Barrierefreiheit in Clubs: Lasst uns zusammen feiern!

Barrierefreiheit in Clubs: Lasst uns zusammen feiern!

Clubs wurden zur Zeit der Entstehung der elektronischen Tanzmusik als Raum für alle Menschen aus allen Szenen gedacht. Verschiedenste Menschen kamen nachts auf den Tanzflächen zusammen, um zu feiern. Nicht zuletzt war und ist die Szene so inklusiv und divers, weil Disco und House in afroamerikanischen und homosexuellen Szenen entstanden sind – auch als politischer Schutz- und Entfaltungsraum.

Ein bedeutender Wermutstropfen der heutigen Clublandschaft: Barrierefreiheit gibt es in Clubs oftmals nicht. Denn wie weit Inklusion reichen soll, wird oft von einer Mehrheit definiert, die ein Leben mit Behinderung nicht aus eigener Erfahrung kennt.

Warum ist Barrierefreiheit so wichtig – auch in Clubs?

Was ist eigentlich Barrierefreiheit und warum brauchen wir sie? Auf der Website des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen heißt es: „Barrierefreiheit bedeutet einen umfassenden Zugang und uneingeschränkte Nutzungschancen aller gestalteten Lebensbereiche. Barrierefreiheit ist keine Speziallösung für Menschen mit Behinderungen, aber für gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unverzichtbar.“

Ich spreche über die Notwendigkeit von Barrierefreiheit in Clubs auch mit Susann Schreiber. Sie ist Inklusionsbeauftragte des Werk 2 e. V. in Leipzig. „Man sollte einfach versuchen, niemanden auszuschließen. Das betrifft nicht nur räumliche Gegebenheiten, auch Bereiche wie Programmpunkte oder Eintrittspreise, kostenlose Projekte – dass nicht an solchen Stellen schon eine Zugangshürde entsteht.“

Ein weites Feld tut sich dadurch auf. Zu Beginn meiner Recherche denke ich noch an Rampen für Rollstuhlfahrer*innen. Inklusion geht aber viel weiter.

„Es ist eigentlich ziemlich komplex“, erklärt mir Susann. „Alles erreichbar zu machen ist das Eine. Das ist aber nicht nur relevant für Rollstuhlfahrer*innen, sondern beispielsweise auch für Menschen, die mit Rollator oder Gehhilfe unterwegs sind. Außerdem gibt es noch weitere körperliche Beeinträchtigungen wie beispielsweise Sehbehinderungen. Da braucht es Leitsysteme in öffentlichen Einrichtungen – Tastsysteme, bestimmte Fußbodenbeschaffenheit, große oder beleuchtete Schrift. In manche Veranstaltungen sollten auch Menschen mit Begleithunden kommen können – beispielsweise auch Hunde für Diabetiker*innen. Und es gibt noch einen weiteren Aspekt: Alles in einfacher Sprache und einfachen Grafiken darzustellen, auf der Homepage oder auf Flyern, so dass Ansprache auch im Hinblick auf Bildung niedrigschwellig ist.“

Sprich: Egal, welche Beeinträchtigungen Menschen mitbringen, sie sollten am täglichen (und nächtlichen) Leben teilhaben können wie jede*r andere auch.

Ich spreche mit Selina. Sie ist FSJlerin in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und findet es unverständlich, wie wenig barrierefrei viele Locations sind. „Ich kriege immer wieder mit, wie meine Betreuten unfassbar glücklich sind, wenn es endlich eine Veranstaltung gibt, wo auch sie hingehen können. Spontanität gibt es nicht. Ich finde es ziemlich traurig, dass viele Menschen mit Behinderung sich daran gewöhnt haben – normal sollte es nicht sein. Wir leben im 21. Jahrhundert und die meisten haben noch nicht einmal von dem Begriff Inklusion gehört. Wieso muss es extra Veranstaltungen für beispielsweise Rollstuhlfahrer*innen geben? Wieso kann das nicht eine Norm sein, dass alle zusammen feiern und Spaß haben können? Wir sind alle Menschen – eine Behinderung macht einen nicht zu etwas anderem. Ich fände es gut, wenn eine durchgängige Barrierefreiheit in Clubs existieren würde und wenn man sich vorab auch besser auf den Internetseiten informieren könnte.“

[Anm. d. Red.: auf wheelmap.org kann man in der jeweiligen Stadt nach Locations schauen, die für Rollstuhlfahrer*innen barrierefrei in unterschiedlichen Abstufungen sind.]

Was bedeutet es, als behinderter Mensch in einen Club zu gehen?

Um aufzuzeigen, welche Hürden gemeistert werden müssen, wenn eine beeinträchtigte Person einen Club (oder auch nur eine Bar) besuchen will, bemühe ich wieder das Beispiel einer*s Rollstuhlfahrer*in.

Es beginnt damit, dass abgeklärt werden muss, ob man überhaupt in die Location reinkommt. Gibt es Stufen? Kommt man ohne Weiteres auf die Toilette? Ist man das erste Mal vor Ort, kann die Orientierung sehr schwierig sein. Hier können Leitsysteme hilfreich sein, auch für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. Als Rollstuhlfahrer*in sitzt man außerdem auf Hüfthöhe stehender Menschen. Man sieht wenig, fährt anderen über die Füße, wird angerempelt, bekommt Bier übergekippt (und zwar nicht einfach vorne aufs Shirt, sondern eben überall hin). Die Theken sind oft sehr hoch, so dass das Thekenpersonal eine*n leicht übersieht. Offiziell gelten Einrichtungen übrigens nur als barrierefrei, wenn Rollstuhlfahrer*innen nicht auf Hilfe anderer angewiesen sind. Von echter Barrierefreiheit sind die meisten Clubs noch meilenweit entfernt.

Zu all diesen technischen Details kommt noch die Frage dazu: Wie fühlt man sich eigentlich dabei?

Vladimir ist 33 Jahre alt und leidet an Muskeldystrophie, weshalb er seit seinem elften Lebensjahr im elektrischen Rollstuhl sitzt. Gemeinsam mit den anderen Menschen seiner Wohngruppe geht er gelegentlich gern feiern.
„Man macht sich die ganze Zeit Gedanken, was alles wieder schief gehen könnte. Einmal wollten wir recht spontan in einen Club, aber dort musste man Treppen hoch. Das war schade und hat mich in dem Moment sehr geärgert! Seitdem schaue ich, bevor ich weggehe, ob das Ganze auch wirklich barrierefrei ist. Dass Clubbesitzer*innen so häufig nicht daran denken, dass auch Menschen im Rollstuhl gerne feiern gehen, ist schade. Das macht mich traurig und irgendwie sauer.“

Positive Diskriminierung und blinder Aktivismus

Neben all den Hürden, die Menschen mit Behinderung zu überwinden haben, kommen die Blicke hinzu, die Reaktionen. Sprüche wie „Wow, wie cool, dass du hier bist und dich das traust“ mögen vielleicht nett gemeint sein. Aber es ist positive Diskriminierung, welche den Personen immer wieder das Gefühl gibt: Es ist nicht normal, dass du hier bist. Menschen werden so immer wieder mit ihrer vermeintlichen und tatsächlichen Andersartigkeit konfrontiert, wenn sie im Club wie jede*r andere einfach dem Alltag entfliehen wollen. Auch meinen manche Menschen, es sei nett oder hilfreich, Rollstuhlfahrer*innen einfach zu schieben: an die Bar, in die Mitte der Tanzfläche, irgendwohin. Dafür gibt es einen Begriff: Blinder Aktivismus. Oder auch: Übergriffigkeit.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Eine blinde Frau mit Augenfehlstellung kommt in den Club und trifft dort auf alle möglichen Hürden: Schon an der Tür wird sie vielleicht abgewiesen, weil das Türpersonal davon ausgeht, dass sie diverse Substanzen konsumiert haben könnte. Auf der Tanzfläche wird sie für völlig raus und drauf gehalten, sie verliert ihre Begleitung im Gedränge noch schneller, als es ohnehin schon oft passiert. Sie kann an der Bar die Karte nicht lesen und wenn sie noch nie in diesem Club war, findet sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Toilette nicht.

Wie bei allen anderen Arten der Diskriminierung ist es sehr wichtig, dass das komplette Personal – Barpersonal, Mitarbeiter*innen, Security – geschult und sensibilisiert wird. Und dass Menschen mit Beeinträchtigung genauso wie andere die Chance bekommen, einen Abend lang den Alltag zu vergessen – zumindest ein bisschen.

Da ich selbst aber als nicht Betroffene nicht einmal annähernd verstehen kann, welche Barrieren sich im technischen und emotionalen Sinne auftun, wenn ein Mensch mit Behinderung einen Club besuchen möchte, habe ich mit Sebi gesprochen, die im Rollstuhl sitzt und etwa alle zwei Wochen in Clubs geht. Dieses Interview wird im zweiten Teil der Reihe zu lesen sein.

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