Zurück auf Los: Wozu brauchen wir den Feminismus?

Zurück auf Los: Wozu brauchen wir den Feminismus?

Zu Beginn meines ersten Unisemesters blätterte ich durch das Vorlesungsverzeichnis und stieß auf ein Seminar, das den Titel „Feminismus“ trug. Damals kam mir das Thema verstaubt und überholt vor – ich wuchs mit einer weiblichen Bundeskanzlerin, einer berufstätigen Mutter und abenteuerlichen Berufswünschen auf. „Wozu denn noch?“, dachte ich und wählte einen anderen Kurs. Heute, drei Jahre später, bezeichne ich mich selbst als Feministin und bin außerhalb meiner Blase immer wieder mit denselben Fragen konfrontiert. „Wozu brauchen wir den Feminismus denn heute noch?“ ist eine von ihnen. Eine Antwort.

Inhaltswarnung: Suizid

Zuerst: Ja, wir haben viel erreicht!

Eine gängige Definition lautet: „Feminism is the belief in the social, political and economic equality of the sexes.“ – Feminismus ist der Glaube an die soziale, politische und ökonomische Gleichheit der Geschlechter. Laut dem Grundgesetz sind die Geschlechter gleichberechtigt (Artikel 3, Absatz 2). Frauen wählen, arbeiten, haben Zugang zu Bildung. Dass es diese Rechte gibt, muss selbstverständlich sein. Sie erkämpft zu haben, darf stolz machen. Dennoch gibt es viele Bereiche, in denen Gleichheit und Gleichberechtigung noch unverwirklicht sind.

Von der Wiege…: Weiblichkeit in der Erziehung

Schon drei Monate alten Babys werden von Erwachsenen bevorzugt geschlechtsstereotype Spielzeuge in die Hand gegeben. Väter singen für ihre weiblichen Kinder mehr, mit den männlichen wird mehr gekabbelt. Chimamanda Ngozi Adichie schildert in ihrem Buch „Dear Ijeawele“, wie Mädchen im Kindergarten dazu aufgefordert werden, brav und ordentlich zu sein, während Jungs dazu angehalten werden, zu toben. Früh wird Mädchen beigebracht, auf der Straße vorsichtig zu sein und Angst vor fremden Männern zu haben. Viel seltener wird mit Jungs darüber gesprochen, was es heißt, Frauen und ihre Grenzen zu respektieren.

Körperwissen, Menstruation, Verhütung

Dass die Klitoris sich bis zu acht Zentimeter lang in die Vagina erstreckt, wissen selbst die meisten ihrer Träger*innen nicht – dabei ist ein solches Wissen wichtig für eine erfüllte Sexualität. Selbst bei starken Schmerzen erwähnen Menstruierende ihre Periode häufig nicht, auf dem Weg zur Toilette wird der Tampon diskret in der Hosentasche versteckt. Menstruation ist nicht nur wenig sichtbar, sondern auch teuer: die Mehrwertsteuer für Menstruationsprodukte wie Binden beträgt 19 Prozent (das ist die Mehrwertsteuer für Luxusprodukte), obwohl es sich um Produkte handelt, die wir jeden Monat benötigen. Die Pille und andere hormonelle Verhütungsmittel stellen starke Eingriffe in die Funktionsweise des Körpers dar und erzeugen verschiedenste Nebenwirkungen. Die meisten Nutzer*innen sind nicht genug über ihre Wirkweise aufgeklärt.

Bodyshaming und Schönheitsideale

Der weiblich gelesene Körper unterliegt der ständigen Bewertung durch Außenstehende. Damit nicht genug: wie das Urteil ausfällt, hat Auswirkungen darauf, wie andere Personen unsere Gesundheit, Stärke, Intelligenz und Bildung einschätzen. Den Körper als etwas zu betrachten, das optisch optimiert werden kann bedeutet auch, eine ganze Palette von Produkten teuer verkaufen zu können.

Stereotype und Alltagssexismus

„Ich habe mehr männliche als weibliche Freunde“, habe ich früher stolz erzählt. Kein „typisches Mädchen“ zu sein, war ein Coolness-Faktor, „wie ein Mädchen“ zu werfen oder zu weinen eine fiese Beleidigung. Es gibt eine ganze Reihe solcher Vorurteile – Frauen seien weniger lustig, weniger stark, weniger politisch. Sie erzeugen eine doppelte Wirkrichtung: Sie führen dazu, dass Frauen weniger ernst genommen werden und sich selbst seltener zutrauen, genau diese Eigenschaften auszufüllen.

Intersektionale Perspektiven

Ja, der Feminismus hat viel erreicht – aber nicht für alle Frauen in gleichem Maße. Women of Colour, Frauen mit Kopftuch, dicke Frauen, Frauen aus Arbeiterfamilien, (…) befinden sich überdurchschnittlich häufig in prekären Lebenssituationen. Manche von ihnen sind keine Frauen, sondern Menschen, die sich außerhalb des binären Systems einordnen, aber gemeinsame Erfahrungen machen. Viele Debatten werden über ihre Köpfe hinweg geführt, obwohl es viele großartige Feminist*innen und ganz allgemein Aktivist*innen gibt, die sich für ihre Haltungen stark machen.

Sprache und Sichtbarkeit

Das generische Maskulinum (die männliche Form) wird häufig auch für Frauen verwendet – es wird von Köchen, Mitarbeitern und Chefs gesprochen. Das führt nicht nur dazu, dass Frauen sich weniger wahrscheinlich angesprochen fühlen, sondern auch, dass sie weniger mitgedacht werden. Hinzu kommt, dass wie selbstverständlich die weibliche Form verwendet wird, wenn es um Erzieherinnen, Reinigungskräfte oder Krankenschwestern geht – also um Berufe, die weniger gut bezahlt und gesellschaftlich geschätzt sind. Schließlich gibt es nicht-binäre Personen, die sich in keiner der beiden Formen angesprochen fühlen und somit sprachlich noch schwerer sichtbar sind.

Männliche Zeit ist Geld – Gender Pay Gap und Ehegattensplitting

Frauen verdienen für die gleiche Arbeit im sieben Prozent weniger. Da sie sich darüber hinaus häufig in weniger gut bezahlten Berufen und Positionen befinden, verdienen sie im Gesamtdurchschnitt sogar 21 Prozent weniger. Das sogenannte Ehegattensplitting bringt junge, heterosexuelle Familien dazu, klassische Rollenverteilungen anzunehmen, auch wenn sie dies nicht wünschen. Die Einkommen der Lebenspartner*innen werden summiert und dann wieder halbiert – der gebildete Durchschnitt bestimmt den Steuersatz, der auf beide Einkommen zu zahlen ist. Das bedeutet konkret: Verdienen beide gleich viel, gibt es keinen steuerlichen Vorteil. Je größer aber der Unterschied zwischen den beiden Einkommen, desto geringer der Steuersatz, der auf das höhere Einkommen erhoben wird. Bis zu 15.000 Euro lassen sich dadurch im Jahr sparen. Das hat zur Folge, dass es sich für manche Paare finanziell lohnt, wenn die weniger verdienende Person (statistisch gesehen die Frau) ihre Berufstätigkeit aufgibt und zum Beispiel Haushaltstätigkeiten übernimmt.

Gesundheit und Krankheit

Frauen werden häufiger mit psychischen Krankheiten diagnostiziert. Die Ursachen dafür sind vielseitig: Sie leben häufiger in prekären Verhältnissen, im Positiven sind sie allerdings auch weniger stigmatisiert, wenn sie „Schwäche“ zugeben.

Sie unternehmen weitaus öfter Selbstmordversuche, als Männer, gleichzeitig ist die Anzahl der tatsächlich erfolgreichen Suizidversuche niedriger. Unterschiede in der gewählten Methode sind durch Geschlechtsstereotype bedingt. Männer greifen häufiger zu „harten“ Methoden (wie die Selbsttötung mit einer Schusswaffe), die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zum Tod führen.

Medikamente werden zumeist an Männern (die darüber hinaus noch enge Körpernormen erfüllen) getestet, sodass die Dosierungen kaum an andere Personen angepasst sind, sowie die Nebenwirkungen wenig erforscht. Körper, die von der durchschnittlich-männlichen Verteilung von Muskel- beziehungsweise Fettgewebe und Hormonen (zum Beispiel durch das zusätzliche Hormon Progesteron oder Zyklusschwankungen) abweichen, reagieren jedoch auch anders auf eingenommene Wirkstoffe.

Mein Körper, meine Rechte!

Abtreibung steht in Deutschland im Strafgesetzbuch zwischen Artikeln zu Gefährdung des Lebens Anderer – wie Totschlag und fahrlässiger Tötung. Sie bleibt unter bestimmten Umständen straffrei, ist aber dennoch verboten. Jede schwangere Person, die einen Abbruch vornehmen möchte, muss sich beraten lassen – auch, wenn sie sich ihrer Sache sicher ist. Diese Zwangsberatung ist, auch wenn sie ergebnisoffen stattfinden muss, eine Bevormundung der Schwangeren. Sichtbar wird dies zum Beispiel darin, dass jene, die sich entscheiden, ihre Schwangerschaft fortzusetzen, keine Beratung in Anspruch nehmen müssen.
Erst seit 2016 heißt ein „Nein“ zu sexuellen Handlungen auch nach dem Strafgesetzbuch „Nein“. Bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe nicht nach dem Strafgesetzbuch strafbar.

…bis zur Bahre: Weiblichkeit im Alter

Frauen sind nicht nur häufiger von Altersarmut betroffen als Männer, sie leben auch länger – und damit länger in prekären Verhältnissen, denn eine Witwenrente erhalten sie nur dann, wenn ihre Einkünfte 742 Euro im Monat nicht übersteigen.

Damit nicht genug!

Diese Aufzählung ist nicht vollständig und erhebt keinen Anspruch, es zu sein. Der Feminismus bietet für diese und viele weitere Themen eine Diskussions- und Vernetzungsmöglichkeit. Er sieht in den einzelnen Problematiken eine gemeinsame Struktur, die es zu ändern gilt. Nicht alle Feminist*innen sind sich in all diesen Debatten einig, nicht einmal über den Begriff „Feminismus“. Auf die Frage „Wozu brauchen wir den Feminismus noch?“ lässt sich aber selbstbewusst antworten: für soziale, politische, ökonomische Gerechtigkeit – von der Wiege bis zur Bahre.

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