Oh the shame with that skin – Teil 6: Was bleibt also zu sagen?

Oh the shame with that skin – Teil 6: Was bleibt also zu sagen?

Ich bin im Grunde wieder einmal sprachlos darüber, was sich Menschen, egal welchen Genders, einfallen lassen, um Produkte zu rechtfertigen. (Für Mittelchen zur Behandlung von Cellulite beispielsweise gibt es, ebenso wie für unreine Haut, einen absolut riesigen und leider immer noch gewinnbringenden Markt.) Denn, wir gehen einen Schritt zurück, wie entstehen Schönheitsideale? Früher wurden sie beispielsweise durch Religion konstruiert – heute sind es die Medien, die ein Konstrukt von Schönheit liefern, welches wiederum Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Dazu gehört Mode genauso wie eben – richtig, Marketing.

Schaut man sich beispielsweise alleine die körpersprachlichen Inszenierungen von Frauen in den Medien an (ohne die Retuschierungen, die zusätzlich stattfinden und das perfekte, unrealistische Idealbild schaffen): Frauen werden in den Medien nicht nur deutlich öfter auf ihr Äußeres reduziert, auch sind die Kriterien, was bei einer Frau als „schön“ und „nicht schön“ gilt, sehr eng gesetzt: Weibliche Models sind oftmals sehr jung, bei Männern variiert das Alter deutlich mehr. Oder auch Haarwuchs: Frauen sind überall glatt wie Glas, jedoch mit langem, glänzendem Haar auf dem Kopf. Die Posen, in denen Frauen inszeniert werden, sind selten gerade und aufrecht. Sie sind oft schräg, gebeugt, abgeknickt (was durch verringerte Körpergröße und Stabilität den Eindruck von Hilflosigkeit und Labilität erweckt) oder liegend (was wiederum verletzlich und sexuell leicht verfügbar wirkt). Verstärkt wird die Darstellung der Frau in den Medien als schwach und schutzbedürftig durch die gemeinsame Darstellung von Mann und Frau: Sie schmiegt sich oft an ihn, klammert sich fest, wird gehalten. Oder, um es noch deutlicher zu zeigen: Die Frau wird (gerne beispielsweise bei Parfum-Werbungen) mit mehreren Männern dargestellt, sie liegend, die Männer um sie herum, stehend. Die Frau hat nur den Zweck, schön zu sein, die Männer zu verführen und zu duften.

Die Medien sorgen also nicht nur dafür, ein konformes, eng gefasstes Bild von Schönheit zu vermitteln, sondern senden zeitgleich noch die Botschaft: Frauen, euer Sinn und Zweck ist es, zu gefallen – maßt euch bloß nicht an, aufzubegehren. (Hier kommen wir wiederum zu den Kritiker*innen der Bodypositivity, die die Akteur*innen darstellen, als wollten sie ihr eigenes Unvermögen rechtfertigen, in das konforme und beengte Schönheitsideal zu passen.)

So werden also Probleme geschaffen, mit denen sich dann Generationen beschäftigen. Zweifel am eigenen Körper, mit denen sich schon junge Mädchen quälen, die sie abhalten von einem wertschätzenden Umgang mit ihrem Körper, die ihnen den liebevollen und achtsamen Blick für sich selbst verschleiern.

Mir verursacht es nach wie vor Übelkeit, wie sehr vermeintliche Idealbilder in den Medien die selbstkritischen Blicke von Frauen aller Generationen und Typen für die eigenen „Makel“ schärfen. Zum Glück gibt es aber inzwischen sehr viel Austausch darüber, wie problematisch der Anspruch ist, alle (weiblichen) Körper in eine Form zu pressen.

Melanie* hat besonders dieser Austausch geholfen, mit sich und den Eigenschaften des eigenen Körpers in Einklang zu kommen. Sie hat durch eine Stoffwechselerkrankung eine stärker behaarte Haut als andere Frauen und Dehnungsstreifen. „Nun, mit dem Alter kommt eine gewisse Selbstsicherheit, darüber bin ich sehr froh. Aber es hat auch furchtbar lange gedauert, bis ich nicht mehr vor Ekel vor mir selbst zusammengezuckt bin, wenn ich in den Spiegel gesehen habe. Dazu natürlich positives Feedback von Freund*innen, das hat mir wirklich sehr geholfen. Und der Austausch mit anderen Betroffenen (sei es dicken Leuten, Leuten mit PCOS oder halt ganz normalen Menschen, die ebenfalls unter Schönheitsnormen leiden.)“ (Anm. d. Red.: PCOS ist kurz für Polyzystisches Ovar-Syndrom, eine Stoffwechselstörung, die bei Menschen mit Eierstöcken auftreten kann.)

Auch wenn wir wahrscheinlich noch eine ganze Weile mit der von den Medien gezeichneten Illusion vom perfekten Menschen mit der perfekten, glatten Haut zu kämpfen haben werden, wird sich die Gesellschaft glücklicherweise mehr und mehr bewusst darüber, wie unrealistisch, retuschiert und beschönigt mediale Bilder doch oft sind. In sozialen Medien wie Instagram findet man mehr und mehr Accounts, die die Realität gegenüber einer gefilterten und retuschierten Darstellung vorziehen und sich ungeschminkt, nackt und nicht gepost oder eingeklemmt in Shaping-Underwear zeigen. Und dabei geht es eben nicht, wie gerne unterstellt wird, darum, die eigene Faulheit oder Unfähigkeit zu rechtfertigen, die einem perfekten Körper im Weg steht. Im Gegenteil, es geht darum, zu zeigen, dass es „den perfekten Körper“ nicht gibt. Leistungssportlerinnen haben Cellulite, Veganer*innen mit einer zuckerlosen Ernährung haben Akne, Frauen mit flachen Bäuchen haben Dehnungsstreifen, „Plus-Size“-Models sind sexy, genauso wie Frauen ohne „Kurven“. Der Gedanke der Bodypositivity will weg davon, Körper auszuschließen, um die Schönheit und Richtigkeit anderer Körper zu rechtfertigen. Sie will Inklusion: Transgender, People of Color, alte, junge, kleine, große, behaarte und unbehaarte Menschen sind alle gleich viel wert, sie sind alle schön auf ihre Art und Weise, alle werden geliebt und sind liebenswert. Viel zu lang gaukelten Werbe- und Modeindustrie uns vor, nur einigen wenigen Ausgewählten sei es erlaubt, glücklich zu sein und das „richtige“, wertvolle Leben zu führen. Dagegen rebelliert die Bodypositivity und ist deswegen ein wichtiger und richtiger Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung – nicht nur die der Frau, sondern die aller Körper, auch die abseits der Cis-Dualität.

 

*Namen von der Redaktion zum Schutz der Betroffenen geändert

 

Für mehr Body- & Skin Positivity im Alltag zum Abschluss noch eine Zusammenstellung von inspirierenden Instagram-Accounts to follow:

rvbyallegra – queer, disabled, genderfluid makeup artist
mypaleskinblog – Beauty Bloggerin & Make-up Model – mit Akne
reallifefilter – Fotos aus der Community; real und ungefiltert
ulrikkefalch – norwegische Feminismus-Aktivistin; für mehr Realität und Selfconfidence
strutbymic – hier wird jeder Körpertyp gefeiert – Inspiration für mehr Selbstliebe
selfloveclubb – Mutter, ED-Warrior und Selflove-Queen
omgkenzieee – eine weitere inspirierende Frau, die unnachgiebig zeigt, wie wichtig Selflove ist

Ihr folgt noch anderen tollen Body- & Skin Positivity Accounts? Teilt sie in den Kommentaren!

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.