Themenreihe „Alternative“ Beziehungsmodelle – Teil 6: Madlen, Karolin und Therese

Themenreihe „Alternative“ Beziehungsmodelle – Teil 6: Madlen, Karolin und Therese

 

Für unsere Themenreihe über alternative Beziehungsmodelle habe ich ganz verschiedenen Menschen in ganz verschiedenen Konstellationen Fragen zu ihren Erfahrungen in Beziehungsmodellen gestellt.  Das hier soll ein Versuch sein, verschiedene Stimmen und Perspektiven zu zeigen. Kleine Geschichten von Menschen, die erzählen, wie die Liebe für sie funktioniert. In diesem Teil erzählen Madlen[1], Karolin[1] und Therese[1].

„Dass du mit anderen Männern geschlafen hast, war die Hölle für mich.“

Madlen[1] hatte schon im Teenager-Alter Freund*innen, die in offenen Beziehungen lebten, dachte aber nie wirklich darüber nach, ob das etwas für sie sein könnte. Mit 18 kam sie mit einem Mann zusammen, der Monogamie für Blödsinn hielt und ihr erklärte, sie könne Sex haben mit wem sie wolle, es störe ihn nicht. Sie habe sich im Grunde dagegen gewehrt und sei den Schritt in die, wie sie dachte, offene Beziehung erst nach zwei Jahren, im letzten Jahr der Beziehung, gegangen. Erhofft hat sie sich nicht viel, außer, wie sie ironisch sagt, „vermutlich Bestätigung für mein unterentwickeltes Selbstwertgefühl – wenn ich viele Männer aufreißen kann, muss ich ja toll sein, oder?“

Dafür habe sie befürchtet, dass eine*r der beiden jemanden anders kennen lernt und sich verliebt, außerdem habe sie große Angst vor Eifersucht gehabt. Am Ende hätten sich ihre Befürchtungen bewahrheitet.

„Tatsächlich ist mir im Rahmen dieser ganzen Sache aufgegangen, dass ich Sex und Liebe nicht trennen kann. Ich war also mit ganzem Herzen bei den One-Night-Stands dabei und entsprechend schlecht ging es mir hinterher. Außerdem hatte ich geglaubt, mit Pascal[1]off entspannt über die Erfahrungen reden zu können, allerdings reagierte er total ablehnend und nicht selten gab es kurz darauf Zoff, wobei er aber nie das Kind beim Namen nannte, sondern immer Nebenkriegsschauplätze eröffnete (sowas wie „Wie kannst du dein Spielzeug mit meinem Dienstwagen nach Hause fahren?!“).

Obwohl Pascal mir lange versichert hat, dass das kein Problem für ihn wäre und auch immer vorgab, sich selbst auch außerhalb unserer Beziehung Sexpartner*innen suchen zu wollen, hat er das letztlich nie getan. Nach unserer Trennung kam dann der Hammer: „Dass du mit anderen Männern geschlafen hast, war die Hölle für mich. Ich hab dir das doch nur angeboten, damit du später nicht das Gefühl hast, irgendwas verpasst zu haben.“

Auch die Reaktionen aus ihrem Umfeld seien unschön gewesen, ihre Mutter habe gemeint, Madlen würde sich „prostituieren“. Trotzdem hat sie aus ihrer Erfahrung etwas mitgenommen:

„Aus meinem letzten One-Night-Stand kurz vor der Trennung ist eine feste Sache geworden, ich lebe jetzt also seit beinahe sieben Jahren in einer monogamen Beziehung, ganz klassisch, verheiratet, zwei Kinder.“

 

„Liebe ist ja nichts, dass kleiner wird, wenn man jemanden anderen auch liebt.“

Karolin[1] kommt aus einem kleinen, konservativen Dorf und kannte schlichtweg nichts anderes neben der klassischen „Mutter-Vater-Kind“-Familie. Allerdings hatte sie in früheren, monogamen Beziehungen immer Schwierigkeiten. Sie flirtete gern und hatte Interesse an anderen, war jedoch nie untreu, da ihr Ehrlichkeit zu wichtig war und die Beziehung ihrer Eltern zerbrach, weil ihr Vater jahrelang fremdging. Als sie ihren Partner kennenlernte und der den Wunsch nach einer offenen Beziehung äußerte, stimmte sie sofort zu. Mittlerweile sind die beiden sieben Jahre zusammen.

„Erhofft habe ich mir ein Gefühl der Freiheit für mich und meinen Partner. Natürlich die Freiheit, mit anderen Menschen Sex zu haben, vor allem aber ein ’nicht-eingeschränkt-Sein‘ im Kopf.“

Eine Befürchtung von ihr war, ihr Partner könnte ein Mädchen* kennenlernen, das er besser fände als sie.

„Am Anfang war es teilweise schwerer, mit der Eifersucht umzugehen und auch im letzten Jahr hatten wir ein wenig zu kämpfen. Aber wenn Probleme entstehen, müssen wir gewisse Dinge überdenken, die Regeln, wenn nötig, neu ausloten – auf jeden Fall aber immer miteinander sprechen.“

Die Regeln, die die beiden ausgemacht haben, haben sich im Laufe der Zeit verändert.

„Am Anfang habe ich darauf bestanden, dass immer alles ganz ehrlich erzählt werden muss. Also nicht alles ins kleinste Detail, was die Sexualpraktiken angeht oder so, aber konkret mit wem. Das wollte ich unbedingt, weil ich niemals so angelogen werden wollte wie meine Mutter. Ich wollte nicht die ahnungslose Frau sein, die zu Hause sitzt, während ihr Mann Gottweißwas macht. Dann hatte ich aber immer und immer mehr Vertrauen in meinen Freund und habe selbst gemerkt, dass es manchmal schlimmer ist, alles erzählen zu müssen. Für den*die Erzählende*n und den*die Zuhörende*n. Deswegen wechselten wir zu „nichts erzählen“.

Im letzten Jahr habe ich mich einmal sehr schwer getan und es war dann sehr schlimm für mich meinem Freund, der nicht nur mein fester Freund sondern auch mein bester Freund ist, nichts davon erzählen zu können. Daher lautet inzwischen die Regel „nichts erzählen, außer man möchte“. Außerdem ganz grundlegend: Keine anderen Menschen mit in unsere gemeinsame Wohnung bringen, während der*die andere nicht da ist. Und wenn wir zusammen feiern gehen, nichts mit anderen Menschen anfangen.“

Auch wenn es sehr gut läuft, Ängste bestehen natürlich trotzdem:

„Gerade läuft alles super. Eine Angst ist aber, dass wir irgendwann vergessen, miteinander zu reden – und dadurch zu spät dran sind, um irgendwas zu kitten, wenn es nötig wäre.“

Ich frage Karolin, ob sie das Gefühl hat, Zuneigung gut aufteilen zu können:

Ich muss sagen, dass für mich persönlich wichtig ist, dass mein Freund an erster Stelle steht und ich bei ihm. Aber so oder so, wenn ich andere Personen für ihren Charakter gut finde, bedeutet das ja nicht, dass ich meinen Freund dadurch weniger mag. Liebe ist ja nichts, dass kleiner wird, wenn man jemanden anderen auch liebt.“

 


„Unsere gemeinsame Wohnung ist tabu.“

Therese[1] ist seit sieben Jahren in ihrer aktuellen Beziehung, eineinhalb davon ist die Beziehung schon geöffnet. Das bedeutet für sie und ihren Partner, dass sie andere daten und so weit gehen dürfen, wie sie möchten. Erhofft hat sie sich, sich nicht aus rein moralischen Gründen irgendetwas von der Gesellschaft vorgeben zu lassen, was sie nicht sei. Und sich von dem „eingefahrenen“ Leben zu zweit zu lösen, Impulsen nachgehen zu können.

„Tatsächlich hab ich das Gefühl viel freier zu sein. Nicht, weil ich nicht an meinen Partner gebunden bin, sondern weil zu allem hinzu kommt, dass ich gelernt habe, wie sehr man sich von dem klassischen Beziehungsmodell, Moralvorstellungen anderer Menschen etc. beeinflussen beziehungsweise einengen lässt und das am Ende vielleicht sogar selber glaubt. Wie beispielsweise Besitzansprüche, die an den*die Partner*in gestellt werden.“

Ihre Befürchtung, ihr Partner könnte mit ihrem Wunsch nach einer offenen Beziehung überfordert sein, hat sich nicht bewahrheitet. Für sie ist aber klar, dass sie mit ihm auch monogam leben würde, wenn er das wollte. Womit sie Probleme hat, ist das Bild, was andere von der Beziehung haben:

„Zum Teil scheint selbst in unserem engsten Freundeskreis das Bild zu bestehen, dass ich, plump gesagt, durch die Gegend bumse, während er zu Hause sitzt.“

Die beiden halten es der Familie und Arbeitskollegen gegenüber, soweit es geht, geheim. Das ist manchmal schwierig, vor allem, wenn sie auf gängigen Onlinedating-Portalen unterwegs sind. Das habe es vor allem eine problematische Situation gegeben, als ihr Partner eine Frau kennen gelernt habe, mit der Therese arbeite.

„Er hat nicht viel nachgedacht und ihr schon vor der Frage, wo sie arbeitet, erzählt, wo ich arbeite. Das war für mich ein absolutes NoGo. Und ich war sehr sauer, dass er sowas einfach ausplaudert. Ich musste mich jetzt mit der Situation auseinandersetzen, die beiden haben sich nie getroffen, sie weiß auch gar nicht, wer ich bin. Für mich aber definitiv eine unangenehme Situation.“

Außerdem gibt es explizite Regeln.

„Wir reden nicht über die jeweiligen ‘Dates’. Wir verhüten immer mit Kondom. Man weiß immer, wenn der andere jemanden trifft. Unsere gemeinsame Wohnung ist tabu. Es gab anfangs auch mal die Frage, ob seine Dates Bilder von mir sehen dürfen, da das scheinbar häufiger gefragt wurde. Damals hatte ich kein Problem damit, heute möchte ich das nicht mehr.“

Ich frage sie, was an dem Konstrukt besonders bereichernd ist und muss über ihre ehrliche Antwort schmunzeln.

„Sind wir mal ganz ehrlich, ich kann nicht verschweigen, dass das Ganze natürlich was mit meinem Selbstbewusstsein macht.“

 Was allerdings für sie noch bereichernder ist, ist, dass sie ihre Sexualität auch mit dem eigenen Geschlecht ausleben kann.

 Manchmal denkt Therese über die Zukunft nach, wie wird es mit der Beziehung weitergehen, wenn die beiden älter sind? Wenn Kinder im Spiel sind? Sorgen macht sie sich eigentlich nicht, sie bezeichnet es eher als Neugierde. Sie bereut nichts an der Entscheidung, die Beziehung offen zu gestalten. Außer vielleicht, es nicht schon früher getan zu haben. 

 

1 Namen von der Redaktion zum Schutz der Porträtierten geändert

 

Den ersten Teil der Reihe mit einer Hinführung zum Thema findet ihr hier: Alternative Beziehungsmodelle – Teil 1
Im zweiten Teil der Reihe berichten Paulina, Anna-Lena und Clara von ihren Erfahrungen mit offenen Beziehungen: Alternative Beziehungsmodelle – Teil 2
Im dritten Teil berichtet Yasmine von ihrem polyamoren Leben: Alternative Beziehungsmodelle – Teil 3
Im vierten Teil berichtet Jennifer von ihrer Nicht-Beziehung: Alternative Beziehungsmodelle – Teil 4
Im fünften Teil berichtet Alice vom Leben mit ihrem Partner, der bei Frau und Kindern lebt: Alternative Beziehungsmodelle  – Teil 5

Das Titelbild dieser Artikelreihe ist aus dem Projekt „Not Enough“ der Fotografin Ramona Schacht.

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.