Meine Fresse! Ich lächle, wenn‘s mir passt

Meine Fresse! Ich lächle, wenn‘s mir passt

Eine Schnute mag ja noch durchgehen. Aber sobald Frauen eine Fresse ziehen, werden sie aufgefordert, die Mundwinkel zu einem Lächeln anzuheben. Ich habe genug von dieser anmaßenden und sexistischen Erziehungsmaßnahme. Ein Plädoyer für den selbstbestimmten Gesichtsausdruck.

„Lächel doch mal“, brüllt der Unbekannte mir von seinem Rad aus zu, als er an mir vorüberrauscht. Ich laufe die Straße entlang und tatsächlich: Ich mache ein grimmiges Gesicht. Ich habe nämlich akute Schmerzen. Ob ich dabei nett aussehe, ist mir herzlich egal.

Diese Situation ist schon ein paar Jahre her. Ich habe sie noch so gut im Gedächtnis, weil es das erste Mal war, dass mir so etwas bewusst passiert ist – allerdings leider nicht das letzte Mal. Immer wieder wurde ich von völlig Unbekannten zum Lächeln aufgefordert. Zuletzt sogar auf einer feministischen Demo. Das wirke doch auf den Fotos besser, wenn ich nicht so böse dreinschaute, meinte eine ältere Mitdemonstrantin. In meinen Händen hielt ich ein Schild, das meinen Zorn über §219a StGB zum Ausdruck brachte. Dieser Paragraph verbietet es Gynäkolog*innen, über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren. Kein besonders witziges Thema, kein Grund zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd.

Wo ist denn das Problem?

Als ich das erste Mal auf diese Weise zum Lächeln aufgefordert wurde, konnte ich gar nicht genau benennen, warum mich das so sehr störte. Der Appell hat mich verunsichert. Ob ich vielleicht wirklich die Schmerzen überspielen und der Welt ein freundliches Gesicht zeigen sollte?

Heute weiß ich: Die Antwort lautet „Nein, verdammt!“

Es ist anmaßend, von Menschen einen bestimmten Gesichts- oder Gefühlsausdruck zu fordern. Und in diesem Fall ist es auch sexistisch. Denn es sind meist Frauen, die zum Lächeln aufgefordert werden. Es reduziert uns auf Objekte, die dekorativ sein und anderen ein gutes Gefühl vermitteln sollen. Einen anderen Zweck verfolgt das nicht. Denn an unseren Kompetenzen ändert sich nichts – egal, was unsere Mundwinkel veranstalten.

Ein hübsches Aussehen scheint in unserer Gesellschaft der Preis dafür zu sein, als Frau in der Öffentlichkeit Raum einnehmen zu dürfen. Wer dagegen verstößt, wird entweder wie ich auf der Straße angemuffelt – oder sogar massenmedial zur Besserung angehalten.

So hat Angela Merkel während ihrer Kanzlerinnenschaft immer wieder Häme eingesteckt, wenn ihre Mundwinkel auf zwanzig nach acht zeigen. 2017 fragte ein Journalist der Welt während der (Tage später gescheiterten) Jamaica-Koalitionsverhandlungen: „Warum lachen Sie nicht mal, Frau Merkel?“ Vage Vermutung meinerseits: Liefen nicht so geil, diese Verhandlungen. Ob Zähneblecken ihrerseits die Große Koalition verhindert hätte, muss Spekulation bleiben.

Entspannung reicht nicht! Hoch mit den Mundwinkeln!

Kristen Stewart hat es, Königin Elizabeth II. hat es – und ich ebenfalls: Das Resting Bitch Face. Definiert nach der englischsprachigen handelt es sich um einen Gesichtsausdruck, der als wütend oder genervt gelesen wird, obwohl unsere Gesichter gerade eigentlich keine besonderen Emotionen ausdrücken sollen. Unsere Entspannung wirkt grantig, unser Nicht-Lächeln scheint Ausdruck tiefliegenden Grolls zu sein.

Eine US-amerikanische Untersuchung zeigte 2016: Unsere Gesichter zeigen mehr Spuren von Emotionen als entspannte Gesichter normalerweise beinhalten – ganze 5,76 Prozent. Männer und Frauen weisen diese Eigenschaft gleich häufig auf (der Bericht der Huffington Post (englisch) nennt keine weiteren Geschlechtsidentitäten). Aber die Verwendung der „Bitch“, der Zicke, macht erneut deutlich: Die latente Negativität des Resting Bitch Face ist nur dann ein Problem, wenn weiblich gelesene Menschen sie zeigen. Na, dankeschön.

Aber Lächeln tut doch gut!

Zugegeben: Es gibt tatsächlich Argumente für‘s Lächeln. Es schüttet Glückshormone aus, reduziert Stress und kann sogar das Immunsystem stärken. Feine Sache, das.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn zusätzlich haben Forscher*innen auch bestätigt, dass ein erzwungenes Lächeln die schlechte Laune noch verschlimmert. Für andere zu lächeln, wenn uns gar nicht danach ist, tut uns nicht gut.

„Ich fände es viel förderlicher und angenehmer, wenn dieser Zwang, immer gut drauf sein zu müssen oder zumindest so zu tun als ob, endlich den Weg des Dodos ginge“, hat mir kürzlich eine Freundin geschrieben. Und sie hat so recht.

Ehrliche Anteilnahme statt Lächelzwang

Es ist eben nicht immer mit einem Lächeln getan. Die Mundwinkel zu heben schubst nicht magisch alle schlechten Gedanken, Probleme und Widrigkeiten aus unseren Köpfen. Wer ernsthaft um unseren Zustand besorgt ist, sollte uns nicht auffordern, Zähne zu zeigen. Sondern stattdessen einfach mal nachfragen, ob uns etwas bedrückt und ob wir etwas brauchen. Eine Umarmung, ein Kätzchen-Video oder heiße Schokolade verbessern zumindest meine Stimmung weitaus zuverlässiger als gebrüllte Aufforderungen, die Mundwinkel hochzuziehen.

Und wem es einfach nur darum geht, dass ihr*ihm mein Gesichtsausdruck nicht passt und si*er lieber etwas anderes sehen möchte: Einfach weggucken. Und sich am besten auch gleich verziehen. Dann habe ich wenigstens einen Grund weniger, ärgerlich zu schauen, herzlichen Dank.

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