„Heraus aus der Finsternis“ – mit Eichhörnchen gegen Jungenbanden

„Heraus aus der Finsternis“ – mit Eichhörnchen gegen Jungenbanden

Werbung: „Heraus aus der Finsternis“ von Christopher Tauber und Annelie Wagner wurde mir freundlicherweise vom Zwerchfell Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Was könnte besser geeignet sein, um in „Heraus aus der Finsternis“ zu schmökern als eine Zugfahrt nach Frankfurt? Nichts, sage ich euch. Die Co-Produktion des Jungen Museum Frankfurt und des Zwerchfell Verlags war eine sehr kurzweilige Reisebegleitung.

Worum geht’s in „Heraus aus der Finsternis“?

Frankfurt, im November 1918. Käthe, Jenny, Franzi und Jossi haben ein Problem: Die ganze Stadt wird von Jungenbanden beherrscht, die den Mädchen das Leben schwer machen. Sie klauen ihnen die Murmeln, vertreiben sie von ihren Treffpunkten („Das ist unser Truppenplatz!“) und dann und wann kommt es zu Prügeleien mit blutigen Schrammen und zerrissener Kleidung.

Damit wollen die vier Mädchen sich nicht abfinden. Während im Hintergrund der Krieg zu Ende geht und Frauen für ihre Rechte in der neuen Republik demonstrieren, entscheiden sich die Freundinnen, etwas zu unternehmen. Sie wollen Frankfurts ersten Verein gegen Gewalt an Mädchen zu gründen. Unter dem Symbol des Eichhörnchens schreiten die vier zur Tat.

Wie liest sich „Heraus aus der Finsternis“?

Empfohlen ist „Heraus aus der Finsternis“ für Kinder ab acht Jahren und entsprechend verläuft die Handlung ohne große Umwege. Die vier Mädchen aus ganz unterschiedlichen Milieus und Vierteln Frankfurts treffen sich, erkennen ein Problem und gehen es an. Dabei werden die Klassenunterschiede nicht weiter thematisiert, der politische Wille vereinigt sie auf der Stelle.

Ganz so sozialromantisch war es bei den erwachsenen Frauen nicht: Bürgerliche Frauen wollten das Zensuswahlrecht, bei dem nur finanziell Gutgestellte wählen dürfen, nur die Sozialistinnen stritten für ein allgemeines Wahlrecht für alle Schichten. Im Comic ist von solchen Widersprüchen nichts zu spüren. Hier kann sich tatsächlich jedes der Mädchen mit seinen Talenten bei der gemeinsamen Mission einbringen und etwas beitragen.

Trotz junger Zielgruppe sind die Probleme der Zeit präsent. Die Mutter der kleinen Jenny sorgt sich um ihren Arbeitsplatz in der Fabrik, wenn die Männer aus dem Krieg heimkehren. Käthe wird von ihrem Vater verprügelt und trägt noch seitenlang die Spuren im Gesicht. Die eine oder andere Figur zeigt sogar Kriegsfolgen mit Augenklappe und amputiertem Bein.

Lokaler Bezug

Dass die Geschichte in Frankfurt spielt, wird schnell deutlich, ist es doch die „Woschtfett-Bande“, die den Mädchen hauptsächlich auf die Nerven geht. Der Dialekt ist aber so sparsam eingesetzt, dass auch Leser*innen außerhalb Frankfurts keine Verständnisprobleme haben sollten.

Wer sich in Frankfurt besser auskennt als ich, mag sogar in den Stadtansichten Vertrautes entdecken – meine Ortskenntnis beschränkt sich auf Wolkenkratzer und die sind natürlich noch nicht zu sehen.

Die Frauenbewegung als Kulisse

Dieses Zeitgeschehen wird immer wieder locker in die Handlung eingeflochten: Über Lebensmittelmarken, Feldpostbriefe, aber auch Zeitungen, Flugblätter und Gespräche zwischen Erwachsenen erreicht es die Mädchen und spornt sie an, auch die eigenen Probleme in die Hand zu nehmen.

Besonders präsent ist die Frauenbewegung. So ist bereits der Titel des Comics ein Teilzitat: „Mädchen und Frauen, heraus aus der Finsternis!“ war eine der Parolen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Und es bleibt nicht bei diesem einen vertrauten Satz: „Jungs sind halt so“, sagt ein Vater an einer Stelle mal abwehrend zur Tochter, ein Spruch, der bis heute viel zu häufig fällt. Dass Geschlechterrollen aber überhaupt nicht unveränderlich sind, zeigen die Frauen in dieser Geschichte: Durch ihre Arbeit in Fabrik und Kiosk, durch ihre Dominanz in der Familie, durch ihre politische Arbeit haben sie sich einen Platz erkämpft, den sie sich nicht mehr streitig machen lassen – als gleichberechtigte Bürgerinnen der neuen Republik.

Wie wichtig feministische Vorbilder sind, zeigt sich an Tony Sender. Die junge SPD-Politikerin und Kämpferin für Frauenrechte ist eine Heldin für Franzi. Ausgerechnet die bewunderte Tony hilft der kleinen Mädchenbande bei der Vervielfältigung ihrer Flugblätter. Meta Quarck-Hammerschlag, die erste Frau im Frankfurter Stadtrat, taugt immerhin als Silbenvorlage für ein Hüpfspiel der Mädchen. Wichtige Figuren der Frauenbewegung kommen so immer wieder im Alltag der Mädchen vor und werden den Leser*innen beiläufig vorgestellt.

Für die historische Einordnung ist gesorgt

Wem die Verweise auf Zeitungsartikel und Flugblätter nicht ausreichen, findet auf der letzten Doppelseite eine kurze historische Einordnung sowie ein Glossar, das die wichtigsten Ereignisse und Personen zusammenfasst. Außerdem werden hier Stücke des Jungen Museum Frankfurt gezeigt, in dem noch bis März 2020 eine thematisch passende Ausstellung zu sehen ist („Dagegen? Dafür! Revolution. Macht. Geschichte.“).

Entzückend finde ich das Suchspiel, das dazu auffordert, noch einmal durch die Comicseiten zu blättern und die Dinge zu suchen, die zum Handlungszeitpunkt noch gar nicht existiert hatten. Das ist auch für erwachsene Leser*innen eine Herausforderung!

Und was bietet „Heraus aus der Finsternis“ dem Auge?

"Heraus aus der Finsternis" Cover
„Heraus aus der Finsternis“: Cover

Die reduzierte Farbwelt mit den gedeckten Rot-, Gelb- und Blautönen schafft klare, mal warme, mal kalte Räume, durch die sich die Hauptfiguren bewegen. Mit wenigen Strichen hat Annelie Wagner ganz unterschiedliche Figuren geschaffen, die alle ihren eigenen Charakter haben: Die kämpferische Käthe mit den Pippi-Langstrumpf-Zöpfen, die schüchterne, blonde Jenny, Franzi mit den erdbeerroten Locken und den frech blitzenden Augen und Jossi mit dem dunklen Bob, der wohl nicht von ungefähr an Rosa Luxemburg erinnert („Mädchen aller Viertel, vereinigt euch!“).

Auch die Zeichnungen historischer Personen wie Tony Sender und Meta Quarck-Hammerschlag sehen ihren eigenen Fotografien sehr ähnlich.

Fazit: Nicht nur für kleine Leser*innen

Leichtfüßiges Empowerment für kleine und große Leser*innen ab 8 Jahren, das ganz nebenher Geschichtswissen vermittelt und historische Akteurinnen vorstellt. Ich find’s super: Das Buch wird mich noch länger als eine Zugfahrt lang beschäftigen!

 

Dieser Beitrag erschien zunächst bei Stitched Teacups. Wenn ihr Lust auf mehr feministische Graphic Novels habt, werdet ihr dort fündig!

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