Themenreihe „Alternative“ Beziehungsmodelle – Teil 3: Yasmine lebt polyamor

Themenreihe „Alternative“ Beziehungsmodelle – Teil 3: Yasmine lebt polyamor

Den ersten Teil der Reihe findet ihr hier: Alternative Beziehungsmodelle – Teil 1
Im zweiten Teil der Reihe berichten Paulina, Anna-Lena und Clara von ihren Erfahrungen mit offenen Beziehungen: Alternative Beziehungsmodelle – Teil 2
Das Titelbild dieser Artikelreihe ist aus dem Projekt „Not Enough“ der Fotografin Ramona Schacht.

 

Für unsere Themenreihe über alternative Beziehungsmodelle habe ich ganz verschiedenen Menschen in ganz verschiedenen Konstellationen Fragen zu ihren Erfahrungen in Beziehungsmodellen gestellt.  Das hier soll ein Versuch sein, verschiedene Stimmen und Perspektiven zu zeigen. Kleine Geschichten von Menschen, die erzählen, wie die Liebe für sie funktioniert. In diesem Teil erzählt Yasmine[1] ihren Erfahrungen.

Yasmine[1] lebt seit fünf Jahren polyamor. Eine ihrer* Beziehungen ist sehr zeitintensiv und eng, die beiden haben ein Kind und leben zusammen. Ihr Partner ist cis männlich und pansexuell, sie* selbst nonbinary pansexuell. Gemeinsame sexuelle Begegnungen in dieser Beziehung sind eher regelmäßig. Eine ihrer* Beziehungen mit einer weiteren Partnerin* dauert parallel seit 2 Jahren an.

 Sie* hinterfragt das monogame Beziehungsmodell auf vielen Ebenen – zunächst wollte sie* ihre sexuellen Möglichkeiten ausschöpfen, inzwischen sieht sie* das Ganze vor allem im Kontext einer gesellschaftskritischen Haltung und eine Möglichkeit, sich intensiv mit sich selbst auseinander zu setzen.

„Mein Anspruch war es zunächst, mich selbst erotisch und sexuell vollkommen erleben zu können, ohne anderen Menschen weh zu tun oder diese zu enttäuschen. Durch die Auseinandersetzung mit meinem Weltbild und den Ansprüchen an mich selbst erhoffte ich mir dann aber auch eine Überwindung von Besitzansprüchen an andere Menschen, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Ego und der Eifersucht und vor allen Dingen den Mechanismen, die das Modell „Monogame Beziehung auf Lebenszeit“ in der Gesellschaft erfüllt. Ich bin der Überzeugung, dass das Hinterfragen und Aufbrechen dieses Modells viele Menschen glücklicher machen würde. Selbstverantwortung, Empowerment, Unabhängigkeit und gleichzeitig ein intensiveres Auseinandersetzen mit den Menschen in meinem Umfeld und mit denen ich Beziehungen führe, wären meiner Auffassung nach die Folgen. Ich erhoffe mir also radikale Umwälzungen in den eigenen internalisierten Strukturen sowie auf gesellschaftlicher Ebene. Bei den Hoffnungen schaut’s gesellschaftlich bisher naja aus. Aber auf persönlicher Ebene habe ich das Gefühl, sehr an der Herausforderung gewachsen zu sein. Es gibt kein finales „So ist das jetzt“. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass ich mich ständig neu definiere und auch jede neue Beziehung natürlich immer wieder Neues zutage bringt. Vor allem durch das Reflektieren von negativ bewerteten Gefühlen und Mustern, fühle ich mich oft sehr fleißig und intensiv. Das ist anstrengend, aber auch befriedigend und schön.“

Was auch hier anklingt: Die Rolle der Kommunikation.

„Konsens. Alles wird besprochen, soweit Menschen das Bedürfnis haben, darüber zu sprechen. Jede*r sollte sich gleich wertgeschätzt fühlen, auch wenn wir uns darüber bewusst sind, dass die Menschen und die Beziehungen sehr unterschiedlich sind. Jede*r hat andere Bedürfnisse, darüber muss geredet werden. Also bedingungslose Ehrlichkeit vor allem auch mit sich selbst (!) ist die goldene Regel.“

Yasmine hat auch schon eine schmerzliche Erfahrung gemacht, und auch hier sieht sie* die Kommunikation als Ursache:

„Menschen waren nicht ehrlich zu mir, weil sie Angst vor meiner Reaktion hatten. Dadurch ist bei mir Eifersucht entstanden und die Beziehung ist kaputt gegangen.“

 Ich frage sie*, wie sie* zum Thema Eifersucht steht.

„Eifersucht gehört auch voll dazu. Zulassen, darüber reden wir ganz viel und versuchen zu verstehen, welche Ängste dahinter stehen und uns die zu nehmen. Also: Uns Sicherheit zu geben. Wenn das nicht funktioniert, dann läuft etwas in der Kommunikation (eventuell auch mit sich selber) schief und dem müsste mensch auf den Grund gehen.“

Ich denke weiter über Liebe nach. Ich empfinde unterschiedliche Zuneigung für unterschiedliche Menschen. Uns wird gelehrt, dass Liebe sich vor allem im romantischen Kontext auf eine*n Partner*in zentriert. Unser in einem heteronormativen Weltbild geschultes Gehirn will eine Formel für die Liebe, die man für mehrere Personen empfindet.

 „Aufteilen ist für mich irgendwie gar kein Problem“, erklärt Yasmine. „Ich fühle mich oft zu unterschiedlichen Menschen gleichzeitig hingezogen und finde, das ist ein schönes Gefühl. Ich tue mich schwer mit so Einteilungen und Bewertungen nach dem Motto „Die* liebe ich mehr, dann den* am meisten“ etc. Ich finde es aber wichtig, darüber zu reden, dass die Beziehungen unterschiedliche sind. Es ist ja klar, dass ich zu einem Menschen, mit dem ich seit zwei Jahren eine Beziehung führe, erst mal eine innigere und vertrautere Beziehung habe, als mit einem Menschen, den ich gerade kennen lerne. Ich finde es also schöner, von unterschiedlicher Intensität beziehungsweise dem unterschiedlichen Charakter der Beziehungen zu sprechen.“

 Am Ende sind polyamouröse Beziehung vermutlich nicht weniger oder mehr Arbeit als jede zwischenmenschliche Beziehung, in der Vertrauen aufgebaut werden und über sich selbst und die eigenen Grenzen gelernt werden muss.

 Yasmine zieht das Fazit: Viele Leute denken, mensch macht es sich mit einer polyamoren Beziehung einfacher als in einer monogamen. Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Es bedeutet viel mehr Zeit, „Anstrengung“ und Hingabe, die mensch in das Kennenlernen von sich selbst und den Partner*innen steckt und in das Zusammenleben generell. Immer wieder reden, reden, reden, neu aushandeln, Bedürfnisse erkennen und aussprechen, mutig sein und Grenzen ziehen und auch mal ein Scheitern aufarbeiten. Außerdem viel Nachsicht mit sich selbst und den eigenen Ängsten.“

  

1 Name von der Redaktion zum Schutz der Portraitierten geändert

 

 

 

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.

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