Oh the shame with that skin – Teil 1: Unsere Haut als Aushängeschild für Schönheit

Oh the shame with that skin – Teil 1: Unsere Haut als Aushängeschild für Schönheit

Früher hatte ich reine Haut, wie eine Porzellanpuppe. Blass und zart wie die einer Elfe, ab und zu ein Pickelchen, was leicht zu verstecken war. Trotzdem, ich mochte sie nicht: Ich habe viele Muttermale, habe hier und da Dehnungsstreifen, beispielsweise am Busen. Noch schlimmer kam es, als ich mir zwecks Verhütung die Hormonspirale einsetzen ließ. Mit dem einen, männlichen Hormon erschien sie mir als das geringere Übel im Gegensatz zum Hormoncocktail Pille. Doch als Folge explodierte die Haut in meinem Gesicht. Es begann mit einzelnen Unreinheiten, die immer mehr wurden, gepaart mit dem schlechten Heilungsvermögen meiner Haut, et voilà: Meine Haut wurde zum Feind, Make-Up zum besten Freund und jeder Blick in den Spiegel am Morgen war eine Qual. Doch ich begann bald, mir Gedanken darüber zu machen, was darunter lag: Vor allem im Zuge meiner Genesung nach der Essstörung musste ich mir jeden Tag aufs Neue klar machen, dass mein Wert sich nicht über mein Äußeres definierte. Dass mein Freund mich nicht weniger liebte, weil ich unreine Haut hatte und dass meine Freundinnen nicht auf meine Hüften starrten, wenn ich im Sommer ein enges Top trug.
Denn ja: Oft sind Gedanken um unsere „Makel“ eng verstrickt mit dem Bild, was andere unserer Meinung nach von uns haben. Und das ist zugleich das Problem und unsere größte Chance. Ich erlaubte mir mehr und mehr den Gedanken, dass es nicht mein Aussehen war, weswegen ich gemocht wurde, weswegen mein Studium gut lief oder für das ich gutes Feedback bekam, das mein Herz erwärmte.

Trotzdem, Rückmeldungen für Aussehen, für schicke Klamotten oder schönes Haar, einen flachen Bauch oder einen sexy Hintern, das scheint uns oft mehr wert. Wieso eigentlich? Na klar, aus psychologischer Sicht stimuliert Lob unser Belohnungssystem, bei manch einer*m mehr, bei manch einer*m weniger. Was dabei von Bedeutung ist: Worüber definieren, identifizieren wir uns, was spielt also in unseren Augen für uns als Individuum die größte Rolle? Das ist in unserer Gesellschaft allem voran eben oft das Aussehen. Sei es das gepflegte Auftreten beim Bewerbungsgespräch, die drei Fotos bei Tinder oder der perfekt trainierte Schauspieler. Ob wir es uns eingestehen oder nicht, der erste Eindruck ist sehr stark vom Äußeren abhängig. In der Psychologie nennt man das den „Halo-Effekt“: Die Wahrnehmung anderer Merkmale wird durch ein bekanntes (äußeres) Merkmal verzerrt, ohne, dass dies objektiv belegt ist. Im Grunde gilt das für viele offensichtliche Merkmale einer Person, wie Behinderung, Attraktivität oder außergewöhnliche Leistungen; der Effekt der physischen Attraktivität ist aber besonders häufig belegt worden. Das heißt: Personen, die gut aussehen, werden meist auch als intelligent, gesellig oder dominant beurteilt. **

Ich habe mit Frauen gesprochen, die an ihrer Haut die unterschiedlichsten „Makel“ wahrnehmen. Wie beispielsweise Anna*.
„Ich habe so viel an meinem Körper, was mich stört und meine Aufmerksamkeit bindet (Cellulite, dicke Beine, usw.), dass ich nie bewusst an die Pigmentstörungen gedacht hab, bis mein damaliger Freund, mit dem ich schon ein Jahr zusammen war, erschrocken auf meinen Arm schaute und mich fragte, ob ich da Dreck hätte. Ich war ganz schön verwundert darüber, dass ihm das so spät auffiel. Irgendwie waren die Flecken so sehr ein Teil von mir, dass ich sie gar nicht wahrgenommen hab. Erst durch seine Aussage kamen sie für mich in die Schublade ,beobachtungs- und beurteilungsbedürftig‘.“

Inzwischen stellen sich dem in Mode und Werbung propagierten Schönheitsideal zahlreiche Menschen entgegen, sei es in den sozialen Medien, seien es Models, die sich auf Zeitschriftentitelseiten nicht mehr retuschiert wissen wollen. Die Body-Positivity-Bewegung kommt ins Rollen und ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Akzeptanz, Selbstliebe und Diversität. Trotzdem geht es dabei oft ums Körperbild – dass es keine Rolle spiele, ob man dick oder dünn sei, Röllchen habe oder schmächtig sei, man sei liebenswert und wertvoll. Hier und da sieht man zwischen den vielen Bildern, die darauf hinweisen, dass jeder Body ein Bikini-Body ist, auch Bilder von Frauen mit Akne, die sich nicht mehr hinter Zentimetern von Make-Up verstecken, oder Frauen, die ihre Dehnungsstreifen als schillernd wie eine Seifenblase feiern. Trotzdem unterliegt besonders unsere Haut als Aushängeschild für Schönheit noch unzähligen Erwartungen und Ansprüchen. Es gibt so viele Makel, für die wir uns verstecken sollen, auf die wir mit pikiertem oder schockiertem Blick hingewiesen werden oder für die uns mangelnde Pflege unterstellt wird. Das ist schade, denn Body Positivity hört nicht auf bei Körperform und Hautfarbe. Wir sollten die Arbeit, die unsere Haut leistet, wertschätzen – und nicht verabscheut werden für die Spuren, die das Leben eben so hinterlässt.

 

*Namen zum Schutz der Betroffenen von der Redaktion geändert

** Literatur:
Nisbett, R. E., & Wilson, T. D. (1977). The halo effect: Evidence for unconscious alteration of judgments. Journal of Personality and Social Psychology, 35(4), 250-256.
Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Halo-Effekt‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Hier (2018-01-15)

Paula Charlotte Kittelmann lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei sich ihre Fotografie vorrangig auf Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung & Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik.
Das Psychologiestudium hat ihren Blick auf die Welt dahingehend verändert, als dass sie Menschen anders begegnet und andere Dinge wahrnimmt als vielleicht noch vor 3, 4 Jahren. Das schlägt sich dahingehend auch in den Themen nieder, für die sie sich sensibilisiert – wie bspw. Feminismus, Essstörungen bzw. Bodypositivity und Bodylove, Gleichberechtigung und der Umgang von Menschen miteinander.

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