Oh mein Gott! Du hast kurze Haare!

Oh mein Gott! Du hast kurze Haare!

Alle Männer lieben lange Haare, deswegen rasieren sich nur Lesben den Kopf? Dass diese Vorurteile auch im 21. Jahrhundert noch so tief verankert sind, hat mich überrascht. Als Grundlage für die eigenen Entscheidungen taugen sie trotzdem nicht.

„Wenn du dir einen Pixie schneiden lässt, fasst dich nie wieder ein Mann an“, sagte eine Freundin, als ich ihr auf einem Spaziergang von meinen Frisurenplänen erzählte.

Nun fand ich diese Vorstellung nicht weiter tragisch. Trotzdem machte mich das wütend – dass ich die Entscheidung, was auf meinem Kopf passiert, womit ich mich schön finden und wohlfühlen könnte, von den Präferenzen irgendwelcher Männer abhängig machen sollte, die ich noch nicht mal kannte.

Kurz vor dem Friseurtermin hatte ich ein Date. Wir plauderten auf seiner Couch. Er spielte mit meinen noch taillenlangen Haaren, ich erwähnte, dass ich sie radikal kürzen lassen würde. „Aber… das kannst du doch nicht machen!“, rief er entsetzt. Und unternahm anschließend mehrminütige Anstrengungen, mich umzustimmen. Wenig überraschend: Wir haben uns nicht wiedergesehen. Seinen Versuch, als reichlich uninvolvierter Mensch in eine Entscheidung über meinen eigenen Körper einzugreifen, fand ich noch gruseliger als die unheilvollen Prophezeiungen meiner Freundin.

Kurze Haare = lesbisch?

Natürlich habe ich auch nach meinem Radikalhaarschnitt Menschen getroffen, die meine neue Frisur nicht so gut fanden, darunter auch den einen oder anderen Mann, der mich mit langen Haaren attraktiver gefunden hätte. Das ist okay. Aber wer den halben Meter Haare auf meinem Schädel interessanter findet als den Rest von mir, den finde ich höchstwahrscheinlich auch gar nicht so interessant.

Ich bin mehr als oft genug gefragt worden, ob ich lesbisch sei. Irritierend. Denn meinen Kopf rasieren zu lassen, hat an meinen Präferenzen so gar nichts geändert. Aber offenbar nimmt man an, dass Menschen, die näher am allgemeinen Schönheitsideal dran sind, auch der Heteronorm eher entsprechen. Mittlerweile antworte ich auf diese Frage nur noch „Du sagst das, als wäre das etwas Schlimmes?“

Natürlich drückt man mit seiner Optik immer etwas aus. „Man kann nicht nicht kommunizieren“ schrieb der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawik – und dass Menschen mein Aussehen interpretieren, finde ich grundsätzlich nicht schlimm. Auch die lesbische Assoziation finde ich nicht tragisch. Albern ist natürlich die Vorstellung, dass alle Männer lange Haare liebten und alle lesbischen Frauen auf Kurzhaarfrisuren stünden. Was mich aber wirklich stört, ist die darunterliegende Annahme, dass ich mit meiner Frisur keine anderen Ziele verfolgen könne als mögliche Sexualpartner*innen anzulocken. Als könne man seine Frisur nicht für sich ganz alleine wählen – und das in einer Zeit, die sonst stets den Wert von Selbstdarstellung und Individualisierung preist.

Niemand muss mich schön finden – nur ich selbst

Ich möchte nicht missverstanden werden: Niemand muss mich schön finden. Ich finde es nicht schlimm, wenn ich jemandem nicht gefalle. Auch mir gefallen manche Menschen besser als andere. Wir haben alle mehr oder weniger deutliche Vorlieben und Vorstellungen davon, was „schön“ ist. Was mich stört, ist die Vorstellung einiger, ich müsste meine Optik ihren Vorstellungen anpassen.

Schönheit in mir selbst zu finden und auszudrücken, finde ich wichtig – nicht, weil ich mich so umwerfend fände, sondern weil ich mit meinen kurzen Haaren gerne in den Spiegel schaue. Weil ich mich schön finde mit diesem Gesicht, das durch die kurzen Haare nicht mehr ganz so lieblich wirkt. Weil es mir Spaß macht, über die kurzen Stoppeln in meinem Nacken zu streichen. Ganz ehrlich? Das ist alles, was für die Auswahl meiner Frisur zählt.

 

Dieser Text ist im Juni 2018 erstmals in der zehnten Ausgabe des queer-feministischen Zines brav_a erschienen.

Sabrina hat Kommunikationswissenschaft studiert und macht beruflich was mit Medien. Privat hört sie am liebsten politische Podcasts, während sie feministische Statements auf Kuscheltiere stickt und Tee aus eimergroßen Tassen trinkt.

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