5 Gründe für eine geschlechtergerechte Sprache

5 Gründe für eine geschlechtergerechte Sprache

Am 8. Juni 2018 diskutiert der Rat der Deutschen Rechtschreibung erstmals über geschlechtergerechtes Schreiben. Aber warum ist es eigentlich von Bedeutung, ob Menschen mit der männlichen oder weiblichen Form bezeichnet werden?

Unter „geschlechtergerechter Sprache“ versteht man einen „Sprachgebrauch […], der darauf abzielt, die Gleichstellung der Geschlechter zum Ausdruck zu bringen“, sagt Wikipedia. Damit ist gemeint, dass Texte entweder die verschiedenen Geschlechter sichtbar machen (beispielsweise „Studentinnen und Studenten“ oder auch „Student*innen“) oder auf geschlechtsneutrale Bezeichnungen ausweichen (in diesem Falle „Studierende“). Texte, die nach diesen Regeln entstanden sind, bezeichnet man auch als „gegendert“.

Demgegenüber steht das „generische Maskulinum“. Davon spricht man, wenn in Texten oder auch gesprochener Sprache die männliche Form eines Wortes auch dann verwendet wird, wenn das Geschlecht der gemeinten Person weiblich oder unbekannt ist oder mehrere Personen verschiedenen Geschlechts gleichzeitig gemeint sind.

Feminist*innen leisten dagegen schon seit vielen Jahren Widerstand. In der breiteren Öffentlichkeit wurde im März wieder einmal darüber diskutiert. Die Autorin und Feministin Marlies Krämer hatte die Sparkasse verklagt, weil diese all ihre Kund*innen als „Kunden“ bezeichnet, also durchgehend die männliche Form verwendet. Vor dem Bundesgerichtshof hatte Frau Krämer keinen Erfolg: Laut Urteil verstoße die männliche Ansprache nicht gegen das Gleichbehandlungsgesetz, denn sie benachteilige Frauen nicht generell. Und überhaupt sei die männliche Ansprache schon „seit 2000 Jahren“ so üblich, hieß es in der Begründung.

Die Diskussionen rund um das Urteil fielen besonders in den Kommentarspalten sozialer Medien sehr aggressiv und emotionsbeladen aus. Mit Zähnen und Klauen wurde das generische Maskulinum verteidigt und das Gendern als „sprachentstellender Unfug“ bezeichnet. Dabei gibt es gute Gründe für eine geschlechtergerechte Sprache. Fünf wichtige wollen wir hier erläutern.

1.) Geschlechtsspezifische Wörter sind in vielen Sprachen üblich

Deutsch ist eine Sprache, die Geschlechtlichkeit zum Ausdruck bringt. Wörter können an das grammatikalische wie biologische Geschlecht angepasst werden und verändern sich dadurch – deutlich wird das zum Beispiel bei Berufsbezeichnungen. So ist eine forschende Frau eine Forscherin, statt ein Forscher und gemischte Gruppen beinhalten neben Forschern auch Forscherinnen.

Gerne tun Gegner*innen einer geschlechtergerechten Sprache so, als sei das eine deutsche Absonderlichkeit. Sie verweisen auf andere Sprachen, die das angeblich alle nicht täten. Das ist aber nur halb wahr. Tatsächlich gibt es Sprachen ohne grammatikalische Anpassung ans Geschlecht, zum Beispiel Schwedisch. Für die englische Sprache gilt das bis auf Ausnahmen wie „actress“ ebenfalls. Anders sieht es bei den romanischen Sprachen aus: beispielsweise kennen Latein, Spanisch und Französisch weibliche Formen.

Das heißt: Verschiedene Geschlechter zu berücksichtigen, ist in diversen Sprachen grammatikalisch möglich. Es ist keine Fantasieform, die sich Feminist*innen ausgedacht hätten, um die deutsche Sprache zu verhunzen.

Allerdings verwenden viele Sprachen in gemischten Gruppen trotzdem die männliche Form, also das generische Maskulinum. Aber warum eigentlich?

2.) Das generische Maskulinum stammt aus einer Zeit, in der Frauen gar nicht „mitgemeint sein“ sein sollten

Wir feiern 2018 das hundertste Jubiläum des Frauenwahlrechts in Deutschland. Davor galten Frauen nicht als politische Subjekte und spielten im öffentlichen Raum über Jahrhunderte keine ernstzunehmende Rolle. In den vergangenen hundert Jahren hat sich das massiv gewandelt: Seitdem dürfen Frauen die Politik mitgestalten. Das Grundgesetz verpflichtet seit 1949 Gesetzgebende dazu, für Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu sorgen. Seit 1957 dürfen Frauen auch ohne Erlaubnis ihres Ehemannes eigene Konten eröffnen. Sparkassen werben nicht mehr nur um Männer, sondern auch um Frauen (auch wenn sie diese dann „Kunde(n)“ nennen und von Marlies Krämer dafür verklagt werden).

Die gesellschaftliche Grundlage, Frauen sprachlich zu missachten, ist also längst nicht mehr gegeben. Trotzdem gibt es Menschen, die dieses veränderte Verhältnis sprachlich nicht abbilden wollen. Zum Beispiel, weil sie das generische Maskulinum so sehr verinnerlicht haben, dass sie es nicht als negativ empfinden. Das betrifft nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Manche Frauen sagen auch, dass sie nicht immer wieder auf ihre Geschlechtlichkeit reduziert werden wollen, wenn diese für den Kontext gar keine Rolle spielt (oder spielen sollte). Es sei doch egal, ob da „Forscherin“ oder „Forscher“ stünde, wichtig sei doch nicht das Wort, sondern die Arbeit dahinter. Sie möchten lieber über ihre eigenen Leistungen, ihre Person definiert werden. Also das, was für Männer selbstverständlich erscheint.

Insgesamt haben Frauen im Zuge ihrer Emanzipation stets versucht, Zeichen der privilegierten Männlichkeit für sich zu erschließen: Zum Beispiel, indem sie anfingen, Hosen zu tragen oder arbeiten zu gehen. Diese Dinge sind unzweifelhaft praktisch, denn sie sorgen für Selbstständigkeit innerhalb der Gesellschaft. Aber: Während diese gesellschaftlichen Veränderungen Frauen hat aufsteigen lassen, wurden als „männlich“ konnotierte Eigenschaften und Tätigkeiten weiter als erstrebenswert erachtet, wohingegen „weiblich“ konnotierte zusätzlich abgewertet wurden. Kein Wunder, dass die männliche Ansprache dann gar nicht so abschreckend wirkt!

Aber was passiert, wenn Weiblichkeit unsichtbar wird?

3.) Das generische Maskulinum setzt „den Mann“ als neutralen Standard und erklärt Frauen zur Abweichung

Dem Standard zu entsprechen bedeutet Macht. Denn wer diesem Standard entspricht, dessen Bedürfnisse sind sichtbar, gelten als normal und damit als zuerst zu befriedigen. Abweichungen von dieser Norm stellen einen Ausreißer dar und werden deswegen auch nicht im selben Ausmaß berücksichtigt. Es geht bei der Verwendung des generischen Maskulinums daher auch um gesellschaftliche Deutungshoheit.

Erkennbar ist das beispielsweise an der Arbeitswelt: Nach der Ausbildung wird möglichst ununterbrochen bis zur Rente gearbeitet, am besten in Vollzeit, inklusive Bereitschaft zu Überstunden und Dienstreisen. In vielen Firmen ist diese Art zu arbeiten immer noch das vorherrschende Modell. Das sorgt für Vereinbarkeitsprobleme bei Menschen, die sich um Familienmitglieder kümmern, also kleine Kinder oder Pflegebedürftige – nach wie vor sind das eben häufig Frauen.

Wenn man jetzt sprachlich nur Männer abbildet, wirkt das frauentypische Vereinbarungsproblem wie etwas, das nur eine Minderheit betrifft und worum man sich nicht allzu dringend kümmern muss, weil andere Dinge für die Gesamtgesellschaft wichtiger seien.
Tatsächlich denken Menschen bei der Verwendung männlicher Berufsbezeichnungen eben in erster Linie an männliche Vertreter – gerade in Berufen, die bis heute verstärkt männlich besetzt sind (Link zu einer Beispielstudie). Frauen mögen zwar mit gemeint sein, bleiben aber unsichtbar – und damit auch ihre spezifischen Bedürfnisse. Zusätzlich zur „neutralen“ männlichen Form die weibliche zu verwenden, kann hier helfen.

4.) Männlichkeit ist nicht neutral

Die Vorstellung, der Mann sei die Reinform des Menschen, findet sich schon im Alten Testament. Dort formt Gott Adam, den ersten Mann, aus roter Erde. Seine Gefährtin Eva stellt Gott aus Adams Rippe her – die Frau entsteht als Abwandlung des Mannes. Die Vorstellung einer „Neutralität“ der Männlichkeit ist also kulturell tief verankert. In diesem Punkt sieht die Journalistin und Bloggerin Antje Schrupp den Grund, warum so viele Leute sich für das generische Maskulinum aussprechen. In diesem Blogeintrag erklärt sie, dass es nötig sei, sich mit Männlichkeit als besonderer Geschlechtlichkeit auseinanderzusetzen, herauszufinden, was an ihr spezifisch sei.

Doch eine solche Auseinandersetzung mit Männlichkeit als besondere Ausprägung bliebe nicht folgenlos. Sie würde dadurch mit dem Anspruch auf Normgebung verlieren sowie an Deutungshoheit und an Einfluss auf Prioritätensetzung innerhalb der Gesellschaft.
Deswegen sei die Forderung nach inklusiver Sprache auch keine „Sprachkosmetik“, sondern greife einen „Grundpfeiler unserer Kultur“ an, schreibt Antje Schrupp – eine Kultur, die auf einer Schieflage zwischen Mann und Frau aufgebaut ist und damit Nachteile für rund die Hälfte der Menschen mit sich bringt.

Aber reicht es dann überhaupt, sich neben den Frauen nun auch die Männer genauer anzugucken?

5.) Geschlechtergerechte Sprache umfasst noch viel mehr als Männer und Frauen

Es gibt verschiedene Arten zu gendern. Bis vor einigen Jahren war das sogenannte „Binnen-I“ der Versuch, Männer wie Frauen zu benennen (KindergärtnerInnen). Diese Variante wurde abgelöst von „Gendersternchen“ (Chirurg*innen) und „Genderlücke“ (Mechatroniker_innen), die neben männlichen und weiblichen Ausprägungen auch Platz für alle dazwischen bieten möchten. Ausgeixte Varianten (Latinx) möchten auch alles darüber hinaus einschließen. Absichtlich genderlose Formen (Fachkräfte, Reinigungspersonal) sind auch eine Option, alle gemeinten Personen unabhängig von ihrem Geschlecht abzubilden. Hier findet also auch ein Aufbrechen einer binären Geschlechtskonstruktion statt – und ein erster Schritt zu einer inklusiven Sprache.

Gemeinsam ist nämlich all diesen Versuchen gendersensibler Sprache, dass sie von Sprechenden und Schreibenden verlangt, sich Gedanken darüber machen, wen sie eigentlich wirklich ansprechen wollen – und wen nicht. Zum Beispiel, dass wir nicht automatisch Frauen meinen, wenn wir von Schwangeren sprechen wollen, sondern vielmehr Menschen, in deren Uterus sich eine befruchtete Eizelle eingenistet hat. Zu diesen Menschen können außer Frauen auch noch trans Männer gehören oder Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau definieren. In diesem Moment löst sich auch die Reduktion bestimmter Themen auf „Frauen-“ oder „Männerthemen“ auf.

Gendersensible Sprache lässt Platz für Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften – und den damit zusammenhängenden Erfahrungen. Das ist wichtig, da wir in einer Welt leben, die Menschen anhand von Eigenschaften in Schubladen steckt. In einer solchen Welt kommt es zu Diskriminierung aufgrund dieser Schubladen. Um diese Diskriminierung überwinden zu können, müssen wir hinschauen und darüber reden (können) – aber das ist nur machbar, wenn es sprachliche Möglichkeiten dafür gibt. Deswegen reicht es auch nicht, zu sagen „Das sind doch alles Menschen, das muss man doch nicht alles aufschlüsseln!“ Denn solange Schubladendenken und darauf basierende Diskriminierung bestehen, müssen wir das eben doch tun.

Gendersensibilität ist erst der Anfang!

Geschlechtlichkeit ist nur eine der Schubladen, in die Menschen einsortiert werden und anhand derer sie diskriminiert werden können. Und deshalb ist Gendern auch nicht der Endpunkt inklusiver Sprache, sondern nur ein Aspekt davon. Sprache kann (und sollte) auch sensibel mit anderen Formen der Diskriminierung umgeben, beispielsweise mit Rassismus (Diskriminierung aufgrund der (vermuteten) Abstammung), Lookismus (Diskriminierung aufgrund des Aussehens), Klassismus (Diskriminierung aufgrund der sozialen Position, etwa „Unterschicht“) . Denn auch für diese Felder gilt: Probleme können wir erst dann lösen, wenn wir sie auch benennen (können).

Sabrina hat Kommunikationswissenschaft studiert und macht beruflich was mit Medien. Privat hört sie am liebsten politische Podcasts, während sie feministische Statements auf Kuscheltiere stickt und Tee aus eimergroßen Tassen trinkt.