Ich möchte keine Blumen

Ich möchte keine Blumen

Entstanden ist der Frauenkampftag in der Zeit um den ersten Weltkrieg, als sich sozialistische und vereinzelt bürgerliche Frauen gegen den Widerstand ihrer männlichen Parteikollegen für das Frauenwahlrecht einsetzten. Nachdem dieses 1918 erstritten war, wurden die Kundgebungen für Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, bezahlbaren Lebensmitteln und auch legalen Schwangerschaftsabbrüchen genutzt.

Heute scheint der Weltfrauentag das kämpferische Element verloren zu haben – wenn Männer Frauen Blümchen fürs bloße Frausein überreichen, übertüncht das jegliche politische Dimension. Dabei ist die Lage gar nicht mal so rosig: Denn wie schon in der Weimarer Republik wird auch 2018 wieder über Regelungen rund um den Schwangerschaftsabbruch debattiert. Konkret geht es dabei um §219a StGB.

Dieser Paragraf ist ins öffentliche Bewusstsein gerückt, als die Gießener Ärztin Kristina Hänel im November vor Gericht zu einer Geldstrafe von 6000 € verurteilt wurde. §219a verbietet es, „seines Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise“ Schwangerschaftsabbrüche „an[zu]biete[n] […] oder Erklärungen solchen Inhalts“ zu veröffentlichen. Laienhaft ausgedrückt führt er dazu, dass Ärzt*innen dafür angezeigt werden können, wenn sie auf ihrer Website schreiben, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Diese Anzeigen haben in den vergangenen Jahren massiv zugenommen, aber erst Kristina Hänels Verurteilung hat zu einer öffentlichen Diskussion darüber geführt, ob es wirklich so schlimm ist, wenn Ärzt*innen öffentlich bekannt geben, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

Ich finde es nicht schlimm – sondern, im Gegenteil, sogar wichtig.

Mündige Entscheidungen brauchen fundierte Informationen

Das Verbot, Informationen über Schwangerschaftsabbrüche zu veröffentlichen, erweckt den Eindruck, dass Schwangere sich spontan für einen Abbruch entscheiden würden, sobald sie online darüber lesen können. Das sähe ungefähr so aus: „Oha, wenn meine Ärztin Abbrüche vornimmt, dann bestelle ich doch den Kinderwagen wieder ab und mache gleich einen Termin!“ Mal im Ernst: Diese Vorstellung ist doch absurd.

Man muss vielmehr davon ausgehen, dass Schwangere sich für einen Abbruch entscheiden, weil sie wirklich ganz sicher kein Kind haben wollen. Vielleicht nur jetzt gerade, weil die Situation nicht stimmt – zum Beispiel, weil sie mitten in der Ausbildung stecken, es in der Beziehung kriselt oder weil sie mit den bereits geborenen Kindern völlig ausgelastet sind. Vielleicht auch dauerhaft, weil sie grundsätzlich keine Kinder wollen – zum Beispiel, weil sie Krankheiten haben, die sie nicht weitervererben möchten oder weil sie einem Leben mit Kindern nichts Positives abgewinnen können. Das kann man bedauerlich finden, aber jeder einzelne dieser Gründe wird von der sogenannten „sozialen Indikation“ abgedeckt, welche die Vergabe eines Beratungsscheins in einer Beratungsstelle ermöglicht. Diese Beratung samt Schein ist in Deutschland vorgeschrieben und macht einen Schwangerschaftsabbruch zwar nicht legal, aber zumindest straffrei.

Aber könnten die Beratungsstellen neben der Vergabe des Scheins nicht auch Patient*innen und Ärzt*innen zusammenbringen? Nein, das können sie tatsächlich nicht.

Einer der Gründe liegt im Schwangerschaftskonfliktgesetz (Abschnitt 2 Schwangerschaftskonfliktberatung). Dort ist vorgeschrieben, dass Beratungsstellen „ergebnisoffen“ beraten, gleichzeitig „dem Schutz des ungeborenen Lebens“ dienen müssen. Ein Widerspruch in sich, der Beratungsstellen in Konflikte stürzen kann. Teilweise herrscht daher innerhalb der Beratungsstellen selbst Unsicherheit, welche Informationen sie geben dürfen und welche nicht. Sofern die Informationen überhaupt vorliegen – oftmals ist nämlich gar nicht bekannt, welche Ärzt*innen in der Umgebung Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

Diese Informationen haben in erster Linie die Ärzt*innen selbst. Sie sind nicht nur diejenigen mit dem fundierten medizinischen Fachwissen, sondern eben auch diejenigen, die konkret Auskunft geben können, welche Methoden sie anwenden, ob sie ausschließlich Patient*innen ihrer Praxis behandeln, oder ob es sonstige Voraussetzungen gibt.

Das Informationsverbot überlässt das Internet militanten Abtreibungsgegnern

Befragen ungewollt Schwangere in dieser Situation eine Suchmaschine, stoßen sie statt auf sachliche Informationen geschulten Fachpersonals auf die Webseiten sogenannter Lebensschützer*innen, die neben splatterfilmartigen Fotos auch Holocaust-Vergleiche zu bieten haben.

Stattdessen kann es dann nötig sein, mit dem Beratungsschein in der Hand alle in Frage kommenden Praxen anzurufen – das ist nicht nur völlig unzeitgemäß, sondern kostet auch unheimlich viel Zeit. Davon haben ungewollt Schwangere aber nicht allzu viel, denn der Abbruch muss bis zur zwölften Woche erfolgt sein. Von diesen 84 Tagen bleibt nach der Erkenntnis, dass eine Schwangerschaft besteht, dem Beratungsgespräch und der Entscheidung gegen die Fortführung der Schwangerschaft nicht unbedingt viel Spielraum, um lange herumzutelefonieren, bis man herausgefunden hat, wo der Abbruch vorgenommen werden kann – und dann auch noch fristgerecht einen Termin zu ergattern!

Ungewollt Schwangere sind in dieser Situation schon ausreichend psychischem Druck ausgesetzt. Es ist nicht nötig, sie zusätzlich mit Fundamentalist*innen und erhöhtem Zeitdruck zu belasten. Stattdessen sollten sie niederschwellig und sachlich mit den nötigen Informationen versorgt werden, die sie brauchen, um ihre persönliche Entscheidung zu treffen. Dafür braucht es eine Entkriminalisierung von Informationen – eine Streichung von §219a StGB!

Ihr seht: Ich möchte so viel mehr als Blumen. Aber wenn das erreicht ist, können wir gerne über Grünzeug sprechen. Fürs Protokoll: Mir sind Kakteen im Topf lieber als bunte Schnittblumen.
Mehr Informationen über die Kampagne gegen §219a StGB findest du beim Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung und in unserem Artikel zum Thema.

 

(Foto: © Sarah Buddeberg, CC BY-NC-ND 2.0)

Sabrina hat Kommunikationswissenschaft studiert und macht beruflich was mit Medien. Privat hört sie am liebsten politische Podcasts, während sie feministische Statements auf Kuscheltiere stickt und Tee aus eimergroßen Tassen trinkt.