Oh the shame with that skin – Teil 7: Skin Picking & Mobbingerfahrung

Oh the shame with that skin – Teil 7: Skin Picking & Mobbingerfahrung

Teil 1 der Reihe „Oh the shame with that skin“ gibt’s hier.

 

Trigger-Warnung: selbstverletzendes Verhalten / Skin Picking  / Mobbing

„Hör auf zu knibbeln“ – dieser Satz begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Ich habe an den Fingernägeln gekaut und am Nagelbett herumgepult. Ich habe mich fürchterlich geschämt und es einfach als irgendeinen Tick verortet, versucht meine Hände zu verstecken. Inzwischen sind meine Fingernägel nicht mehr das Medium zum Stressabbau, gelegentlich ist es noch die Haut an den Fingern – öfter aber inzwischen eher Unebenheiten, auf den Armen, im Gesicht. Das ist unschön, dafür schäme ich mich. Die Stelle wird aufgekratzt, nur um dann direkt Wundheilsalbe drauf zu schmieren.

Wieso aber verletzen sich manche Menschen so zwanghaft selbst – ohne jedoch den Hintergrund, den selbstverletzendes Verhalten (SVV) oft zeigt? (Achtung: Skin Picking kann natürlich Hand in Hand gehen mit SVV – eine Unterscheidung zu treffen ist aber sehr wichtig, da die „Beweggründe“ der Betroffenen andere sind. Was sie aber gemein haben: Es ist (oft) Mittel zur Selbstregulierung.)

Was ist Skin Picking?

Dem Begriff Skin Picking bin ich selbst erst vor Kurzem begegnet. Das mag daran liegen, dass dieserBegriff in den USA viel geläufiger ist, auch unter Psycholog*innen: Dort ist es auch in das Diagnosesystem aufgenommen worden (DSM-5), in Deutschland hingegen nicht (ICD-10). Es ist im Zwangsspektrum verortet, außerdem kommt oft eine mangelnde Impulskontrolle hinzu. Im DSM-5 heißt es übrigens „excoriation disorder“ („excoriation“ heißt so viel wie Hautabschürfung) und wird dem Bereich der „obsessive-compulsive disorders and related“ zugewiesen (ungefähr: „zwanghafte Störungen und ähnliche“). Versteht mich nicht falsch – ich bin nicht dafür, jedes kleine menschliche Verhalten in eine Diagnoseschublade zu pressen. Was ich wichtig finde: Indem anerkannt wird, dass es dieses Verhalten in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen gibt (nicht nur körperlichen wie beispielsweise Neurodermitis) kann man den Betroffenen helfen, ihr Leidensdruck wird anerkannt. Denn obwohl das Verhalten inzwischen nicht mehr nur als nerviger Tick gilt, sondern ein Zeichen für starke innere Anspannung ist, gehen beispielsweise Hautärzt*innen und auch Angehörige oft davon aus, dass man es „einfach sein lassen kann“. Sorry – but no. Es ist im Grunde ein Kompensationsmechanismus wie jeder andere auch. Man kann es nicht willentlich kontrollieren und es besitzt eine wichtige stressregulierende Funktion.  Bei mir hängt es eng mit innerer Anspannung zu tun; da reicht tatsächlich ein spannender Film.

Schlimmer wird es aber bei zwischenmenschlichen Konflikten, Stress bei Projekten oder Anspannung in Bezug auf mich selbst. Bis ich erkannt habe, was es eigentlich bedeutet, was ich da mache, habe ich mich immer wieder zurück versetzt gefühlt in meine Kindheit, in der ich immer das Kind mit den zerknipelten Fingern war. Inzwischen kann ich es zwar nicht immer besser kontrollieren, erkenne aber, wofür es ein Warnsignal ist: Mir geht’s grad nicht gut.

Unsere Haut unterliegt in der Gesellschaft ebenso engen Schönheitsstandards wie unser ganzer Körper – Betroffene von Hautkrankheiten machen schlimme Mobbingerfahrungen

Nadine* leidet unter zahlreichen Hauerkrankungen. Ihre Geschichte macht deutlich, dass Betroffene nicht nur unter den Symptomen der Erkrankung an sich leiden (wie bspw.: Jucken, Schmerzen etc.), sondern dass Mobbing für sie ein riesiges Problem darstellt. Denn unsere Haut gilt in einer Gesellschaft, die ein eng gefasstes Verständnis von Schönheit hat, als Aushängeschild für diese.

Nadine erzählt: „Ich habe einige Allergien, Dermographismus**, Neurodermitis und gelegentlich Schuppenflechte. In meiner Kindheit kam es bei Ausschlägen oder allergischen Reaktionen häufig dazu, dass ich wie etwas Ekliges behandelt wurde. In der Jugend war es besonders schlimm wegen der Akne. Ich wurde mitunter als Leprakranke bezeichnet aufgrund der Schuppenflechte, oder als Reptil, das sich häutet, und es hieß, dass es besser sei, nichts mit mir zu tun zu haben.
Wenn ich allergische Reaktionen hatte (häufig ist es eine Bläschenbildung), wurde, gerade wenn es im Gesicht war, von ‚Herpes-Nadine‘ gesprochen. Auch jetzt noch im Erwachsenenalter wird mir nicht geglaubt, dass es kein Herpes ist, sondern eben eine allergische Reaktion. Mir wird unterstellt, dass ich ‚eine wilde Nacht hatte‘ oder wie mein Bruder mal fragte: ‚an wessen Arschloch ich geleckt hätte‘. ‚Unberührbare‘ wurde ich auch mal genannt und habe immer wieder hören müssen, dass es besser sei, sich von mir fern zu halten.“

Wie wir wissen, arbeitet die Werbung gerne mit der Unterstellung, unreine oder kranke Haut sei selbst verschuldet, weil dieser Makel leicht zu beheben sei, etwa durch gesunde Ernährung, das richtige Beautyprodukt.
Doch ebenso wie manch eine*r mehr oder weniger zu Pickeln neigt, leichter oder weniger schnell Sonnenbrand bekommt, dünne oder dicke Haare hat – genauso haben manche Menschen eben stärker mit Hautproblemen und -erkrankungen zu kämpfen. Doch alles, was in unserer Gesellschaft von der „Norm“ abweicht, sprich: nicht dem eng definierten Bild von Schönheit entspricht, was Medien und Werbung propagieren und so festsitzt in den Köpfen – all das wird Grundlage für Mobbing, Ausschluss, Demütigung und Diskriminierung.

Dabei bleibt auf der Strecke, was so offensichtlich ist: dass unsere Haut eben zu kämpfen hat, mit Schadstoffen von innen und von außen. Und dass, genauso wie manche Menschen eben athletischer gebaut sind als andere, manche eine empfindlichere Haut haben.

Nadine erzählt weiter: „Das hat eine Menge mit mir gemacht, Selbsthass und -ablehnung geschürt. Denn selbst wenn ich Menschen davon überzeugen konnte, dass ich ganz okay bin und es vielleicht spaßig ist, mit mir befreundet zu sein, fürchteten viele, dass sie dann auch Spott und Hohn ausgesetzt sein würden. Also habe ich in Freund*innenschaften immer darauf warten müssen, dass sich wer dazu bereit erklärt, dieses Risiko mit mir einzugehen. Und ich ging im Gegenzug toxische Freund*innenschaften ein,  in denen ich mich immer unterordnete, in denen es nie um mich ging. Mein Auftreten/Selbstbewusstsein ist noch immer sehr abhängig davon, wie mein Hautbild ist.“

Skin Picking als Kompensationsmechanismus

Auch Nadine neigt zu Skin Picking. Am ganzen Körper kratzt sie sich.
„Weil ich diesen Fehler an mir einfach nur loswerden möchte, der mich hat glauben lassen, dass ich keine Akzeptanz verdiene, keine erfahren könnte. Obwohl ich weiß, dass es dadurch nur schlimmer wird. Meine Haut trocknet noch mehr aus, Narben und Störungen in der Pigmentierung bilden sich aus. Ein Teufelskreis. Ich war lange hilflos, habe das Thema erst im letzten Jahr meiner Therapie angesprochen, an einem Punkt, an dem es immer mehr Aha-Erlebnisse gab. Skin Picking ist bei mir selbstverletzendes Verhalten und auch Stimulation. Mittlerweile treffe ich Verabredungen mit mir selbst – nur noch zweimal die Woche kratzen. Das klappt bisher ganz gut.“

Nadine erzählt mir, dass diese „Verabredungen“ mit ihr selbst in ihrer Verhaltenstherapie als Bewältigungshilfe entstanden sind. Ebenso wie regelmäßig zu Hause zu tanzen und wunde Stellen einzucremen statt zu kratzen. Sie sagt aber auch, sie sei vorsichtig damit, Tipps weiterzugeben – was ihr helfe, müsse anderen nicht auch helfen. Auch sie selbst müsse ab und zu die Methode wechseln, was zu akzeptieren ihr durchaus schwer gefallen sei. „Wer hätte nicht gerne die eine dauerhafte Lösung?“

Genau wie andere Kompensationsmechanismen sollte man Skin Picking ernst nehmen und sich klar darüber werden, dass man es eben nicht „einfach sein lassen“ kann. Wer so stark zum Skin Picking neigt, dass offene Wunden entstehen und die Haut dauerhafte Schäden davon trägt, sollte eine Verhaltenstherapie in Betracht ziehen. Die Kombination aus dem Erkennen der Ursache der inneren Anspannung und dem Erlernen von anderen Mitteln zur (Stress-)Regulation kann sehr hilfreich sein.

Und für nicht Betroffene gilt: Seid achtsam und behutsam, wenn ihr bemerkt, dass Freund*innen, Bekannte oder wer auch immer darunter leiden. Seid sensibel und verständnisvoll, denn glaubt mir: Betroffene schämen sich schon genug dafür, ohne von außen auch noch immer wieder kritisch darauf hingewiesen zu werden.

 

*Anmerkung: Namen von der Redaktion zum Schutz der Betroffenen geändert

** Darunter wird das sichtbare „Echo“ nach mechanischer Reizung der Haut verstanden, sprich beispielsweise starke Striemen nachdem auf der Haut gekratzt wurde

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.