wurde er sehr gefeiert und als „eine der wichtigsten Dokumentationen des Jahres 2018“ bezeichnet (ZDF). Bei dieser Begeisterung geriet ganz in den Hintergrund, dass der Film eben eines nicht zeigt: Weibliche Lust. Rund um den Frauenkampftag ist #Female Pleasure wieder in einigen Kinos zu sehen.

Inhaltswarnung: Gewalt gegen Frauen, Körperverletzung, sexualisierte Gewalt

Leyla Hussein hebt die monströs große Schere und attackiert damit das riesige Vulva-Modell aus bunter Knetmasse. „Als erstes sticht man hier zu“, verkündet sie und rammt die Scherenspitze in die Klitoriseichel. „Das muss bluten.“ Die Schere sticht und pult im Knethügel herum, bis die Farben der einzelnen Schichten ineinander verschmieren. „Bei dieser Form der weiblichen Genitalverstümmelung wird jetzt auch hier alles abgeschnitten“, erklärt sie und macht sich über die Vulvalippen her. Knetklumpen fallen zu Boden, die Farben vermischen sich in unruhigen Schlieren, die Ränder sind zerfetzt. Die jungen Männer hinter Leyla sind blass, ringen um Fassung. Hoffentlich werden ein paar von ihnen nach dieser Demonstration nicht mehr auf eine „beschnittene“ Braut bestehen. Ihrem Einsatz gegen Vulvenverstümmelung wäre damit geholfen.

Fünf beeindruckende Protagonistinnen

Leyla Hussein ist Muslima und eine der fünf Protagonistinnen von #Female Pleasure, die jeweils einer der fünf Weltreligionen angehören. Sie alle verbindet die Unterdrückung der Frau durch diese Religionen.

Nach einer arrangierten Eheschließung verließ Deborah Feldman ihre ultraorthodoxe jüdische Gemeinde in Brooklyn und nahm ihren kleinen Sohn mit. Daraufhin wünschte ihr die eigene Familie den Tod, „damit wir auf deinem Grab tanzen können“.
Die japanische Künstlerin Rokudenashiko wurde wegen „3D-Unzüchtigkeit“ verhaftet. Sie hatte mittels eines 3D-Druckers ein Kayak gebaut, dessen Form auf einem Abdruck ihrer Vulva basierte und die Daten ins Internet gestellt.
Doris Wagner wurde als Nonne mehrfach von einem Priester vergewaltigt. Weder von der Polizei noch von der katholischen Kirche bekam sie Hilfe.
Die Aktivistin Vithika Yadav kämpft gegen Belästigung und sexualisierte Gewalt in Indien. Mit ihrer Webseite „Love Matters“ klärt sie über Sexualität und Lust auf – und hat als erste Frau in ihrer Familie aus Liebe geheiratet.

Im Film, der Interviews mit den fünf Frauen und Szenen aus ihrem aktivistischen Leben zusammenbringt, kommt niemand anderes zu Wort. Es gibt keine Stimme aus dem Off, keine*n Interviewer*in. So schafft der Film einen intimen Zugang zu den Frauen, die stets die Deutungshoheit über ihre Geschichte behalten. Die Wut und die Verzweiflung, aber auch die scheinbar endlose Energie und der Mut der fünf Porträtierten sind mit voller Wucht zu spüren – und kommt beim Publikum an: „Ich konnte nicht aufhören zu weinen“, berichtet eine Zuschauerin.

Doch aus feministischer Sicht bleibt dieser Film, der die „weibliche Lust“ als Titel trägt, leider eindimensional.

#Female Pleasure bleibt cis-heteronormativ

Es beginnt damit, dass die vorgestellten Lebensmodelle allesamt cis-heteronormativ sind. Alle vorgestellten Frauen sind (anscheinend) hetero, einige sind in (mutmaßlich) glücklichen Beziehungen mit Männern, alle haben Kinder. „So soll es sein“, strahlt die Ex-Nonne – und ich freue mich für sie, möchte aber trotzdem laut schreien, dass es genauso legitim ist, Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten zu lieben (oder kinderlos und/oder allein glücklich zu sein).

Studien zeigen, dass Frauen mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten im Schnitt deutlich mehr Orgasmen haben als Frauen mit heterosexuellen Kontakten (Englische Quellen: Studie, Artikel der Huffington Post). Wer von weiblicher Lust erzählen möchte, sollte also auch einen Blick abseits heterosexueller Praktiken werfen.

Aber was genau soll eigentlich „weiblich“ bedeuten? Für den Film ist die Sache klar: Die Genitalien sind es, die Menschen zur Frau macht – und ihre Unterdrückung rechtfertigen, wenn beispielsweise Menstruation als unrein abgewertet wird. Nur: Nicht alle Frauen haben eine Vagina, nicht alle Frauen menstruieren. Die Geschlechtszugehörigkeit an Genitalien festzumachen, ist cissexistisch.

Zusätzlich bezeichnet der Film diese speziellen Genitalien in den Untertiteln durchgehen als „Vagina“. Selbst wenn ganz offensichtlich der äußere Teil gemeint ist – Schamlippen, Klitoriseichel, Venushügel. Die Vulva also. Das ist bitter, wenn es um Lust gehen soll. Denn die Vagina, der muskulöse Schlauch im Inneren des Körpers, ermöglicht in erster Linie Penetration und die Geburt von Kindern. Sie dient nicht der Lust. Dafür braucht es die Klitoris, deren Arme die Vagina umschließen und Penetration lustvoll erlebbar machen.

#Female Pleasure zeigt nur die Unterdruckung der Lust – nie aber die Lust selbst

Überhaupt erscheint der Blick auf weibliche Lust im Film reichlich konservativ. Sex scheint nur in heterosexuellen Langzeitbeziehungen möglich zu sein, von Masturbation ist nicht die Rede – und Pornografie wird an verschiedenen Stellen ausschließlich als etwas Schlimmes, Frauenverachtendes besprochen. Und zweifellos richten sich eine Menge Pornos an eine cismännliche Zielgruppe, kümmern sich nicht um „weibliche“ Lust. Das kann einerseits für die Performenden ein Problem sein, andererseits aber auch für die (oft jungen) Menschen, die im echten Leben nachstellen wollen, was sie im Internet gesehen haben.

Doch das ist eben bei Weitem nicht alles, was es über das Thema zu sagen gibt. Es gibt auch Pornos von und für Frauen, es gibt feministische Pornografie. Und Frauen nutzen sie – ob bei der Selbstbefriedigung oder gemeinsam mit Partner*innen. Pornos auf rein „männliche“ Triebbefriedigung zu reduzieren, heißt auch, den Blick vor Spielarten der „weiblichen“ Lust zu verschließen, Ausprägungen dieser „weiblichen“ Lust zu negieren – und sie damit im Endeffekt als unnormal einzuordnen.

Das ist problematisch für einen Film, der die „weibliche Lust“ im Titel feiert. Es ist der größte Kritikpunkt an diesem Film. Lust wird nie direkt gezeigt und stattdessen nur über den extrem eingeschränkten Umweg heterosexuellen Familienglücks angedeutet. Lust wird nie direkt gezeigt. Stattdessen geht es #Female Pleasure darum, wie Religionen der Lust im Weg stehen.

Auch innerhalb der Weltreligionen gibt es feministische Deutungen

Nun kann man sagen: Ist ja legitim, einen Film über das Spannungsfeld von Frauen und Religionen zu machen. Aber selbst, wenn wir uns für einen Moment vorstellen, der Film hieße „Die Unterdrückung der Frau durch die Weltreligionen“, lässt er sich kritisieren.

Denn in einem Film über Weiblichkeit und Religion würde ich mir wünschen, dass auch weibliche/feministische Auslegende zu Wort kommen, die sich gegen patriarchale Textdeutungen wehren, die sich für eine frauenfreundlichere Auslesung der heiligen Schriften engagieren. Denn die gibt es, beispielsweise Asma Lamrabet (hier im Interview mit Deutschlandfunk Kultur). Sie nicht zu zeigen, negiert ihre Arbeit.

Die große öffentliche Zustimmung zu #Female Pleasure zeigt, dass die Dokumentation einen Nerv getroffen hat. Dass sie vielen Menschen wichtig ist. Und die intensiven Porträts der Aktivistinnen sind definitiv sehenswert.

Aber dennoch bleibt der Film extrem konservativ in seiner Perspektive auf weibliche Sexualität. Klar, es wäre viel gewonnen, wenn wir die fiesen religiösen Dogmen hinter uns lassen würden, wenn Menstruation nicht mehr als unrein gälte, Vulven nicht mehr verstümmelt würden, Frauenkörper nicht mehr als so verführerisch-sündig angesehen würden, dass sie an der Gewalt, die ihnen angetan wird, selbst schuld sein sollen. Aber ehrlich gesagt: Wenn uns stattdessen nur Hetero-Blümchensex zwecks Zeugung mit unserem Ehemann offensteht, ist gar nicht so viel gewonnen, wie es auf den ersten Blick scheint.

#Female Pleasure läuft zum Weltfrauentag nicht in deiner Nähe, aber du bist neugierig? Ab dem 11. April ist der Film als Video on Demand verfügbar und ab dem 09. Mai im Handel erhältlich.

Artikelbild: Rokudenashiko in ihrem Vulva-Boot (X-Verleih)

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