Oh the shame with that skin – Teil 4: Muttermale & Pigmentstörungen

Oh the shame with that skin – Teil 4: Muttermale & Pigmentstörungen

Als Kind habe ich meine Muttermale gehasst. Sie waren der Inbegriff imperfekter Haut für mich. Ständig wurde ich darauf angesprochen, vor allem in der Pubertät. Ob ich mir das Muttermal im Gesicht nicht entfernen lassen wolle. Warum ich überhaupt so viele Muttermale habe. Dass ich so blasse Haut hätte (das geht nämlich oft einher mit vielen Muttermalen und bedeutet eine doppelte Stigmatisierung, weil blasse Haut oftmals auch als Abweichung vom Schönheitsideal der gebräunten, knackigen Haut gilt, zumindest in einigen Teilen der Welt, speziell im globalen Nordwesten.)

Inzwischen liebe ich sie, meine blasse Haut mit den Muttermalen. Sie sind wie Sternbilder, keins wie das andere und abseits von Schönheitsstandards sind sie Teil meines Körpers, also Teil von mir. Ich habe mich sogar an das Muttermal in meinem Gesicht gewöhnt, versuche nicht mehr, es mit Haaren zu verdecken oder den Kopf auf Fotos geschickt zu drehen, um es zu verstecken.
Und obwohl Muttermale und Pigmentstörungen oft, abseits vom dermatologisch bedenklichen schwarzen Hautkrebs, keine Erkrankung oder Gesundheitsgefährdung sind, gelten sie als Schönheitsmakel – mal abgesehen vom sogenannten „Schönheitsfleck“, der meist oberhalb der Oberlippe liegt. Die Definition von Schönheitsfleck besagt: ein echtes Muttermal, welches durch seine Größe, Platzierung und Form und überhaupt durch sein Vorhandensein einer meist weiblichen Person ein besonders charakteristisches und attraktives Aussehen verleiht, so Wikipedia. Interessant, denn an diesem Beispiel erkennt man wunderbar, wie willkürlich Schönheit definiert wird, wie willkürlich festgelegt wird, wann ein äußerliches Merkmal eines Menschen als „schön“ und „interessant“ und wann wiederum als „Makel“ bezeichnet wird. So schreibt gala.de beispielsweise „Scarlett Johannson ist auch wegen ihrem Schönheitsfleck auf der Wange die Verführung in Person.“ Ich frage mich, wer festlegt, wann ein Muttermal als verführerisch, wann als abstoßend und schönheitsmindernd gilt. Übrigens gilt das auch für Sommersprossen: Sie sind genauso bloße Pigmentveränderungen wie Muttermale, gelten oft aber als interessant und schön.

Die Widersprüchlichkeit dessen hat auch Nina* erlebt: „Der ,Makel‘, der mich in meiner Jugend am meisten beschäftigt hat, sind meine vielen Leberflecken, vor allem die im Gesicht. Zum Einen lag das daran, dass ich darauf angesprochen wurde und jene Bemerkungen schon negativ konnotiert waren bzw. darauf abzielten, sich über mich lustig zu machen (meistens von meinem Vater, der generell kein allzu netter Mensch ist, sowie von ausschließlich männlichen Mitschülern). Zum Anderen habe ich mich in der Pubertät mehr mit dem Aussehen anderer Frauen beschäftigt und mich in einen Vergleich gesetzt, bei dem ich nur verlieren konnte, da mein eigener Maßstab völlig irrational war. Man sieht dann wunderschöne Frauen in den Medien mit symmetrischen Gesichtern und makelloser Haut und weiß, dass man selbst nie so aussehen kann. Es gab eine Zeit, in der ich viel zu Hause rumexperimentiert habe, wie ich meine Leberflecke mit Makeup abdecken kann, natürlich ohne zufriedenstellendes Resultat. Als ich dann bei einer Routineuntersuchung beim Hautarzt erfahren habe, dass man Leberflecken auch herausschneiden kann, schien mir das die Lösung allen Übels und war ein geheimer, unausgesprochener Wunsch. Ich denke, ich war da so 13 oder 14. In der Zeit habe ich begonnen einen Seitenscheitel zu tragen, die ,vollere‘ Seite bedeckte natürlich die Seite meines Gesichts, die mehr Leberflecken hat. Ein wirkliches, ehrlich empfundenes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen habe ich auf jeden Fall erst später entwickelt, so mit 17, 18. Wann immer ich in den Spiegel gesehen habe, sah ich diese seltsamen Flecken und keine Frau, die ich damals als schön empfand, hatte solche. Mit Pickeln konnte ich hingegen besser umgehen, die sind wenigstens wieder weggegangen. In meiner eigenen Traumwelt stellte ich mich selbst immer mit reiner, glatter Haut vor; umso enttäuschender war dann die Realität.
Heute sehe ich die Flecken kaum noch und nehme sie auch nicht mehr als etwas Negatives wahr. Ich denke, der Grund dafür liegt zum Teil darin, dass ich mich selbst irgendwann damit abgefunden habe, so auszusehen, meine eigene Ästhetik in Bezug auf Schönheit sich mit der Zeit geändert hat und die Menschen in meinem Umfeld irgendwann aufgehört haben, mir zu sagen, was sie daran stört (Kinder sind eben einfach gemeiner). Entscheidend war aber in jedem Fall mein erster Freund, der mir mit 17 erklärte, dass gerade meine Leberflecke die Schönheit meines Gesichts ausmachen würden. Nachdem mit der Zeit auch andere so was zu mir sagten, begann ich wahrscheinlich irgendwann, ihnen Glauben zu schenken. Ich wünschte mir manchmal, ich hätte mich selbst damals nicht so fertig gemacht und meine Abhängigkeit von der Meinung anderer in Bezug auf mein Aussehen ist bis heute definitiv vorhanden und etwas, woran ich auch heute, zehn Jahre später, noch arbeiten oder das ich zumindest hinterfragen muss.“

Die Äußerungen anderer sind es eben oft, die uns auf dem Weg der Selbstliebe positiv oder eben negativ beeinflussen. Denn nach wie vor findet man bezüglich solcher „Makel“ eben auch Äußerungen, die den eigenen Hass auf bestimmte Äußerlichkeiten bestätigen oder verstärken können.

Eine schnelle Google-Recherche bringt mich wieder einmal in ein Elitepartner-Forum. „Habe ein Muttermal zwischen Nase und Oberlippe. Bin an sich eine hübsche Person, aber dieses Muttermal stört meinen Partner. Jetzt schlug er vor, es wegoperieren zu lassen, weil es sein Ästhetikempfinden und auch etwas beim Küssen störe. Ich habe zwar selber schon einmal darüber nachgedacht, habe es aber bisher als Persönlichkeitsmerkmal angesehen – à la Cindy Crawford . Ich bin zwar derartigen OPs gegenüber offen eingestellt, da mit Muttermalen gesegnet; ich musste schon des Öfteren welche entfernen lassen. Moment bin ich aber überfragt, was ich tun soll. Wie findet ihr das Ansinnen meines Freundes und würdet ihr überlegen, euch darauf einzulassen?“
Die erste Antwort darauf: „Also an für sich finde ich solche Muttermale ganz schlimm. Gerade so auffällige mitten im Gesicht machen in meinen Augen einen ziemlichen Makel aus. Ich muss bei Menschen, die solche Muttermale haben, die ganze Zeit drauf starren. Hätte ich eins, hätte ich es schon längst wegmachen lassen.“ Womit wohl die Meinung eines nicht allzu kleinen Teils der Bevölkerung bestätigt wäre. Allerdings gibt es eben auch hier wieder erfrischendere Antworten: „Also mal ehrlich, was soll man mit einem Mann anfangen, der bei einer 47-jährigen Frau mit solchen Bagatellen befasst? Das klingt jetzt nicht nett (ich bin selbst über 40, deshalb weiß ich, wovon ich spreche), aber es werden noch ganz andere ,Makel‘ auf euch zukommen in den nächsten Jahren. Ich schätze, er ist auch nicht mehr der Jüngste und dürfte ein paar ,Hängebereiche‘ am Körper haben. (…) So was von oberflächlich! Ich wäre auch bis zu diesem Thread nie auf die Idee gekommen, ein Muttermal als Makel zu empfinden! Pfirsichhaut hat man eben nur mit 18 oder mit Photoshop.“ – Danke dafür.

Aber wieso muss mensch offenbar erstmal eine ganze Menge Erfahrungen sammeln und einen auslaugenden Kampf während der Pubertät – manchmal noch länger – führen, bis mensch sich selbst akzeptieren kann – mal ganz abgesehen von dem, was andere uns rückmelden (oftmals leider auch ungefragt)?

Was mir geholfen hat, ein Umdenken bezüglich meiner Muttermale anzustoßen, war eine bloße Recherche zur Wortherkunft: „Muttermal“ entstand aus der im 16. Jahrhundert verbreiteten Annahme, die Pigmentveränderungen entstünden in der Schwangerschaft. Wenn die Mutter zum Beispiel gerne Erdbeeren aß, sei darauf ein Muttermal des Kindes zurückzuführen, was die Form einer Erdbeere besaß. Dass diese Erklärung wissenschaftlich nicht haltbar war, mindert nicht die Essenz des Ganzen: nämlich, dass die Muttermale etwas über uns erzählen, eine Geschichte. Für jeden eine andere, aber das ist eben das Besondere daran – und meiner Meinung nach auch das Schöne.

(Anmerkung der Redaktion: Es gibt einen Unterschied zwischen Muttermalen und Leberflecken, erstere hat man tatsächlich seit der Geburt, zweitere entstehen erst im Laufe des Lebens.)

 

*Namen von der Redaktion zum Schutz der Betroffenen geändert

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.