Oh the shame with that skin – Teil 5: Neurodermitis & Schuppenflechte

Oh the shame with that skin – Teil 5: Neurodermitis & Schuppenflechte

„Ich habe Neurodermitis und im Zusammenhang damit extrem trockene Haut. Besonders im Winter schuppe ich mich oft, oder meine Hacken reißen tief ein. Dass das nicht ,,schön“ ist war mir immer klar, aber ich habe mich davon eigentlich nie einschränken lassen oder mich schlecht gefühlt. Es wäre eine Lüge, zu behaupten, dass ich gelernt habe, meine trockene Haut zu lieben, aber wirklich stören tut sie mich nicht – solange ich keine dunkle Bettwäsche benutze, um nicht am Morgen die Hautschuppen zu sehen, in denen ich bade, und Schuhe tragen kann, in denen meine Fersen bedeckt sind“, beschreibt Stefanie* ihren Umgang mit ihrer gelegentlich schuppigen Haut.

Ich stelle mir eine Frau vor, die zufrieden mit sich ist, mit sich im Reinen irgendwie, die sich nicht davon aus der Ruhe bringen lässt, dass ihre Haut eben auf gewisse Art und Weise von der Norm abweicht. Und doch: Sie schränkt sich ein, wenn auch irgendwie unbewusst, da sie sich nicht eingeschränkt fühlt. Denn was sind das wohl für Gedanken, die einem beim Kauf von Bettwäsche oder Kleidung davon abhalten, etwas Dunkleres zu wählen? Bestimmt geht es darum, sich selbst wohl zu fühlen – und auch darum, sich vor den Blicken anderer zu schützen. Die Anderen, die nur die Hautschüppchen sehen, die nicht wissen, dass man eine Erkrankung hat, gegen die es zwar Salben gibt, die aber nie vollständig heilbar ist und unter der man schon alleine durch Jucken und Schmerzen leidet.

Maryam* hat schon alles ausprobiert, verschiedene Salben, sogar Kortison – was wegen seiner Nebenwirkungen sehr gefährlich sein kann (Hautverdünnung, Bluthochdruck, Schlafstörungen, um nur einige zu nennen). Und trotzdem, letztendlich muss sie mit ihrer Schuppenflechte leben. „Meine Schuppenflechte/ Psoriasis ist schon ziemlich schlimm. Ich hab die schon immer gehabt, sie verändert sich jedes Jahr im Sommer und wächst an anderen Körperstellen intensiver. Im Winter ist es am schlimmsten, da krieg ich immer am ganzen Körper Brandblasen, die aufplatzen und ich häute mich dann über mehrere Wochen einmal komplett. Ich habe jahrelang keine schwarzen Shirts/Pullover getragen, weil ich mich super gefürchtet habe, dass die hellen Schuppen, die von meinem Kopf fallen, auf meiner Kleidung dann zu sehen sind. In meinen dunklen Haaren waren sie auch immer zu sehen, das war bzw. ist super unangenehm. Früher wurde ich deswegen oft ausgelacht, weil niemand so richtig wusste, warum ich diese Schuppen verstreue. Ich hab jeden Morgen geduscht, um die Schuppen so oft wie möglich wegzuwaschen. Ich habe fast alle dem Menschen möglichen Hauttherapien/Salben/Shampoos/Tabletten ausprobiert – inklusive Eigenurintherapie –, trage immer noch oft Mützen oder Haartücher und schlafe am liebsten in weißer Bettwäsche. Ich hab gelernt, dass es ein Teil von mir ist mit dem ich leben muss, dass es keine Heilung dafür gibt. Ich versuche es nicht mehr von mir abzustoßen, mein Künstlerinnenname ist ja selbst „Psoriasis“, weil es zu mir gehört. Ich rede mittlerweile sehr gern mit Personen über ihre Körper- beziehungsweise Hauteigenheiten, weil dadurch manchmal eine Verbindung entstehen kann. Es tut natürlich nichtsdestotrotz noch schrecklich weh, jeden Tag, aber ich lerne, wie ich meine Ernährung und meinen Alltag so umstellen kann, dass der Schmerz sich minimiert.“

Wenn ich jemanden mit Neurodermitis oder Schuppenflechte sehe, denke ich nicht sofort daran, wie entstellt dieser Mensch ist. Ich denke daran, wie empfindlich die Haut sein muss, wie unendlich nervig der Juckreiz, wie belastend der Schmerz. Und doch gibt es genügend Menschen, die nach wie vor das Augenmerk auf den Beauty-Aspekt legen: „Model mit Hautproblem: Warum Cara Delevingne manchmal nicht gut aussieht“, lese ich auf „welt.de“ oder auch „Cara und ihre Neurodermitis“ auf „ok-magazin.de“. Ernsthaft jetzt? Obwohl sie als Model oft im Rampenlicht steht, die Gesellschaft von ihr erwartet, dass sie das Schönheitsideal repräsentiert und vor „Makellosigkeit“ strahlt – sie ist genauso eine Frau, die womöglich, höchstwahrscheinlich sogar, darunter leidet, dass ihre Haut so trocken ist, juckt, sich schuppt. Ist aber egal. Models mit Neurodermitis sind stattdessen zu bemitleiden, weil sie leider ihr Geld nicht mehr damit verdienen können, die unrealistischen Schönheitsstandards aufrecht zu erhalten.

Ach, und damit – natürlich – nicht genug: „Bei Schuppenflechte, medizinisch Psoriasis, leidet nicht nur die Haut, sondern auch die Psyche“, ist auf „bildderfrau.de“ zu lesen. Wow. Gut erkannt. „Denn die chronisch-entzündliche Hautkrankheit, die in Schüben auftritt, ist zwar nicht ansteckend, sieht aber unschön aus. […] Schuppenflechte gilt nämlich nicht nur als Schönheitsmakel, sondern wird oft von der Umgebung als unangenehm empfunden.“ Na vielen Dank,  dass ihr den Betroffenen eiskalt den Mittelfinger ins Gesicht haltet, indem ihr betont, wie unschön Schuppenflechte für Dritte doch ist und ihr damit wieder einmal mit einem Mangel an Empathie glänzt.

Wie auch bei Betroffenen, die unter Akne leiden, wir die Situation verschlimmert, indem diejenigen nicht nur physisch darunter leiden, sondern eben – gut erkannt, Bild der Frau – auch psychisch. Und wenn man auch Schuppenflechte und Akne nicht heilen kann, dann könnten wir zumindest damit beginnen, denjenigen, die darunter leiden, nicht auch noch das Gefühl zu geben, sie seien abstoßend und es täte ihrer Schönheit einen Abbruch.

 

*Namen von der Redaktion zum Schutz der Betroffenen geändert

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.

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