Oh the shame with that skin – Teil 2: Cellulite

Oh the shame with that skin – Teil 2: Cellulite

Triggerwarnung: Bodyshaming / Essstörungen

„Problemzone Orangenhaut – typisch Frau: Ein Hingucker, den niemand mag: Dellen, die entstellen“, liest man bei ‚fit for fun‘. Oder auf ‚gesundheit.de‘: „Der Sommer lockt und mit ihm kurze, modische Kleidung. Leider ist die Freude daran oft getrübt, denn an Oberschenkeln und Po zeigen sich bei vielen Frauen unschöne Dellen – die Cellulite. (…) Da die Cellulite ihren Ausgang in den unteren Hautschichten nimmt, ist das Problem im fortgeschrittenen Stadium mit der oberflächlichen Anwendung von Cremes und Salben nicht zu beheben. Nur die Kombination von richtiger Ernährung, Hautpflege, Massage und sportlicher Betätigung hilft im Kampf gegen die Cellulite.“

Wohlgemerkt, der Name ‚gesundheit.de‘ impliziert, dass es sich bei Cellulite um eine Krankheit handelt, etwas, das ein gesunder Körper nicht aufweist. Und in dieser Form wurde der Cellulite tatsächlich das erste Mal medienwirksame Aufmerksamkeit geschenkt: Anfang der 70er Jahre warnte eine Kosmetikerin in New York vor der „Kombination aus Fett, Wasser und toxischen Abbauprodukten“, während eine französische Ernährungsberaterin deren Behandlung bewarb. Cellulite wurde nicht nur als Schönheitsmakel in die Gesellschaft eingeführt, sondern als etwas ähnlich einer Erkrankung, wie Neurodermitis oder Diabetes. Und tatsächlich, Cellulite klingt wie Cellulitis und wird im Sprachgebrauch auch oft damit verwechselt. Dabei ist Cellulite ein rein „kosmetisches“ Problem, welches durch Fettansammlung in der Haut und dem sich darunter befindlichen Bindegewebe verursacht wird.  Cellulitis hingegen ist eine bakterielle Entzündung des Unterhautgewebes (die übrigens mit Antibiotika behandelt werden muss) – und übrigens, auch interessant, die Rechtschreibprüfung von Microsoft Word kennt das Wort „Cellulite“ nicht. Wohl aber „Cellulitis“. Think about it.

Der französische Historiker Georges Vigarello schreibt in seinem Buch „Geschichte der Schönheit“: „Cellulite [stammt] von […] einer Kultur der genauen Untersuchung [des Körpers] ab, die [die Leute] stärker als bisher mit Mangel und Verfall konfrontiert.“ – Sprich: Die Gesellschaft mit ihrem Schönheitswahn und Perfektionsstreben hat mit der Cellulite ein weiteres Feindbild in den Köpfen, einen weiteren Makel geschaffen, der alles andere als gefährlich, abnormal oder entstellend ist. Dass das nicht immer so war, zeigen „Die drei Grazien“ von Peter Raul Rubens bei genauer Betrachtung: Das Gemälde stellt das Schönheitsideal des 17. Jahrhunderts dar, die drei abgebildeten Frauen haben ebenfalls die Dellen an den Oberschenkeln, die in der heutigen Zeit so sehr verschrien sind. Noch ein Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft sehr gut darin ist, Schönheitsideale zu erschaffen, die uns vor Augen halten, wie verkehrt wir aussehen, und sich weniger mit dem Körper in seiner natürlichen Form auseinandersetzt, als er es eigentlich verdient hätte.

Weiter geht es mit den Gerüchten und Stereotypisierungen, die mit Cellulite einhergehen: „Vor allem Frauen bekommen Cellulitis, Ursache ist Übergewicht.“ (focus.de) – Das stimmt so nicht, Ursache ist in jungen Jahren vor allem ein schwaches Bindegewebe (das erblich bedingt ist, und für das man nichts kann) und mit fortschreitendem Alter bekommt es fast jede Frau (ca. 80-90%).
Der eigentliche Grund für die Entstehung von Cellulite ist nämlich der Aufbau des Bindegewebes bei Frauen, der sich von dem der Männer unterscheidet. Sogenannte Septen  (Bindegewebsfasern) sind anders angeordnet, nämlich senkrecht zur Hautoberfläche (bei Männern eher gekreuzt) – dadurch wird die Haut flexibler und weicher und bietet so dem Druck des darunter liegenden Fettgewebes nur geringen Widerstand. Dadurch kann das Unterhautfettgewebe leichter bis in die oberen Hautschichten vordrängen und die Haut von außen sichtbar ausbeulen.
Aus biologischer Sicht ist sie also so gut wie nicht zu vermeiden.

Anna* gehört zu dem Typ Frau, der sehr früh Cellulite bekommt – in der Pubertät. „Ich hab auch lange mit einer Essstörung zu kämpfen gehabt und davon ist wohl immer noch dieses verschobene Körperbild da. Ich hab, bis ich 20 war, nie öffentlich meine Beine gezeigt, weil ich angenommen hab, dass die wahnsinnig deformiert sind durch die Cellulite. Inzwischen geht es, ich kann die Gedanken mehr wegschieben. Aber es ist weniger ,Ich bin schön so wie ich bin‘, sondern vielmehr ,Scheiß drauf, dann bin ich halt dick, das geht niemanden was an‘, obwohl ich objektiv sicherlich nicht als ,dick‘ gelte. Inzwischen hab ich auch Cellulite an den Armen, was mich ganz schön fertig macht. Ich kämpfe sehr damit, nicht wieder in eine ungesunde Ernährung o.ä. zu verfallen. Es ist halt echt so: Cellulite wird einer Frau als Krankheit verkauft, die man behandeln muss. So was wurde mir erst durch die Bodypositivity-Bewegung klar und mich damit zu beschäftigen, hilft mir sehr.“

Und ja, es gibt einen Trend hin zu mehr Akzeptanz; im Zuge der Bodypositivity-Bewegung zeigen mehr und mehr Frauen, wie divers Körper sind, wie unrealistisch Schönheitsideale und retuschierte Modefotografien sind. Auf ‚wunderweib.de‘ beispielsweise findet man ein Video über Models, die ihre Cellulite nicht mehr retuschieren (lassen). Doch darunter (und das zeigt, wie sehr wir immer noch an der Oberfläche der Akzeptanz von ungleichen, nonkonformen Körpern kratzen): etwa sechs Videos mit den Themen „Diese Nahrungsmittel verschlimmern Cellulite“, „Mit diesen Übungen sagst du der Cellulite den Kampf an“… What the fuck?

Außerdem kommen mit der ganzen, an mancher Stelle leider noch unausgereiften, Bodypositivity-Welle natürlich auch Kritiker*innen ins Spiel: „Anstatt sich der feierlichen Inszenierung ihrer intimen Makel hinzugeben, sollten die Damen vielleicht die Einsicht zulassen, dass einem (sic!) nie alle attraktiv finden.“ (achgut.com) Damit soll eine Normalisierung unterschiedlicher Körperbilder verhindert werden, indem man unterstellt, die Akteur*innen würden einfach ihre eigene ‚Unattraktivät‘ rechtfertigen wollen. Womit alles, was hinter dem Gedanken der Bodypositivity steht, lächerlich missverstanden wird, vielleicht sogar absichtlich ignoriert wird– nämlich, dass es nicht darum geht, ob andere eine*n attraktiv finden, sondern dass mensch glücklich und gesund ist und sich wohlfühlt.

 

*Namen von der Redaktion zum Schutz der Betroffenen geändert

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.

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