Wenn „einfach entspannen“ unmöglich ist – Vaginismus, ein Erfahrungsbericht, Teil 2

Wenn „einfach entspannen“ unmöglich ist  – Vaginismus, ein Erfahrungsbericht, Teil 2

Den ersten Teil des Erfahrungsberichts findet ihr hier: Wenn „einfach entspannen“ unmöglich ist – Vaginismus, ein Erfahrungsbericht, Teil 1

Vaginismus ist ein Tabuthema

„Mit Anfang 20 hielt ich das erste Mal einen Ratgeber zum Thema Vaginismus in der Hand. Es war damals der erste auf dem deutschsprachigen Markt und die ganzen Jahre zuvor hatte ich auch nie etwas im Internet dazu gefunden, was es für mich einfach noch schlimmer machte – denn dann musste es ja wirklich nur daran liegen, dass ich mich so ‚anstelle‘. Als ich das erste Kapitel las, in dem es um Erfahrungsberichte ging, war ich sehr, sehr glücklich…“

Amelie erhielt die Diagnose Vaginismus erst mit 27 Jahren – nachdem sie 14 Jahre lang nur gehört hatte, sie solle sich „nicht so anstellen und sich entspannen“.

„Inzwischen ist es so schlimm geworden, dass meine letzte gynäkologische Untersuchung abgebrochen werden musste, weil ich so weinte und kaum noch Luft bekam. Die Ärztin aus der Charité war völlig verstört und sagte, wenn sie jetzt weitermacht, würde sie mich völlig traumatisieren. Durch diesen Besuch wurde es mir dann aber ermöglicht, einen Termin bei der Leitung des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité zu bekommen. Große Überraschung: Diagnose Vaginismus. Mit 27 Jahren dann mal [endlich] Gewissheit.

Immerhin war der Prof. Dr. sehr freundlich, riet mir aber auch, keine therapeutischen Versuche durchzuführen, solange ich in keiner festen Partnerschaft lebe; ich sollte mich aber wieder dort melden, wenn dies mal der Fall sein sollte. Eine spezifische Therapie wäre dann auch kostenfrei möglich bei den Therapeut*innen in Ausbildung dort am Institut. “

Ein offener Umgang mit Sexualität verschlimmert die Scham der Betroffenen

Besonders in unserer Generation der Anfang 20-Jährigen wird in sozialen Medien ein immer offenerer Umgang mit der eigenen Sexualität gepflegt. Das kann empowern. Da senden vor allem viele junge Frauen* die Botschaft: „Ich bin nicht nur Lustobjekt! Ich begehre. Mein Begehren ist mindestens so wichtig wie das eines Mannes* und ich bin Herr*in darüber und lebe meine Sexualität aus.“ Doch weil sexuelle Funktionsstörungen weiterhin ein Tabuthema oder gar völlig unbekannt bleiben, ist es besonders schlimm für Betroffene, wenn beispielsweise im Freund*innenkreis sehr offen über Sexualität gesprochen wird – und vor allem darüber, wie gut der Sex war.

Für Amelie stellt(e) das oft ein Problem dar: „Jetzt im ‚Alter‘ (bin Jahrgang 1990), kann ich besser darüber sprechen, aber natürlich nicht mit jeder*m. Momentan werfen mich häufig so ‚Kleinigkeiten‘ zurück, wenn in größeren Gruppen über tollen Sex oder bestimmte Praktiken gesprochen wird. Auf der einen Seite bin ich natürlich Fan davon, dass solche Themen kein Tabu (mehr) sind, auf der anderen Seite fühle ich mich dabei auch wie der letzte Mensch – nicht mal die normalste/schönste (Neben-)Sache der Welt kannst du.“

„Wenn es um Sexualität geht, geht es nie um Sexualität.“

Yamuna Elke Roßner sagt mir am Telefon, als ich den immer offeneren Umgang mit Sexualität anspreche: „Der Umgang wird nicht immer offener. Er wird respektloser, unsensibler.“ Ich verstehe, was sie damit sagen will. Denn was bei all dem Empowerment bezüglich weiblicher Sexualität auch mitschwingt: Es funktioniert und ich bin nicht (mehr) verletzlich. Dass viele Frauen* beispielsweise ihren durch Missbrauch entstandenen Traumata entgegentreten, indem sie sehr viel Sex haben und offen darüber reden, kann sexuelle Funktionsstörungen verharmlosen. „Wenn es um Sexualität geht, geht es nie um Sexualität“, sagt Frau Roßner. Ich verstehe, was sie meint: Das Problem bei sexuellen Funktionsstörungen liegt oft nicht im organischen, sondern in der Psyche. Und das sollte man nicht ignorieren.

Denn was Übungen mit Metallstäben nicht können: Ängste, Zweifel, anerzogene Tabuisierung und Scham vertreiben. Sie helfen nicht dabei, herauszufinden, warum Sex nicht nur Verkrampfung und Schmerzen auslöst, sondern auch Angst. Und das übrigens auch ohne, dass ein konkretes Schlüsselerlebnis stattgefunden haben muss. Amelie erinnert sich: „Aus meiner Biografie sind mir keine ‚klassischen Traumata‘ wie sexuelle Gewalt oder Ähnliches bekannt, zumindest nicht ‚offiziell‘. Viele denken immer direkt an das Schlimmste, wenn ich davon berichte. Und wenn ich dann beispielsweise eine Vergewaltigung verneine, werde ich direkt in eine unglaubwürdige ‚Die stellt sich doch nur so an‘-Schublade gesteckt.“ Oft werden sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen*, eben weil sie so tabuisiert sind und nur so wenig darüber bekannt ist, nur in Verbindung gebracht mit extrem traumatisierenden und oft mit sexueller Gewalt verbundenen Vorfällen. Das ist aber eben ganz und gar nicht die einzige mögliche Ursache.

Was Amelie beschreibt: Zu früh kam sie mit Pornografie und dabei oftmals toxischer Sexualität in Berührung. Der Druck in der Peergroup kommt dazu – und junge Mädchen* missachten ihre eigenen Bedürfnisse und können ihre Grenzen nicht klar ziehen.

Yamuna Elke Roßner rät davon ab, Vaginismus und sexuelle Schmerzstörungen mit rein körperlichen Übungen zu therapieren. Es brauche einen ganzheitlichen Ansatz und vor allem ein Verständnis für die Rolle von Nähe, Intimität und Vertrauen bei Sexualität, um der Angst und der Scham zu begegnen.

 

*Diese Diagnose setzt sich zusammen aus den beiden Diagnosen Vaginismus (Penetrationsstörung) und Dyspareunie (sexuelle Schmerzstörung), ist allerdings nur im DSM 5 verzeichnet (einem psychiatrischen Diagnosesystem in den USA), nicht dem ICD10.
Die Diagnosen wurden vereint, da die beiden Krankheitsbilder eng miteinander verbunden sind und oftmals schwer voneinander getrennt diagnostiziert werden können. So ist die Angst vor Schmerzen bei vaginaler Penetration charakteristisch für Vaginismus, der Schmerz aber auch charakteristisch für die Diagnose Dyspareunie.

 

**Anm. d. Red.: Namen zum Schutz der Betroffenen von der Redaktion geändert.

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.

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