Wie wir über Abtreibung reden

Wie wir über Abtreibung reden

Ich habe abgetrieben.

Wie es dazu kam, ist relativ schnell erzählt: Ich war gerade 20 geworden, in meinem dritten Semester an der Uni und emotional ging so einiges drunter und drüber. Ich trank und feierte recht viel und rutschte in eine Art Beziehung mit einem Typen, dem es auch nicht besonders gut ging. Diese Beziehung bestand primär daraus, dass ich mich um sein emotionales Wohlergehen kümmerte, über Politik diskutierte, und Sex mit ihm hatte. Wir sprachen dabei nicht über Verhütung: Er ging wahrscheinlich schlicht davon aus, dass ich die Pille nahm, und ich hatte keine Energie, über Kondome und sexuell übertragbare Krankheiten zu reden, nachzudenken oder ihm mitzuteilen, dass ich die Pille auch eher unregelmäßig nahm. Letzten Endes haben wir uns beide unvorsichtig, vielleicht sogar unverantwortlich, verhalten, und dann kam meine Regel eines Tages nicht.

Die Entscheidung für eine Abtreibung fiel mir so leicht wie kaum eine andere Entscheidung in meinem Leben. So leicht, dass ich es schwerer finde, eine vergleichbar leichte Entscheidung zu finden. Ich schaute auf den Schwangerschaftstest, sah den zweiten Strich und wusste sofort: Ich werde abtreiben. Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, mit mir gehadert oder mich zerrissen gefühlt.

Ich hadere auch jetzt nicht mit meiner Entscheidung. Ich weiß, dass ich damals das Richtige getan habe. Ich war wie gesagt 20, hatte einen miesen Nebenjob, keinerlei Plan, wo ich mit meinem Leben hin wollte und wahrscheinlich eine saisonale Depression. Ich hätte mich absolut nicht um ein Kind kümmern können. Und völlig unabhängig davon wollte und will ich das auch nicht. Ich mag Kinder nicht besonders, sie überfordern mich, und ich finde Schwangerschaft und Geburt unfassbar gruselig. Deshalb fiel mir diese Entscheidung so leicht. Und deshalb war meine Abtreibung etwas Positives, etwas Befreiendes für mich.

So, da. Jetzt habe ich etwas gesagt, das ich quasi noch nie irgendjemanden über Abtreibung habe sagen hören.

(K)eine Tragödie

Selbst im Kontext von Pro-Choice-Aktivismus höre ich Schwangerschaftsabbrüche quasi immer als etwas Negatives, etwas zutiefst Trauriges, einen Einschnitt in das Leben einer Person oder etwas, womit die Betroffenen hadern, beschrieben. Und für einige fühlt es sich wahrscheinlich auch so an. Ich verstehe auch total, woher dieses Deutungsmuster kommt: Frauen und andere schwangere Menschen werden von Abtreibungsgegner*innen und Menschen wie Jens Spahn immer wieder als leichtsinnig und unverantwortlich dargestellt. Als würden wir alle sofort zum Arzt oder zur Ärztin rennen und abtreiben, wenn wir auf deren Webseite davon lesen, oder die Pille danach wie Smarties schlucken, wenn wir kein Rezept mehr dafür brauchen. Gleichzeitig werden Personen, insbesondere Frauen, die abtreiben, oft als kaltherzig, egoistisch und gleichgültig ihren potentiellen Kindern gegenüber dargestellt.

Es ergibt also Sinn, diesem Bild entgegen zu treten, und zu versuchen, klar zu machen, dass schwangere Menschen weder leichtsinnig noch kaltherzig noch gleichgültig an das Thema herangehen. Wenn behauptet wird, dass es für „alle“ eine schwere Entscheidung ist, abzutreiben, soll insbesondere diesem Bild der „leichtsinnigen Frau“, der keine Verantwortung anvertraut werden kann, entgegen gewirkt werden. Und das Thema Abtreibung ist stark moralisch aufgeladen, weil die Frage, wo ein Leben beginnt, eine der fundamentalsten moralischen Fragen überhaupt ist. So zu wirken, als würde man es auf die leichte Schulter nehmen, macht eine*n leicht angreifbar.

Die Darstellung von Schwangerschaftsabbrüchen als vor allem ein einschneidendes, primär negatives Erlebnis im Leben einer Person ist auch in feministischen Betrachtungen des Themas weit verbreitet, sowohl explizit als auch implizit. Der Paragraf 218 des Strafgesetzbuches illegalisiert alle Abbrüche, nicht nur die, die gegen den Willen der schwangeren Person vorgenommen werden, gibt aber Richtlinien vor, wann eine Abtreibung straffrei bleibt. Dazu gehört unter anderem die Beratungspflicht und eine Fristenregelung. Wenn gefordert wird, diesen Paragrafen abzuschaffen oder zu reformieren, wird oft darauf verwiesen, dass die Lage für ungewollt schwangere Personen doch schon ein ausreichend schlimmer Konflikt sei, und die Beratung nur weiteren unnötigen Druck aufbauen würde. Dass es auch Menschen gibt, für die die Entscheidung gegen eine Schwangerschaft überhaupt nicht konfliktbehaftet ist, wird ausgeblendet.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie auch Feminist*innen die Stigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen aufrecht erhalten, ist die Ablehnung des Begriffes „Pro-Abtreibung“. Auf den Vorwurf von Abtreibungsgegner*innen, man sei Pro-Abtreibung wird oft erwidert, dass das nicht stimme, weil man ja „Pro-Choice“ sei, also dafür, dass Frauen und andere schwangere Menschen frei wählen können und nicht dafür, dass Menschen abtreiben. Abtreibung wird als so negativ dargestellt, dass man unmöglich dafür sein könnte. Aber meiner Meinung nach tun Feminist*innen und Pro-Choice-Aktivist*innen Menschen wie mir, die abgetrieben haben, keinen Gefallen, wenn Abtreibungen fast ausschließlich als eine Krise dargestellt werden.

Frauenfeindliche Idealbilder und Stigma

Mutter sein wird immer noch als die primäre Rolle von Frauen gesehen, und die Tatsache, dass trans Frauen keine Kinder austragen und gebären können, wird oft als Begründung dafür genutzt, warum sie keine „echten“ Frauen seien. Gleichzeitig wird von Frauen erwartet, die Wünsche und Bedürfnisse der Männer in ihrem Leben zu priorisieren, insbesondere in heterosexuellen Beziehungen. Eine Schwangerschaft abzubrechen – insbesondere gegen den Wunsch des anderen potentiellen Elternteils – widerspricht dem, was das Patriarchat als natürliche Aufgaben der Frau sieht. Es ist fundamental unweiblich. Deshalb wird cis Frauen, die abgetrieben haben, in unserer patriarchal geprägten Gesellschaft mit Ablehnung begegnet.

Das macht das Reden über Abtreibung unfassbar schwer. Ich habe meinen Freund*innen damals recht schnell erzählt, dass ich ungewollt schwanger war, weil ich ihre Hilfe wollte – aber betrunken, auf einer Party, weil ich mir Mut antrinken musste. Fast ein Jahr lang habe ich es sonst niemandem erzählt, in keinem Kontext – selbst dann nicht, wenn es konkret um das Thema ging. Inzwischen gehe ich damit offensiver um: Ich binde es den Leuten nicht auf die Nase, aber wenn es um das Thema geht – was in den linken, feministischen Kreisen, in denen ich mich bewege, schon mal vorkommt – erwähne ich manchmal, dass ich abgetrieben habe. Aber auch wenn ich mit meiner Entscheidung absolut im Reinen bin, habe ich ein bisschen Herzrasen, wenn ich es erwähne, weil ich mir Sorgen um die Reaktion der anderen mache. Auch beim Schreiben dieses Artikels habe ich Herzrasen. Aber ein paar Mal kamen andere Menschen auf mich zu, nachdem ich meine Abtreibung erwähnt habe, und haben mir gesagt, wie gut sie es finden, dass ich offen damit umgehe. Und einmal kam jemand auf mich zu, weil die Person konkrete Fragen hatte.

Ich hätte gerne, als ich selber ungewollt schwanger war, jemanden gehabt, der die Situation kannte und mir hätte helfen können. Aber ich weiß nicht, ob es so jemanden in meinem damaligen persönlichen oder politischen Umfeld gegeben hätte, weil man nicht über das Thema redete. Selbst in meinem durchgehend feministischen Freund*innenkreis nicht. Und ich kenne auch keinerlei Projekte, die solche Gespräche ermöglichen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich selbst recht offensiv mit meiner Entscheidung umgehe: Wenn jemand in meinem Umfeld in der Situation ist, soll die Person wissen, dass sie sich an mich wenden kann.

Schuldgefühle und wie es weiter geht

Aber dadurch, dass ein Schwangerschaftsabbruch selbst in progressiven Kreisen als eine Art Tragödie gilt, gilt sie auch als etwas Privates. Über Tragödien spricht man nicht öffentlich, insbesondere, wenn sie vermeidbar gewesen wären – und bei ungewollten Schwangerschaften wird eigentlich immer davon ausgegangen, dass sie vermeidbar waren. Genauso rede ich ja auch selbst über meine ungewollte Schwangerschaft: als einen vermeidbaren, dummen Ausrutscher. Dieses Element der angeblichen Vermeidbarkeit und das Zuwiderhandeln gegen die soziale Konditionierung, als weiblich sozialisierte Person immer die Bedürfnisse der anderen über die eigenen zu stellen, macht Abtreibung zu etwas, wofür man sich schämen sollte, zu einem Tabubruch. Zu etwas, worüber man nicht wirklich spricht, erst recht nicht in größeren Runden oder öffentlich. Abtreibung ist ein Thema, wonach man nicht fragt, egal, aus welchen Gründen, und egal in welchen Kontexten. Das isoliert insbesondere Menschen, die selber ungewollt schwanger sind und sich Rat wünschen.

Ich habe mich in der Beschäftigung mit meiner Abtreibung auch isoliert gefühlt, und manchmal seltsam. Tatsächlich habe ich schon kurze Zeit später mein Leben normal weitergelebt, ohne groß darüber nachzudenken. Und inzwischen beschäftigt mich die Tatsache, dass ich abgetrieben habe, und was das für mich bedeutet, nicht mehr. Ich denke nur noch manchmal, wenn ich mich politisch mit dem Thema auseinandersetze, daran, so wie Mitte Juni, als ich bei den Gegenprotesten zum „Marsch für das Leben“ in Annaberg-Buchholz war. Gelegentlich bin ich mir nicht mal mehr sicher, wie lange es überhaupt her ist. Eines Tages wird es vielleicht nichts anderes als eine verschwommene, vage Erinnerung sein. Und die Tatsache, dass es so mich so wenig beschäftigt und so wenig traurig macht, führt dazu, dass ich mich seltsam fühle. Als wäre ich egoistisch und irgendwas mit mir nicht ganz richtig, als müsste ich in Wahrheit trauriger sein. Als würde mich die Tatsache, dass mir meine eigene Abtreibung eigentlich irgendwie fast egal ist, zu einem schlechten Menschen machen. Als müsste ich quasi wegen meines Frau-seins anders fühlen.

Dabei ist dieses seltsame Schuldgefühl eigentlich völlig unnötig und vermeidbar. Die Tatsache, dass ich den Schwangerschaftsabbruch nicht als einschneidendes, tragisches Erlebnis wahrnehme, ist etwas Gutes. Ich sollte froh darüber sein, dass es mich nicht belastet, abgetrieben zu haben. Aber lebenslange Traurigkeit und ein schlechtes Gewissen werden oft als die verdiente Strafe dafür, abgetrieben zu haben, dargestellt. Und der innere Konflikt, den ungewollt schwanger sein bedeutet, als die Strafe dafür, beim Verhüten nicht vorsichtig genug gewesen zu sein. Feminist*innen und Pro-Choice-Aktivist*innen erhalten ungewollt dieses Bild am Leben, wenn sie Abtreibung weiter als etwas durchgehend Tragisches darstellen.

Ungewollt schwanger zu sein ist keine besonders angenehme Situation. Im Zweifelsfall ist die Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch eine schwere, bei der viele Faktoren mit einzubeziehen sind. Und eine Abtreibung ist kein leichter medizinischer Eingriff. Aber keins von beidem ist automatisch eine Tragödie, ein schwerer Einschnitt in das eigene Leben oder ein Trauma. Und für einige Menschen ist die Entscheidung für eine Abtreibung sogar unfassbar leicht, und eine Abtreibung ein Befreiungsschlag. Jede Frau und jeder Mensch, der ungewollt schwanger wird, erlebt das Ganze anders. Wir sollten das anerkennen, und auch so darüber reden.

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