Der Mythos der geheilten Essstörung

Der Mythos der geheilten Essstörung

Dieser Artikel behandelt Essstörungen mit detaillierten Ausführungen.

 

Essstörungen, so suggerieren uns Medien in Form von Filmen, dramatischen Reportagen und reißerischen Klatschzeitungen, sind ein Teufelskreis. Ein Kreis, der fast unmöglich zu durchbrechen ist, und dem nur durch komplette Heilung entkommen werden kann. Dieses Bild ist jedoch naiv, verzerrt und ziemlich gefährlich, denn nicht nur wird es offensichtlich von Menschen geprägt, die nie selbst von Essstörungen betroffen waren, es ist auch verdammt demotivierend. Denn während man von einer Essstörung betroffen ist, erscheint es einem selbst fast unmöglich, jemals „geheilt“ zu werden. Heilung, das suggeriert eine komplette Kehrtwende, eine Welt, die nicht von Essen, Kalorien, Sport und Selbsthass geprägt ist. Kurz gesagt, aus Betroffenenperspektive erscheint diese sagenumwobene komplette Heilung unerreichbar. Heilung klingt nach einem Endpunkt, den man erreicht, stattdessen benutze ich lieber Recovery, den englischen Begriff, der jedoch eher einen Prozess oder auch Weg beschreibt, statt eines Ziels. Es ist nicht alles aussichtslos. Denn so ausgelutscht es auch klingt, es kann besser werden! Wir müssen Essstörungen endlich als reguläre psychische Krankheiten begreifen, die zwar unfassbar bedrohlich, mit viel Geduld, Zeit und vor allem professioneller Hilfe oft aber in den Griff zu bekommen sind.

Ich lebe mit Essstörungen seit 13 Jahren. Seit acht Jahren arbeite ich daran, diese Essstörungen ertragbar zu machen und ihnen nicht nachzugehen. Seit einigen Jahren stehen mir dazu auch Therapeutinnen zur Seite. Von außen würden Leute sagen, ich habe es geschafft, ich bin eine dieser wundersamen Heilungen. Doch so einfach ist es nicht. Hier möchte ich mit einigen diesbezüglichen Mythen aufräumen und gleichzeitig Betroffene motivieren, sich Hilfe zu suchen.

Die Essstörungen verschwinden nicht einfach, doch sie können kleiner werden

Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht einen einzigen destruktiven Gedanken bezüglich meines Körperbildes und Nahrungsaufnahme habe. Ich dachte zu Beginn meiner Therapie, Therapie bedeutet, dass diese Gedanken verschwinden. Ich weiß nicht, ob das jemals so sein wird, doch, und das ist ein wichtiger Unterschied zu früher, diese Gedanken nehmen kaum mehr Raum in meinem Alltag ein. Früher drehte sich mein gesamtes Leben um Essen, wie ich es reduzieren, erbrechen oder sogar aufgeben könnte. Für jede Nahrungsaufnahme habe ich mich psychisch sowie durch selbstverletzendes Verhalten, Erbrechen und Sport bestraft. Das ist vorbei. Die täglichen kurzen negativen Gedanken sind zwar da, doch sie beeinflussen meinen Alltag und mein Leben nicht mehr, ich messe ihnen keine Bedeutung mehr bei. Ich kann heute rationalisieren, dass diese Gedanken Symptome meiner Krankheit sind, Symptome, die vorbeigehen, wenn ich mich stattdessen mit positiven Dingen beschäftige. Waren die Essstörungen früher ein riesiger Elefant, der auf meiner Brust saß, haben sie jetzt die Größe eines Sandkorns.

Es gibt gute und schlechte Tage

Wie bei vielen psychischen Krankheiten, gibt es Tage, an denen die Krankheit sich kaum bemerkbar macht und einige Tage, an denen sie viel Raum einnimmt. Recovery bedeutet für mich nicht, dass ich diese Tage nie mehr habe, die Tage, an denen ich in keinen Spiegel gucken kann. Recovery bedeutet für mich, Methoden zu haben, mit diesen Tagen umzugehen und nicht in destruktive Verhaltensweisen zurückzufallen.

Negative Körperbilder gibt es unabhängig von Essstörungen

In meiner Vorstellung bedeutete Recovery, plötzlich keine Probleme mehr mit meinem Körperbild zu haben. So dachte ich auch, dass ich einfach nur dünner und schöner werden müsse, damit ich mich endlich weniger hassen könnte. Mittlerweile bin ich an einem Punkt, wo ich sagen kann, dass ich meinen Körper so liebe und akzeptiere, wie er ist. Das heißt aber nicht, dass ich nicht manchmal, ganz unabhängig von den Essstörungen, denke, dass ich, beziehungsweise Teile von mir, dünner, größer, besser und hübscher sein könnten. Unsicherheiten sind normal und ich muss mich nicht als makellos empfinden, um meinen Körper so anzunehmen wie er ist und ihn nicht mehr zerstören zu wollen.

Ein Rückfall zerstört nicht alles

Manchmal, egal wie hart man an sich arbeitet und egal, welche tollen Fortschritte man mit sich selbst oder in Therapien macht, kann man in alte Muster zurückfallen. In meiner Anfangszeit der Recovery hatte ich mit mehreren Rückfällen zu kämpfen, in denen ich beispielsweise Essen erbrochen oder obsessiv Kalorien gezählt habe. Wenn man Recovery als lebenslangen Prozess begreift, wird einem klar, dass solche Rückfälle nicht ausgeschlossen sind. Aber das ist okay. Rückfälle fühlen sich scheiße an, aber solange man so schnell wie möglich die lange getesteten und bewährten Hilfsmittel und Methoden ergreift, ist man nur gestolpert, nicht gefallen. Womit wir zum letzten Punkt kommen:

Niemals aufgeben

Egal wie schwer es ist, egal ob man seit Jahren in Recovery oder noch meilenweit entfernt davon ist, denkt immer daran: Es kann immer besser werden. Vielleicht seid ihr heute noch nicht bereit, euch jemandem anzuvertrauen, oder therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das heißt nicht, dass ihr den Gedanken ganz wegschieben müsst. Es ist nie zu spät. Begreift jede Hilfe, die ihr bekommen könnt, als Chance, nicht als Strafe. Gebt. Niemals. Auf.

Erste Infos und Hilfe bekommt ihr hier: www.bzga-essstoerungen.de

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