Here’s to Hip Dips. Oder auch: Zunahme in der Recovery.

Here’s to Hip Dips. Oder auch: Zunahme in der Recovery.

Here’s to HipDips. Oder auch: Gewichtszunahme in der Recovery

Here’s to HipDips*. Noch nie gehört? Lucky you. Für mich waren sie lange Zeit nur ein weiterer Grund, immer wieder in alte Restriktionen und Ess-Muster zu verfallen.

Trigger-Warnung: Ess-Störungen

Als ich 19 Jahre alt war, sagte mir ein sieben Jahre älterer Mann, ich hätte die perfekte Figur. Das bestätigte mich in dem, was ich tat: Restriktion, Sport, Reduzierung auf meinen Körper und seine Form. Ich war zu dieser Zeit an der Grenze zum Untergewicht. Jetzt, sechs Jahre später und einige Therapiestunden weiter, wiege ich mehr. Wie viel, das weiß ich nicht. Das ist auch nicht wichtig. Lange Zeit war die Waage mein Instrument der Wahl, bestätigte mich in meinen Erfolgen und setzte immer niedrigere Ziele. Mein damaliger Freund klebte eines Tages einen Zettel drauf. Da stand sowas wie „Dieses Gerät zeigt dir nicht an, wie schön, wie schlau und wie liebenswert du bist.“ – ich ließ ihn kleben und stierte auf die Zahl, die der Zeiger mir zuwies.

Irgendwann, als das restriktive Essverhalten sich umwandelte in andere Kompensationsmechanismen, und ich mich den Berg hochkämpfte, den der Weg der Recovery bedeutet, verabschiedete ich mich von der Waage. Ich redete mir ein, eine Zahl definiere nicht meinen Wert, es gehe darum, ob ich mich gut fühlte, mit dem, was der Spiegel mir zeigte. Das stimmt auch, doch ich war nicht ganz ehrlich zu mir selbst: Ich hatte Angst, dass der Zeiger mir, einem drohend erhobenen Zeigefinger gleich, tagtäglich mein Versagen aufzeigen würde, würde ich mich doch wieder auf die Waage stellen. Ich machte viel Sport, ach na klar, Muskeln wiegen mehr als Fett.

Irgendwann, als ich auf Reha fuhr, weil ich den Weg einfach nicht mehr alleine bewältigen konnte, wurde ich gewogen. Ein zweites Mal im selben Jahr, als ich wegen einer Mandel-OP ins Krankenhaus musste. Beide Male fiel ich aus allen Wolken und schwor mir, schnell wieder auf meine 50Kilogramm runter kommen zu müssen.

Schrankleichen wie ein Rock, den ich mit 17 gekauft hatte, oder eine Shorts, die ich nur ein Jahr vor der Reha kaufte, schwebten wie eine dunkle Wolke über mir. Sie wisperten mir aus der hintersten Schrankecke hämisch zu, steckten ein Ziel, was ich irgendwann wieder erreichen wollte, malten eine Vision von all den Kilos, die ich verlieren müsste, um wieder liebenswert zu sein.
Und dann waren da noch die Hip Dips. Diese sind anatomisch ebenso vorherbestimmt wie die Länge der Finger und die Farbe der Haare – trotzdem wurden sie bei mir eben deutlicher. Das mag auch damit zusammen hängen, dass ich kein Mädchen mehr war, sondern inzwischen eben eine junge Frau. Dass der Körper sich zwischen 20 und 30 extrem verändert, wollte ich einfach nicht wahrhaben, sondern habe es als mein eigenes Versagen ausgelegt.

Und noch heute schaue ich weg, wenn ich bei Arzt gewogen werde. Noch heute hasse ich es, Jeans kaufen zu gehen. Noch heute ziehe ich instinktiv den Bauch ein, stehe ich vor dem Spiegel. Noch heute frage ich mich immer wieder, wieso ich es nicht mehr schaffe, nicht mehr diszipliniert genug bin, diesen weichen Körper, den ich als viel zu viel empfinde, runter zu trimmen auf das, was eine gesellschaftlich gefeierte Form ist. Aber es gibt auch gute Tage, es gibt Tage, an denen mir der Perspektivwechsel beinahe mühelos gelingt: An denen ich die Frau sehe und nicht das jugendliche Mädchen. An denen ich die Form meiner Brüste mag und an denen ich (Gott bewahre) sogar nackt vor dem Spiegel tanze. All das habe ich mit 18/19 Jahren nie getan, damals, als ich zu wenig wog und trotzdem abnehmen wollte. Ich war abhängig von Maßen, die mir bewiesen, dass das, was ich war, gesellschaftlich anerkannt war, als schön galt, als nicht zu viel, als wenigstens gut genug.

Und dazwischen? Da liegt eine Zeit, die durch einen ständigen inneren Kampf bestimmt war. Der Kampf, den ich noch immer austrage, den ich aber inzwischen öfter gewinne zu Gunsten der natürlichen Bedürfnisse meines Körpers. Die Zeit dazwischen, in der ich ständig ein mulmiges Gefühl hatte, weil ich mir beim Versagen zusah, welches die für die Recovery notwendige Gewichtszunahme für mich bedeutete. Weil ich Hilfe suchte, die ich meinte nicht zu verdienen. Dieses Gefühl ist oft eng verbunden mit Essstörungen: Nicht gut genug zu sein, in diesem Falle eben nicht dünn genug für Hilfe, nicht wertvoll genug für Zuneigung.

Was einem hilft weiterzugehen und ständig diesen ermüdenden Kampf zu führen, ist das Urvertrauen in unseren Körper wieder zu erlernen. Das ist immer irgendwo da, aber wir verstecken es, schieben es weg, stellen es in Frage. Wenn unser Körper nun falsch liegt? Wenn wir nicht mehr in gesellschaftliche Ideale passen, wenn wir ihm nachgeben, auf ihn hören?
Das Schlimme an diesen Idealen ist: Man sieht nur die Hülle. Man sieht nicht, was alles womöglich auf der Strecke bleibt. Diese Ideale bügeln glatt, was die Natur mühsam mit Vielfalt beschenkt hat: Womit wir wieder beim Anfang wären. Hip Dips sind angeboren, der Set Point ist individuell verschieden und am glücklichsten kann man sein, wenn man wieder lernt, seinem Körper zu vertrauen. Und ihn zu lieben, auch wenn er nicht mehr in die Kleider passt, die man damals trug, als man vielleicht dem Ideal entsprach.

 

*“Als ‚Hip Dips‘ bezeichnet man die Dellen, die an den Seiten der Hüften entstehen, die also quasi zwischen Hüfte und Oberschenkel sitzen. Das führt dazu, dass Frauen nicht die gesellschaftlich gefeierte „Sanduhr-Figur“ haben, sondern sozusagen einen „Knick“ in der Silhouette haben.“ (gofeminin.de)

 

 

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.