Themenreihe „Alternative“ Beziehungsmodelle – Teil 2: Paulina, Anna-Lena und Clara

Themenreihe „Alternative“ Beziehungsmodelle – Teil 2: Paulina, Anna-Lena und Clara

Den ersten Teil der Reihe findet ihr hier: Alternative Beziehungsmodelle – Teil 1
Das Titelbild dieser Artikelreihe ist aus dem Projekt „Not Enough“ der Fotografin Ramona Schacht.

Für unsere Themenreihe über alternative Beziehungsmodelle habe ich ganz verschiedenen Menschen in ganz verschiedenen Konstellationen Fragen zu ihren Erfahrungen in Beziehungsmodellen gestellt.  Das hier soll ein Versuch sein, verschiedene Stimmen und Perspektiven zu zeigen. Kleine Geschichten von Menschen, die erzählen, wie die Liebe für sie funktioniert. In diesem Teil erzählen Paulina**, Anna-Lena und Clara** von ihren Erfahrungen.

Offen heißt für mich also in erster Hinsicht offene Kommunikation.“

Paulina[1] lebt in einer offenen Beziehung, es ist auch nicht ihre erste. Für sie ist in erster Linie die offene Kommunikation, ohne die das Konzept nicht funktioniert, besonders und vor allem bereichernd.

„Ich verstehe unter einer offenen Beziehung eine Beziehung, in der offen über alle Gefühle gesprochen wird. Also wenn ich mich verliebe oder jemanden neu kennenlerne und toll finde, dann bespreche ich das mit meinem Partner von Anfang an.
Offen heißt für mich also in erster Hinsicht offene Kommunikation. Außerdem sprechen wir in klar definierten zeitlichen Abständen darüber, ob das Modell für uns immer noch funktioniert und ob wir etwas ändern wollen. Außerdem gibt es die Regel, dass jede*r jederzeit sagen kann, wenn es ihr oder ihm nicht so gut geht und sie*er die Sicherheit einer exklusiven Beziehung braucht, das offene Modell zu pausieren. Das ist, glaube ich, besonders wichtig, wenn beispielsweise Kinder ins Spiel kommen, weil da aus körperlichen Voraussetzungen (Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit) heraus unterschiedliche Bedingungen für die Beteiligten entstehen. Meine Hoffnungen, eine ehrliche und sehr reflektierte Beziehung zu führen, haben sich absolut bewahrheitet, auch wenn ich sehr viel weniger „Abenteuer“ erlebt habe, als ich dachte. Allerdings gab es auch eine nicht so tolle Geschichte mit einer dritten Person, die sich dann mehr erhofft hat. Und ich glaube, das ist auch genau der Knackpunkt, wenn du in einer offenen Zweierbeziehung lebst: Dass die Gefühle der Leute außerhalb der Beziehung nicht so richtig eingerechnet werden. Da einen guten Weg zu finden, der für alle funktioniert, erfordert meiner Meinung nach viele ehrliche Gespräche. Das ist, glaube ich, der wichtigste Punkt, also eben die offene Kommunikation. Auch weil manchmal durch das Erzählen und drüber sprechen das Geheimnisvolle einer neuen Verknalltheit weggeht und ich dann merke, dass ich eigentlich darüber hinaus gar nicht so viel Interesse an der betreffenden Person habe. Was meine offene Beziehung gar nicht so abenteuerlich macht, wie es sich vielleicht manchmal anhört.“

„Er hatte bisher noch nie das Bedürfnis nach einer Anderen.“

Anna-Lena lebt schon sehr lange mit ihrem Partner zusammen, mit ihm hatte sie ihr erstes Mal, sie wollen heiraten – und leben schon seit einiger Zeit in einer offenen Beziehung. Sie lebt sich darin aus und er nicht, weil er das Bedürfnis nicht verspürt. Wie sie das handhaben?

„Offen und ehrlich, immer wertschätzend, in ruhigen Momenten, wenn beide grad aufnahmefähig und bereit sind, darüber zu reden. So waren zumindest die „Anfangsverhandlungen“. Im Laufe der Zeit war es vor allem so „Hey, ich hab letztens mit XY geschlafen“ – „Ah, was kochen wir morgen?“, also einfach kein großes Thema mehr. Wobei wir jetzt eben wieder dabei sind, neu zu verhandeln, ob sich durch Verlobung/Hochzeit/Kinder etwas in den Regeln  ändern soll, und wenn ja, was. Mein Partner hat mir die Freiheit gelassen, mich auszuprobieren. Das ist ein unglaublicher Vertrauensbeweis für mich. Vor allem, weil er bis jetzt nie das Bedürfnis nach einer anderen hatte. Trotzdem hat es uns sehr zusammen geschweißt, weil man noch klarer und noch mehr über seine Beziehung reden muss, zumindest hab ich das so empfunden. Ja, ich liebe meinen Partner mehr als alle anderen, deshalb will ich mit ihm meine Zukunft planen. Mit den anderen habe ich eine gute Zeit und viel Spaß, manche liebe ich wahrscheinlich auch, aber auf ganz andere Art. Generell liebe ich einfach viele Menschen beziehungsweise hab kein Problem, anderen Liebe und Zuneigung zu zeigen. Das klingt jetzt kitschig, aber ich bin voller Liebe und verteile sie gerne.“

„Labels funktionieren eigentlich absolut nicht.“

Clara[1] lebte mit ihrem Freund lange in einer offenen Beziehung, bis ihre größte Befürchtung sich bewahrheitete: Beide verliebten sich in andere. Sie trennten sich, kamen wieder zusammen. Die beiden haben nur noch wenig Sex miteinander, Clara schläft vor allem mit anderen Männern, für die sie mindestens freundschaftliche Gefühle hat. Ihr Freund hat derzeit kaum das Bedürfnis, mit anderen zu schlafen. Das Konzept funktioniert für die beiden gut. Manche Personen in ihrem Umfeld kommen damit nur schwer zurecht beziehungsweise verstehen es nicht.

Einige Leute, die ich kenne, können es gar nicht verstehen, wie wir auch mit anderen Menschen schlafen können und empfinden es als Betrug. Meine Eltern haben es erst vor kurzem erfahren und fanden es merkwürdig (die sind aber auch recht konservativ). Meine Mutter meinte sofort: „Na, dann ist er aber auch nicht der richtige für dich, wenn ihr beide noch mit anderen schlafen wollt!“ War ziemlich mühselig ihr zu erklären, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun haben muss; bin mir auch nicht sicher, dass sie es überhaupt verstanden hat.“

Labels mag Clara übrigens nicht, auch wenn sie die Beziehung am ehesten als polyamourös bezeichnen würde. „Labels funktionieren eigentlich absolut nicht, ich habe festgestellt, dass jedes alternative Beziehungsmodell irgendwie anders ist“.

Der Angst, dass eine*r der beiden sich in eine andere Person verlieben könnte, ist damit der Nährboden genommen. Aber, so Clara: „Eine andere Angst ist, dass ein Mann, den ich gerade erst kennenlerne, nicht darauf klarkommt, dass ich halt einen Primärpartner habe. Leider eine sehr berechtigte Angst.“

Das, was für mich in den Erfahrungen neu ist, die Clara beschreibt: Die Kommunikation und der Wert, der ihr in der Beziehung beigemessen wird: Die beiden sprechen kaum darüber. „Manchmal frage ich meinen Freund, ob noch alles okay ist und er noch zufrieden mit dem Modell. Er will nicht drüber sprechen (Kommunikation ist leider eh nicht so unsere Stärke); das muss ich respektieren, auch wenn ich der Meinung bin, dass darüber zu reden unsere Beziehung noch stärken würde.“

Und noch eine weitere romantisierte Vorstellung von Polyamorie, die in meinem Kopf oft auftaucht, nimmt Claras Antwort mir zum Teil: „Am schmerzlichsten war eigentlich immer der Moment, an dem eine „Affäre“ zu Ende gegangen ist.  Mittlerweile bin ich in der Hinsicht schon super zynisch geworden und denke bereits beim ersten Date an das Ende unserer Verbindung. Irgendwie traurig.“

 

1 Namen von der Redaktion auf Wunsch der Portraitierten geändert

 

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.

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