Oh the shame with that skin – Teil 3: Akne

Oh the shame with that skin – Teil 3: Akne

„Hat eine Frau mit leichter Akne eine Chance?Ich persönlich empfinde es als sehr großes Pech, attraktiv zu sein (abgesehen von der Haut) und gleichzeitig leichte Akne im Gesicht haben. In jungen Jahren habe ich sehr darunter gelitten. Was meint Ihr, ist die Besorgnis begründet gewesen, ist es ein No-Go auf der Partnersuche?“, springt mir auf Elitepartner entgegen. Antworten darauf sind beispielsweise: „Ehrlich gesagt sehe ich das Problem jetzt nicht, mit Akne muss niemand leben, wenn man bereit ist, Zeit und Geld in verschiedene Methoden zu investieren.“ oder „Natürlich hast du gute Chancen, insbesondere wenn du außer diesem kleinen, vorübergehenden Makel attraktiv bist. Damit filterst du sehr gut die total oberflächlichen Typen aus, und die ehrlich interessierten dürfen, wenn deine Akne nachlässt, sich über einen noch schöneren Schwan freuen.“ – Echt jetzt? Ich versuche, meinen Ärger über diese Antworten herunterzuschlucken und lese weiter.
Und wirklich: es kommt immerhin eine Antwort,  die mein Herz hüpfen lässt: „Machen Sie die auf schnelles NoGo programmierten Männer zu Ihrem NoGo. Playboy-Hochglanz-Foto-Gesichter sind langweilig. Versuchen Sie, sich nicht unnötig negative Gefühle zu machen.“ – Und die kommt von einem Mann. Oder die Antwort, die aufzeigt, wie lächerlich alle Kommentare sind, die auf das Unvermögen der Fragestellerin anspielen, ihr Problem adäquat behandeln zu lassen.

Denn hier kommt wieder die Werbeindustrie ins Spiel: Für jedes Pickelchen, jeden Hauttyp und jede Körperstelle gibt es ein Cremchen. Ach so, und wer googelt, wird dezent darauf hingewiesen: „Eine andere Möglichkeit, die schneller wirken kann, sind Pillen, die verhüten und gleichzeitig die Talgdrüsen gegen den Einfluss der männlichen Hormone schützen.“ (fid-gesundheitswissen.de) – Es mangelt also nicht an Möglichkeiten, die Probleme mit der Haut in den Griff zu bekommen, man müsse nur genug investieren: Geld, Zeit, Gedanken. Selbst, wenn das Problem erkannt wird (das unrealistische Schönheitsideal, again), wird damit nicht reflektiert umgegangen, sondern es werden nur weitere Tipps gegen die unschöne unreine Haut gegeben: „Unreine Haut kann uns ganz schön belasten, schließlich propagiert unser Schönheitsideal eine makellose, glatte Haut.“ (Brigitte.de)

Die Werbung arbeitet also gerne mit der Unterstellung, unreine Haut sei selbst verschuldet weil dieser Makel  leicht zu beheben sei, etwa durch gesunde Ernährung, das richtige Beautyprodukt oder oder.

Klara* hat seit neun Jahren Akne – seit der Pubertät. Und seitdem versucht sie alles Mögliche, um das „Problem“ in den Griff zu bekommen. Cremes über Cremes vom Hausarzt über die Pille bis hin zu Tabletten – von denen sie depressiv wurde und ihre Haut so dünn, dass sie sie sich vom Gesicht ziehen konnte. „Man kann sagen, dass ich über die Jahre wirklich alles versucht habe und ich will gar nicht wissen, wie viele hunderte Euro in meine Haut geflossen sind – für nichts. Wenn ich daran denke, was ich alles über mich ergehen lassen habe, damit meine Haut dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entspricht und wie oft ich nicht aus dem Haus gegangen bin, weil meine Haut die Woche wieder besonders schlecht aussah … Ich kann es gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich meine Haut stört. Es ist einfach etwas, was man nicht verdecken kann – auch Schminke hilft meistens nicht weiter. Der schlimmste Moment bisher war auf einem Pfingstcamp der Linksjugend. Ich habe dort an einem Workshop zum Thema Körperbilder teilgenommen. Ganz am Anfang wurde jeder aus der Runde gefragt, was für ihn schön ist. Man kann sich ja sicherlich vorstellen, dass keiner große Brüste, sportliche Figur, lange Haare oder einen großen Hintern genannt hat, weil man so etwas ja – erst recht in linken Kreisen – nicht sagt. Komischerweise war es völlig okay zu sagen, dass man reine, zarte Haut als absolut schön empfindet. Das wurde auch durch die Bank weg von jedem genannt. Wie ich mich in dieser Situation gefühlt habe, kann man sich ja vorstellen. Generell hat noch nie jemand etwas direkt zu mir wegen meiner Haut gesagt, aber es gibt immer wieder Situationen, wo ich schlucken muss oder einfach aufstehe und kurz den Raum verlasse. Besonders schlimm ist es, wenn sich Girls mit einer super reinen Haut über Pflegetipps unterhalten oder über ihre ,so schlechte‘ Haut aufregen. Ich frage mich dann immer, wie ich wohl gesehen werde. Irgendwie sind die Menschen dafür noch nicht so sensibilisiert. Während es immer mehr Models gibt, welche nicht mehr der Körpernorm entsprechen, tut sich im Bereich Haut leider gar nichts.“

Und ja: Akne ist eine Erkrankung, sie ist sehr schmerzhaft und entzündlich. Eine Behandlung sollte deswegen auch unter diesem Gesichtspunkt stattfinden: An erster Stelle sollte die Gesundheit kommen. Die Schmerzen, wenn das Gesicht berührt wird, die Spannung, unter der die Haut steht, die Entzündungen. Leider steht das oft nicht im Vordergrund, sondern der kosmetische Aspekt. Es werden Abdeckcremes gekauft, Gesichtswasser, die schnelle Besserung versprechen und stattdessen alles nur noch schlimmer machen. Und das übrigens nicht nur bei Akne, sondern auch bei leichter unreiner Haut: Bekommen wir ein Pickelchen, ist das Date gelaufen, verklickert uns die bebe young care-Werbung. (Vor allem übrigens verklickert sie das jungen Mädchen – ohnehin die Gesellschaftsgruppe, die mit den propagierten Schönheitsidealen am meisten zu ringen hat, angesichts des sich verändernden Körpers und der beginnenden Sexualität.) Also, schnell abdecken, verstecken oder zu Hause bleiben. Je teurer, desto besser vermutlich für unsere Haut. Wir sollen peelen, Masken auftragen, cremen und abdichten. Dass wir dabei eigentlich nur gegen unsere Haut arbeiten und alles nur schlimmer machen, das verraten die wenigsten Kosmetikfirmen. Denn je mehr die Haut gereizt wird, desto mehr fettet sie nach – und wir sind gefangen im Teufelskreis aus Talg, Peeling, Entzündung, Creme und Abdeckstift. Am besten sollten Betroffene erst einmal klären, woher denn die Unreinheit kommt – denn oft ist das auch hormonell bedingt. (Der Zyklus, ein Wunder der Natur. Trotzdem ist er so verhasst, durch all die Makel, die er unserer Schönheit doch bringt, wie Blut, Pickel oder Wassereinlagerungen.) Und dann sollten eigentlich nur Wasser und sanfte, naturbelassene Pflegeprodukte verwendet werden – und die Haut in Ruhe gelassen werden. Die ist nämlich eine wahre Meisterin, was Regeneration angeht und im Grunde unsere beste Freundin: Sie schützt uns, sie kämpft täglich aufs Neue gegen freie Radikale, gegen Sonneneinstrahlung und Witterung. Doch das ist egal, wenn sie nicht gut aussieht, wenn sie nicht rein ist: Denn Schönheit, so wird uns eingetrichtert, sei das Wichtigste.

Das größte Problem dabei ist, dass Frauen und junge Mädchen sich selbst die Schuld daran geben, dass ihre Haut so ist, wie sie ist: ungesunde Ernährung, zu wenig Pflege. Wir seien schmutzig, pflegten uns nicht genug, seien nicht rein, seien nicht schön. Unreine Haut ist deswegen ein so schwieriges Thema, weil sie oft gleichgesetzt wird mit Krankheit: Wir sind vielleicht blass, haben Augenringe, zudem vor allem aber Pickel und Unreinheiten. Da werden wir sofort gefragt, ob wir krank seien, ob es uns gut gehe. Und dabei zielt der*die Fragende oft nicht auf das seelische Wohlbefinden ab, sondern spielt auf unser Äußeres an. Denn sind Frauen nicht nur dann richtige, gesunde Frauen, wenn sie reine, glatte und makellose Haut haben? Andernfalls muss doch etwas nicht stimmen. Dabei bleibt auf der Strecke, was so offensichtlich ist: dass unsere Haut eben zu kämpfen hat, mit Schadstoffen von innen und von außen. Und dass, genauso wie manche Menschen eben athletischer gebaut sind als andere, manche eine empfindlichere Haut haben. Und dass Unreinheiten keine Frage des Geldbeutels und des Zeitaufwands mehr sein, sondern in Ruhe gelassen werden sollten. Denn letztlich sind sie ein Zeichen dafür, dass unsere Haut tagtäglich fantastische Arbeit leistet.

 

*Namen von der Redaktion zum Schutz der Betroffenen geändert

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.

One thought on “Oh the shame with that skin – Teil 3: Akne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.