Zurück auf Los: Wieso heißt es Feminismus?

Zurück auf Los: Wieso heißt es Feminismus?

„Ich verstehe deine Positionen und finde sie gut“, beginnt ein Freund zögerlich beim gemeinsamen Frühstück, „aber als Feministen würde ich mich nicht bezeichnen.“

Auf meine Nachfrage hin äußert er Bedenken, die ich nachvollziehen kann: Für ihn klinge der Begriff nach einer Bewegung für Frauen, nicht für Männer und nach einem Kampf zwischen den Geschlechtern. Immer wieder wird mir die Frage gestellt: „Wieso heißt es Feminismus?“ Eine Antwort.

„Feminismus“ – ein umstrittener Begriff

Es gibt viele Debatten und Positionen rund um dieses lange Wort. „Feministin sagt man nicht“, heißt das 2018 erschienene Buch von Hanna Herbst, der ehemaligen Chefredakteurin des Vice-Magazins Österreich. Ein Titel, der bereits darauf verweist, wie schwierig es für manche Menschen ist, sich selbst als Feminist*in zu bezeichnen. Im Vorwort beschreibt Herbst, wie „Forderungen, sobald sie als feministische Forderungen bezeichnet werden, diskreditiert werden“.

Wieso aber stößt der Begriff auf so viel Widerstand? Liegt darin die Angst derer, deren Privilegien in der Kritik stehen? Oder steckt mehr dahinter? Im Folgenden werden wichtige Probleme mit dem Begriff Feminismus, aber auch Argumentationen, die ihn stützen, erläutert.

Kritikpunkt 1: Der Begriff „Feminismus“ als Ausgrenzung von Männern

„Frauenbewegung“ nennt Google als Synonym für den Begriff. Ein Name, der impliziert, dass es sich um eine Bewegung handele, die ausschließlich von Frauen ausgeht. Richtet sich ein solcher Aktivismus dann auch noch gegen ein System, das stereotype Männlichkeit bevorzugt, gegen das Patriarchat, entsteht schnell der Eindruck, dass es sich um einen Kampf von Frauen gegen Männer handelt. Kritiker*innen des Begriffs argumentieren, dass sich so potenzielle Unterstützer*innen der Bewegung nicht anschließen, obwohl sie ihre Ziele teilen – so wie mein Gesprächspartner am Küchentisch.

Kritikpunkt 2: Der Begriff „Feminismus“ als Ausdruck einer binären Sichtweise

Zunächst: Im Feminismus geht es um die Gleichberechtigung unabhängig vom Geschlecht – das meint also nicht nur Mann und Frau, auch wenn sich manche Initiativen darauf fokussieren. Genau hier setzen einige Kritiker*innen an: Sie stören sich an der Weiblichkeit im Titel, denn auch andere Geschlechter und Geschlechtsidentitäten sind von Diskriminierung und sozialer Benachteiligung betroffen, tauchen aber nicht im Begriff auf. Natürlich positionieren sich viele Feminist*innen inklusiv, antirassistisch und queer, in ihrer Selbstbezeichnung wird dies jedoch nicht unmittelbar deutlich.

Kritikpunkt 3: Der Begriff „Feminismus“ als Bewegung der weißen*, bürgerlichen Frau

Chimamanda Ngozi Adichie beschreibt in ihrem Essay „We should all be feminists“ eine Interaktion mit einer nigerianischen Akademikerin, die den Begriff Feministin ablehnt – denn dieser stamme aus westlichen, eurozentrischen Kulturen und beschreibe eine Form von Aktivismus, die schwarze Frauen und ihre spezifischen Themen nicht berücksichtige.

Manche Kritiker*innen, die diese Position teilen, schlagen den Begriff „Womanism“ vor, der besonders von People of Colour auch verwendet wird (die ersten beiden Kritikpunkte umgeht jedoch auch dieser Begriff nicht). Tatsächlich lassen sich bestimmte feministische Strömungen (sowie die meisten europäischen Frauenbewegungen aus dem 20. Jahrhundert) dafür kritisieren, dass sie sich nicht für intersektionale Perspektiven einsetz(t)en. Themen wie Rassismus und Inklusion wurden und werden zu wenig in den Blick genommen. Darüber, ob deshalb ein neuer Begriff oder lediglich seine Ausweitung auf andere Themenbereiche notwendig ist, lässt sich streiten.

Verteidigung 1: Der Begriff „Feminismus“ als Ursprungsverweis

Der Name Feminismus stammt aus einer Zeit, in der der Feminismus ein Kampf der Frauen war – darum, gehört, gesehen, akzeptiert und respektiert zu werden. Französische Aktivistinnen verwendeten ihn zum ersten Mal großflächig im späten 19. Jahrhundert. Auch heute noch sind Feminist*innen mehrheitlich weiblich. Das ist ein Resultat immer noch vorliegender Machtungleichheiten in der Gesellschaft, die zugunsten von Männern ausfallen. Klar ist: Bei gleichbleibenden Ressourcen (darunter fallen Kapital, Anzahl und Art der Arbeitsplätze, etc.) mussten und müssen für eine gerechtere Verteilung Männer auf gewisse Privilegien verzichten und Frauen, sowie nicht-binäre Menschen unterstützt werden. Klar ist auch: Erste Vorstöße in Richtung Geschlechtergerechtigkeit und eine gemeinschaftlicher Aktivismus gingen von Frauen aus. Der Begriff „Feminismus“ trägt diesem Engagement Rechnung.

Verteidigung 2: Der Begriff „Feminismus“ als Sichtbarmachung

Oft wird die Frage „Wieso heißt es Feminismus…“ um den Zusatz „…und nicht Egalitarismus?“ erweitert.

Diese Debatte verläuft analog zum generischen Maskulinum – in einer Welt, die gerecht und gleichberechtigt wäre, würde es möglicherweise ausreichen, Menschen in einer Form anzusprechen, die alle Geschlechter meint (das könnte auch das generische Femininum sein!). In unserer Welt bestehen aber soziale Realitäten, die vom Geschlecht durchzogen sind – sie aus der Sprache zu entfernen, macht diese weniger beschreib- und sichtbar, aber nicht weniger existent. Vielmehr besteht die Gefahr, dass weibliche Bedürfnisse und Anliegen noch weniger einbezogen werden.

Natürlich ist das Ziel der Gleichberechtigung mit „Egalitarismus“ zusammenzufassen, allerdings bleibt der Feminismus, bis gleiche Bedingungen für die Geschlechter herrschen, eine Bewegung für eine Verschiebung des Machtungleichgewichts, die zugunsten von Frauen und Menschen außerhalb der Binarität ausfallen muss.

Feminismus ist eine Bewegung, die nicht nur nicht für jede*n im gleichen Maße einsteht, sie ist auch für manche Menschen schwerer auszuüben. Männern begegnet nicht der gleiche Widerstand beim Kampf für Gleichberechtigung.  Sie werden ernst genommen. Für die gleiche Botschaft müssen Männer nicht so viel Kritik und Abwertung ertragen und werden leichter gehört. Es ist keine Bewegung, in der die Geschlechter als Gleiches nebeneinanderstehen. Der Name trägt also nicht nur seinem historischen Ursprung Rechnung, sondern auch den gesellschaftlichen Realitäten seiner Fürsprecher*innen.

Verteidigung 3: Der Begriff „Feminismus“ als Machtkritik

Macht und die Eigenschaften und Personen, die wir mit ihr verbinden, werden oft männlich* beschrieben. Als koordinierend, überlegen, dominant und einflussreich. Das sind Eigenschaften, die ihren Träger*innen Vorteile verschaffen und sich nur in Abgrenzung zu Anderen verstehen lassen. Überlegen kann eine Person nur sein, wenn eine andere unterlegen ist. Nun lässt sich Feminismus als Bewegung verstehen, die weiblich gelesenen Menschen diese Eigenschaften und Positionen zugänglich machen will, die also erreichen möchte, dass ihnen diese Attribute genauso zugeschrieben und anerkannt werden.

Es gibt allerdings auch Ansätze, die das Bestehen jeglicher Machtstrukturen ablehnen – also nicht Frauen und Femmes in die Lage versetzen wollen, Macht über Andere auszuüben, sondern Menschen jeglichen Geschlechts, Orientierung, sozialen Schicht, etc. gleichstellen wollen. Durch weiblich gelesene Eigenschaften wie Zärtlichkeit, Mitgefühl und Fürsorge, die ohne ein schwächeres Gegenüber bestehen können, soll eine Gesellschaft entstehen, die frei von Machtstrukturen ist. Feminismus kann also auch bedeuten, dass er eine femininere Gesellschaft im Sinne einer gerechteren Gesellschaft anstrebt.

Verteidigung 4: Der Begriff „Feminismus“ als Arbeitsbegriff

Einige feministische Positionen erkennen die Probleme des Begriffs an, erachten sie aber für nachgeordnet. Sie sind der Ansicht, dass nicht ihre Bezeichnung eine Bewegung ausmacht, sondern ihre Mitglieder und Themen. Sie sehen das Wort „Feminismus“ als Arbeitsbegriff, als eine Vernetzungsmöglichkeit, um Personen mit ähnlichen Vorstellungen und Haltungen zu finden. Denn obwohl kritische Haltungen ihm gegenüber bestehen, so ist seine Bedeutung doch den meisten Menschen geläufig – im Gegensatz zu einem neu eingeführten Begriff.

Damit nicht genug!

Die Debatte um den Begriff „Feminismus“ und all seine Chancen und Problematiken ist nicht abgeschlossen – und wird es wohl auch in Zukunft nicht sein. Feminist*innen und solche, die sich als Womanist*innen oder ganz anders bezeichnen, setzen sich immer noch mit ihr auseinander. Sie sind einander verbunden durch geteilte Vorstellungen, Haltungen und Ideale, oder zumindest den Wunsch, über diese zu diskutieren.

Wichtig ist: Unabhängig davon, wie treffend der Name der Bewegung ist – ihr Ziel ist stets die Bekämpfung von strukturellen Machtungleichgewichten. Wer sich gegen Faschismus, Rassismus und Ungerechtigkeit positioniert, nimmt eine machtkritische Haltung ein. Er*sie  steht damit auf der Seite der meisten Feminist*innen.

Auf die Frage: „Wieso heißt es Feminismus?“ lässt sich also selbstbewusst antworten: Aus vielen verschiedenen Gründen, die ich dir gerne nennen kann. Aber lass uns währenddessen gemeinsam das Patriarchat zerstören.

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