Kavaliersschmerzen und Vulven

Kavaliersschmerzen und Vulven

Noch nie das Wort Kavaliersschmerzen gehört? Kein Problem. Ich kannte das Phänomen bis vor wenigen Stunden auch nur unter dem englischen Begriff „blue balls“ – wörtlich übersetzt: blaue Hoden. Gemeint ist der Schmerz, der bei Menschen mit Hoden auftreten kann, wenn nach (langer) sexueller Erregung keine Ejakulation folgt. Auf Deutsch wird das ganze Kavaliersschmerz genannt, da nur ein echter Kavalier seinen Orgasmus hinauszögern würde, bis der*die Partner*in befriedigt ist. Unabhängig davon, wie blöd ich diesen Begriff selbst finde – noch blöder finde ich die Situationen, in die Frauen* deswegen manchmal kommen.

Das Argument von körperlichen Schmerzen wird von manchen Männern* verwendet, um bei Frauen* Schuldgefühle auszulösen, beispielsweise wenn sie „Nein“ sagen, nachdem schon heftig geknutscht wurde. An alle Männer*, die denken, sie hätten durch biologische Gegebenheiten ein Recht auf Sex nach Erregung: Habt ihr nicht. Haben Frauen* schließlich auch nicht. Dabei gibt es genau das gleiche Phänomen von „blue balls“ auch bei Vulven.

Der Schmerz oder das Spannungsgefühl von „blue balls“ entsteht, weil – vereinfacht gesagt – Flüssigkeit in den Hoden aufgebaut wird und sich eine größere Menge Blut im Genitalbereich staut. Während das Blut steht, geht Sauerstoff daraus verloren. Mit dem Resultat einer bläulichen Färbung der darüberliegenden Haut. Blaue Hoden eben. Und dieser Prozess kann in erregten Vulven genauso passieren. (Natürlich gibt es keinen eigenen Begriff dafür, warum sollten wir auch Begriffe für Phänomene finden, die im Zusammenhang mit weiblicher Sexualität stehen? Schließlich wird doch ohnehin kein Diskurs über weibliche Sexualität geführt. Und wenn ich mir den Begriff Kavaliersschmerz so anschaue, finde ich es vielleicht sogar besser, dass sich noch niemand einen ausgedacht hat.)

Bei Erregung staut sich Blut in Vulva, Gebärmutter und Eierstöcken. Kommt es nicht zum Orgasmus, können die gleichen Schmerzen auftreten, die sonst als „blue balls“ beschrieben werden. Vor allem im Bereich von Schamlippen und Klitoris. Das Resultat: blaue Vulva.

Dass wir immer wieder von „blue balls“ hören, aber nie über blaue Vulven sprechen, hängt vielleicht damit zusammen: Ein männlicher* Orgasmus ist das erwartete Resultat von Sex zwischen Personen mit Penis und Vagina. Frauen* kommen nach eigener Aussage nur in 50% der Fälle zum Höhepunkt. Hier [klick!] ein schönes, englischsprachiges Video, in dem sehr deutlich wird, dass Sex für viele Menschen dann vorbei ist, wenn der Mann* ejakuliert hat.

Für Kavaliersschmerzen gibt es übrigens ein ganz einfaches Heilmittel, ganz egal, ob Hoden oder Vulva: Masturbation. Solltest du jedoch anhaltende Schmerzen haben – ab zu einem Arzt*einer Ärztin! In jedem Fall gilt: Es hat nichts damit zu tun, ob du Kavalier bist, wenn du „blue balls“ oder eine blaue Vulva erlebst. Nur damit, dass du ein anständiger Mensch bist und niemanden zu sexuellen Aktivitäten überredest – vor allem nicht mit einem ziemlich miesen biologischen Argument.

Alica ist das verkörperte Klischee einer Künstlerin, studiert dazu irgendwas mit Medien und hat eine Leidenschaft für Harry Potter. Wenn sie groß ist, will sie Superheldin werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.