Themenreihe „Alternative“ Beziehungsmodelle – Teil 4: Jennifer ist „nicht zusammen“

Themenreihe „Alternative“ Beziehungsmodelle – Teil 4: Jennifer ist „nicht zusammen“

Für unsere Themenreihe über alternative Beziehungsmodelle habe ich ganz verschiedenen Menschen in ganz verschiedenen Konstellationen Fragen zu ihren Erfahrungen in Beziehungsmodellen gestellt.  Das hier soll ein Versuch sein, verschiedene Stimmen und Perspektiven zu zeigen. Kleine Geschichten von Menschen, die erzählen, wie die Liebe für sie funktioniert. In diesem Teil erzählt Jennifer[1] ihren Erfahrungen.

Jennifer[1] nannte das, was sie derzeit lebt, anfangs „friends with benefits“. Mittlerweile läuft „das“ zwischen den beiden seit einem Jahr und es ist mehr daraus geworden als Freundschaft plus. Jetzt nennt sie es „nicht zusammen“ – mit Gänsefüßchen. Viele ihrer auch gemeinsamen Freund*innen verstehen es nicht – sie verhalten sich in der Öffentlichkeit eben mehr wie Freunde, nicht wie ein Paar. Die Angst vor der Stigmatisierung diesbezüglich ist sehr groß – nicht nur gegenüber Freund*innen, auch zukünftigen Partner*innen gegenüber sieht sie ein Problem.

 Ich finde es einfach sehr schade, dass unsere Freunde damit nicht wirklich umgehen können. Sie verstehen nicht, dass es um mehr als nur Sex geht aber wir trotzdem nicht ‚fest zusammen‘ sind. Eigentlich geht es sie nichts an, aber ich bin jemand, der gerne über alles offen redet und mit meinen engsten Freund*innen nicht über meine Beziehung reden zu können ist echt schade. Auch habe ich ein wenig Angst davor, zukünftigen Partnern davon zu erzählen und verurteilt zu werden.“

 Für Jennifer funktioniert es ziemlich gut, da sie sich in ihrer letzten, monogamen Beziehung, eher eingeschränkt fühlte.

 Das muss so im letzten Beziehungsjahr mit meinem Ex gewesen sein. Ich war sehr unglücklich in der Beziehung, unter anderem weil er ständig eifersüchtig war und ich das Bedürfnis nach anderen Menschen hatte. Betrogen habe ich ihn nie, da wir seit über fünf Jahren monogam waren und ich sein Vertrauen nicht brechen wollte. Als ich ihn letztes Jahr verließ, war für mich klar, dass ich so schnell keine streng monogame Beziehung mehr haben möchte. Ich fing ein sehr lockeres Verhältnis mit einem guten Freund an und wir wollten von Anfang an das gleiche; keine Beziehung im klassischen Sinne, aber trotzdem irgendwie Zweisamkeit.“

Ihr war wichtig, Erfahrungen sammeln zu können. Gleichzeitig genoss sie die Zweisamkeit und wollte diese nicht aufs Spiel setzen. Eifersucht von seiner Seite war ihre größte Befürchtung zu Beginn.

 „... dass er eifersüchtig oder sogar angewidert ist, wenn ich mal was mit anderen habe. Aber vor allem, dass er uns deswegen beendet und ich ihn nicht wiedersehen kann. Ihn zu verlieren würde mir das Herz brechen, da er mir sehr viel bedeutet. Daher habe ich auch ein wenig Angst, dass er jemanden kennenlernt, mit dem er mehr Zeit verbringt als mit mir.  Anfangs war es noch nicht ganz so ‚ernst‘ mit uns, da war ich auch noch auf dem einen oder anderen Date und hatte auch Sex mit anderen Leuten. Wir redeten immer offen darüber und er sagte, dass das für ihn einfach sehr ungewohnt sei, dass er mir aber nichts verbieten kann und möchte.

Die Befürchtung, dass er eifersüchtig ist und mich verlassen würde hatte tatsächlich Gestalt angenommen, als ich vor einem halben Jahr ein paar ernsthaftere Dates mit einem Mann hatte und ihm davon erzählte. Er sagte mir erst neulich, dass er damals überlegt hatte, das mit uns zu beenden, sich aber schließlich dagegen entschieden hatte.“

Mich interessiert, wie es im konkreten bei den beiden abläuft, dieses „nicht zusammen sein“.

 Mittlerweile sind wir beide nicht mehr aktiv auf der Suche nach anderen. Wenn sich was ergibt, ist das okay, aber ich gehe nicht auf Gedeih und Verderb aus, um neue Leute kennenzulernen oder betreibe Onlinedating. Was uns beiden aber am wichtigsten ist, ist dass wir die jeweils einzige Person sind, mit der wir ungeschützten Sex haben, heißt mit anderen müssen immer Kondome benutzt werden.

Wir sehen uns zwei bis dreimal die Woche, übernachten und fahren manchmal übers Wochenende weg. Eigentlich wie eine ’normale Beziehung‘, nur dass es für uns eben etwas anderes ist, wir nennen es nicht so. Wir haben Gefühle füreinander, das kann man nach so einer langen und intensiven Zeit gar nicht verhindern (ich zumindest nicht). Es sind aber keine „ich will mein Leben mit dir verbringen“-Gefühle und wir sagen auch nicht „ich liebe dich“. Es ist einfach für den Moment schön und wir denken nicht daran, was morgen sein wird. Generell haben wir die ‚Regel‘, dass wir den anderen nicht davon abhalten möchten, jemanden kennenzulernen und Erfahrungen zu machen. Wenn einer von uns jemanden kennenlernt, den er nett findet, wird darüber geredet und akzeptiert, dass es eben noch andere Menschen außer uns gibt.“

Auch bei den beiden liegt das Augenmerk vor allem auf offener und ehrlicher Kommunikation.

„Sehr offen und ehrlich. Manchmal kann man Probleme nicht direkt ansprechen, weil man Zeit braucht, um darüber nachzudenken, aber Kommunikation ist für uns das wichtigste.“

 Auch bei schmerzhaften Themen, wie zum Beispiel als ihr Partner Sex mit einem anderen Mann hatte und überlegte, das Ganze mit ihr zu beenden – sie sprachen darüber und fanden einen Weg, damit umzugehen.

„Diskussionen sind tatsächlich hilfreich und ich konnte noch nie so offen und ehrlich mit jemandem kommunizieren wie mit ihm und lerne unglaublich viel über Zwischenmenschliches durch ihn. Auch über mich und meine Bedürfnisse habe ich im letzten Jahr so viel gelernt wie in den ganzen Jahren davor nicht.“

Ich frage Jennifer nach Eifersucht – vermutlich eines der Gefühle, was am meisten offene Kommunikation erfordert und mit am meisten schmerzt.

„Seine Freunde sind ihm sehr wichtig und er fragt mich selten, ob ich dabei sein möchte. Klar kommen da manchmal Fragen auf wie „Was haben die, was ich nicht habe?“ oder „Sind vielleicht andere Frauen dabei, die er mehr mögen könnte als mich?“ Aber das lässt sich ganz einfach beantworten; sie sind einfach anders als ich. Er kann mit ihnen über andere Dinge reden als mit mir, dafür machen wir auch ganz andere Sachen als sie. Aber auch hier reden wir offen darüber und finden (meistens) einen Mittelweg mit dem beide zufrieden sind. Eifersucht ist für mich das falsche Wort, eher ein „Ich wäre gerne dabei“-Gefühl.“

Auch das Thema Zuneigung, welche sich ja bei jedem Menschen unterschiedlich äußert und anfühlt, finde ich spannend.

„Das finde ich tatsächlich noch etwas schwierig. Ich bin ein sehr sprunghafter Mensch und wenn ich mich auf etwas Neues fokussiere, gibt es fast nur noch das. Als ich anfangs noch mehrere Leute gedatet habe, kam es vor, dass wir uns mal eine Woche lang gar nicht gesehen haben und ich nur noch die aktuelle Person getroffen habe. Aber wenn das vorbei war, war die Zeit mit ihm fast umso schöner, weil man sich irgendwie vermisst hat und noch mehr schätzt, was man aneinander hat.“

 Ich gehe einen Schritt weiter und frage sie nach der Liebe. Ihre Antwort ist so simpel wie wahr.

„Ich liebe auf eine Art auch meinen besten Freund, aber das ist einfach anders.“

 Ihr Fazit:

„Ich hoffe einfach, dass die Leute generell etwas offener mit dem Thema umgehen können und kann jedem ans Herz legen, in seiner Beziehung mit seinen Bedürfnissen und Wünschen offen und ehrlich zu sein. “

 

Den ersten Teil der Reihe findet ihr hier: Alternative Beziehungsmodelle – Teil 1
Im zweiten Teil der Reihe berichten Paulina, Anna-Lena und Clara von ihren Erfahrungen mit offenen Beziehungen: Alternative Beziehungsmodelle – Teil 2
Im dritten Teil berichtet Yasmine von ihrem polyamoren Leben: Alternative Beziehungsmodelle – Teil 3
Das Titelbild dieser Artikelreihe ist aus dem Projekt „Not Enough“ der Fotografin Ramona Schacht.

 

1 Name von der Redaktion zum Schutz der Portraitierten geändert

 

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.