Identitäre Bewegung in Halle – Kick them out stellt sich dagegen

Identitäre Bewegung in Halle – Kick them out stellt sich dagegen
In Halle an der Saale hat im April 2017 die Identitäre Bewegung ein Hausprojekt bezogen. Eine Gruppe hat sich zusammengefunden, um gegen die Identitäre Bewegung im Allgeneinen und in Halle im Besonderen aktiv zu werden – Kick them out! Amelia, Jana, Lena und Benjamin (Namen von der Redaktion geändert*) sind bei Kick them out! aktiv und haben mir ein paar Fragen beantwortet.

Die Gruppierung, die sich Identitäre Bewegung nennt, verfolgt eine völkisch-nationalistische Agenda, die auf Ausgrenzung des Islam zielt. Ideologisch sind sie der kultur-rassistischen „Neuen Rechten“ zuzuordnen, die eine angebliche „europäische Identität“ gegen jegliche kulturelle Veränderung konservieren wollen. Die Identitäre Bewegung, auch Identitäre oder IB genannt, sind nach Amelias Einschätzung Neonazis. „Gleichzeitig widersprechen die Identitären an einigen Stellen dem klassischen Bild des Neonazis, weshalb viele Leute so tun, als wären sie keine. Aber die Ideologie der Identitären ist eine klassisch neofaschistische rechtsextreme Ideologie, nur in akademischer klingenden Worten verpackt.“ Benjamin merkt an, dass er in den letzten Jahren eine gesellschaftliche Entwicklung beobachte, die Rassismus und Chauvinismus salonfähig mache. Da würden die Identitäten mit ihrer „schicken Fassade“ gut reinpassen. „Deswegen sind diese Neonazis auf eine andere Art gefährlich als zum Beispiel die NPD. Denn sie bekommen Platz in den Medien und wirken eloquenter. Sie stoßen in Teilen der Gesellschaft auf fruchtbaren Boden. Das ärgert mich sehr. Allerdings sollte man die IB nicht isoliert betrachten. Sie muss eingebettet werden in die AfD, das „Institut für Staatspolitik“, Gruppierungen wie Pegida und natürlich die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung“, fordert Jana.

Die Kampagne Kick them out! (dt.: „Werft sie raus!“) entstand 2017 aus dem offenen Antifa-Plenum heraus, als klar wurde, dass die Identitären ein Hausprojekt beziehen werden. „Daraufhin organisierten wir die erste Demonstration, zu der 800 Menschen

Mahnwache der Initiative vor dem Haus der Identitären

kamen, was uns damals selbst ziemlich überrascht hat. Das Ziel war jedoch von Anfang an, langfristig und kontinuierlich gegen das Hausprojekt zu protestieren“, erzählt Jana. Im Anschluss wurde die Kampagne für Interessierte geöffnet, so dass nun viele Einzelpersonen mitarbeiten. Das Ziel der Gruppe ist angelehnt an ein Zitat der iranischen Frauenbewegung: „Freiheit ist nicht östlich und nicht westlich, sie ist universell.“ Lena betont: „Das ist da nicht aus Zufall drin, sondern bewusst, weil wir letzten Endes als Antifaschist*innen für genau diese universelle Freiheit einstehen wollen.“

 

Es geht darum, die Identitären aus ihrem Haus und, weiter gedacht, aus dem öffentlichen Raum rauszuwerfen

Auf die Frage, ob der aggressiv klingende Name Kick them out! Programm sei, antwortet Amelia, dass die Identitären sie wütend machten: „Weil Neonazis wie die Identitären menschenverachtende, von Vernichtungsfantasien geprägtes Gedankengut verbreiten, die das Leben und die Unversehrtheit von Menschen bedrohen. Zum einen natürlich auch von Menschen, die ich sehr gerne habe – aber auch, weil es mich aus Prinzip wütend macht, wenn Menschen anderen Menschen aufgrund ihrer „Kultur“ Freiheit entziehen wollen. Das sollte empathische Menschen wütend machen. Eigentlich sollte es alle Menschen wütend machen.“ Lena stellt klar, dass Gewalt für Kick them out! keine Aktionsform sei, die Gruppe sich aber solidarisch zeige mit allen, die etwas gegen das Haus unternehmen. „Der Name ist insofern Programm, als er das Ziel vorgibt. Es geht darum, die Identitären aus ihrem Haus und, weiter gedacht, aus dem öffentlichen Raum rauszuwerfen. Unsere Mittel sind dabei gewaltfrei, wie Lena schon gesagt hat. Aber klar drückt der Name aus, dass wir den Identitären unversöhnlich gegenüber stehen und das finde ich ganz richtig so“, erklärt Benjamin.

Kick them out! geben Vorträge und Workshops, betreiben Vernetzungs- und Aufklärungsarbeit und veranstalten Demonstrationen. Am 14.04.2018 findet die nächste große Demo statt, diesmal mit dem inhaltlichen Schwerpunkt Feminismus. „Wir wollen dadurch dazu beitragen, dass in der direkten Auseinandersetzung mit der IB auch weitergehende Analysen Platz finden. Bisher sind gerade feministische Analysen zu häufig auf Vorträge für ein sowieso schon interessiertes Publikum beschränkt“, sagt Benjamin.

Viele Identitäre verachten Feminismus explizit

Dass die Aktivist*innen von Kick them out! gerade jetzt das Augenmerk auf feministische Themen legen, ergibt vor allem vor dem Hintergrund der rechten Reaktion auf die #metoo-Bewegung Sinn. So hat beispielsweise die Kampagne #120db der Identitären das Ziel, den Fokus der Debatten auf Täter (sic!) mit Migrationshintergrund zu legen und damit für ihre rechte Agenda zu missbrauchen. „In einem Video zu #120db stellen die identitären Frauen verschiedene Fälle von sexuellen Übergriffen vor. Dabei hat der Täter selbstverständlich immer einen Migrationshintergrund. Die Fälle sind natürlich bewusst gewählt. Es soll suggeriert werden, dass Menschen mit Migrationshintergrund die große Gefahr für alle Frauen sind. Dadurch zeigen sie ihr rassistisches Gedankengut mehr als deutlich“, stellt Jana fest. Die Identitären versuchten dadurch, sich als wahre „Frauenversteher“ darzustellen, so Lena. „Wir wollen der Öffentlichkeit klar machen, dass die Identitären zum einen rassistischen Mist verbreiten und zum anderen überhaupt keine Feminist*innen sind. Im Gegenteil, viele von ihnen verachten Feminismus explizit, weil er die „natürlichen“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern auszulöschen versucht.“

Frauen sind Männern laut dem patriarchalen Weltbild immer inhärent unterlegen

Meine Interviewpartner*innen kämpfen für Antifaschismus und für Feminismus. Amelia erklärt:

„Antifaschismus und Feminismus sind unterschiedliche Bewegungen, mit einem unterschiedlichen Fokus. Antifaschismus ist die Auseinandersetzung mit faschistischem, autoritären Gedankengut und Organisationen, Bewegungen, Gruppen und Parteien, die diese Art von Gedankengut vertreten, aber auch mit den Umständen, die dieses Gedankengut gedeihen lassen. Antifaschismus bedeutet nicht nur eine Auseinandersetzung mit Neonazis, sondern auch mit Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft, die diese Neonazis hervorbringt, und in der das Gedankengut von Neonazis immer implizit und explizit vorhanden ist. Aufgabe des Feminismus ist das Analysieren, Bekämpfen und Abschaffen von patriarchalem, frauenfeindlichem Gedankengut und Machtstrukturen.“

Da Kick them out! Faschismus als gesellschaftliches Problem ansieht, ist es nur logisch, dass die Gruppe Antifaschismus und Feminismus gemeinsam denkt „Es darf nicht vergessen werden, dass rechte Akteur*innen und insbesondere die Akteur*innen der Neuen Rechten feministische Errungenschaften bedrohen. Außerdem verbindet Antifeminismus rechtsextreme, neurechte, rechtspopulistische und konservative Akteur*innen: Die Ablehnung von „Gender-Gaga“ zum Beispiel lässt Identitäre, AfD und CDU aneinander anknüpfen“, so Amelia. Außerdem vertrete die Identitäre Bewegung ein traditionelles, patriarchisches Verständnis von Geschlecht. Daran ist besonders problematisch, dass in dem Weltbild Frauen Männern immer inhärent unterlegen sind.

Zum Ende des Interviews fasst Benjamin zusammen, dass das „Problem von Faschismus, Rassismus und Menschenverachtung“ nicht gelöst sein wird, „wenn das Haus wieder leer ist.“ Er macht deutlich: „Mit dem Haus haben die Identitären ihren Anspruch verkündet, dass Halle jetzt ihre Basis sei – dem treten wir entgegen. Dabei muss aber klar sein, dass die eigentlichen Probleme in der Stadt und der Gesellschaft weiter bestehen.“

Aufruf zur Demo

 

Ihr möchtet Kick them out! unterstützen? Dann kommt am 14.04.2018 um 13 Uhr zur Demo auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Halle oder zu einer ihrer Veranstaltung. Wenn ihr nicht in Halle lebt, könnt ihr die Gruppe zu Vorträgen einladen. „Ganz wichtig finde ich außerdem: Hört bei rassistischer Kackscheiße nicht weg, helft Menschen, die eure Hilfe benötigen und seid einfach solidarisch und nett zueinander. Außer zu Nazis natürlich“, fordert Lena.

 

Zombiane liebt vermeintlich hässliche Architektur, ungeliebte Stadtteile und Feminismus. Außerdem ist sie Fan von Nerd-Kram wie Buffy, Dr. Who, Akte X, Sailor Moon. Jedes Jahr ist sie auf dem Wacken anzutreffen und manchmal auf Zombie-LARPs.

Im real life ist Zombiane Pädagogin und plant gerade an einer Selbständigkeit herum.