Für eine Welt ohne Schutzräume?!

Für eine Welt ohne Schutzräume?!

Triggerwarnung: Die Einleitung beschreibt eine Situation, in der Frauen* sexualisiert belästigt wurden.

Eine Schulfreundin und ich fahren für ein paar Tage nach Amsterdam. Wir wollen die Stadt anschauen und einfach einmal wieder ausspannen.
Abends übernachten wir in einem kleinen Hostel – genauer gesagt in einem Zimmer für sechs Personen. Wir halten uns nicht viel im Hostel auf. Die Menschen in unserem Zimmer trinken unangenehm viel Alkohol und das riecht man. Aber das geht uns nichts an und schließlich sind wir auch nicht gekommen, um den ganzen Tag im Hostelzimmer zu verbringen.

Eine grölende Männer*gruppe stolperte ins Zimmer

An unserem letzten Abend in der Stadt findet ein Fußballspiel statt. Auf der Straße sind viele betrunkene Menschen, wir werden mehrmals angemacht und belästigt.
Wir sind gerade dabei, schlafen zu gehen, als wir lautes Gepolter aus dem Treppenhaus hören. Eine Gruppe von drei (ich lese sie als Cis-) Männern* stolpert in unser Zimmer und grölt sexualisierte Phrasen. Uns ist schnell klar: Wir wollen hier nicht schlafen. Also holen wir uns Hilfe an der Rezeption. Der Mitarbeiter des Hostels, welcher gerade Schicht hat, versucht mit den Männern* zu reden. Da sie das Zimmer bezahlt haben, will er nichts für uns tun können. Und das, obwohl er die Sprüche teilweise mit angehört hat. Er bleibt auf unseren Wunsch vor der Zimmertür stehen, während wir unser Gepäck aus dem Zimmer holen – währenddessen beginnt einer der Männer*, an seinem Penis herumzuspielen.
Der Mitarbeiter entschuldigt sich für die unangenehme Situation.
Das Hostel ist ausgebucht, es ist mitten in der Nacht. Am Ende schlafen wir in einer Besenkammer. Geld bekommen wir nicht zurück.
So weit die Geschichte.

Extra-Hostelzimmer für Frauen sind oft teurer

Nach der Nacht überlegen wir, was wir machen können, damit uns so etwas bei der nächsten Reise nicht noch einmal passiert.
In vielen Hostels gibt es extra Zimmer für Frauen. Es gäbe auch die Möglichkeit, sich ein Zimmer für zwei Personen zu buchen. Klar ist: Alle diese Varianten sind teurer – und nicht alle können sie sich leisten!
Und klingt das nicht so oder so absurd – dass man mehr zahlen muss, um die Garantie zu haben, nicht belästigt zu werden?

Ideologisch bin ich auf jeden Fall für ein Zimmer für alle! Meiner Meinung nach sollte das Gender einer Person keine Rolle spielen. Die Trennung der Zimmer in „gemischt“ und „Frauen“ finde ich albern und diskriminierend.

Inter- und Transpersonen werden selten berücksichtigt

Leider musste ich aber schon mehrfach erfahren, dass aktuell Schutzräume noch nötig sind und kann daher die Forderung danach verstehen. Problematisch ist nicht nur die Geldfrage, sondern auch, dass hier Inter- und Transpersonen in den meisten Fällen komplett vergessen werden, obwohl auch sie oft unter den beschriebenen Situationen leiden.

Meiner Meinung nach muss es aktuell weiterhin noch Hostelzimmer nur für Frauen*, aber eben auch für Inter- und Transpersonen geben. Wichtig ist aber, dass man für diese Zimmer keinen höheren Preis zahlen muss! Niemand sollte dafür zahlen müssen, die Gewissheit zu haben, schlafen zu können ohne belästigt zu werden!

Mir ist bewusst, dass ein Schutzraum für Frauen* zusammen mit Inter- und Transpersonen nicht immer sinnvoll ist, da Cisfrauen* natürlich auch verletzend und diskriminierend sein können. Da viele Hostels noch nicht einmal Frauen*zimmer haben, werden vermutlich wenige Zimmer für Inter- und Transpersonen einrichten. Und die Frage ist, ob diese viel genutzt werden, da Inter- und Transpersonen dann immer dazu gezwungen wären, sich zu outen.

Warum sollten diskriminierte Gruppen ihr Verhalten ändern müssen?

Schutzräume sind also wichtig. Aber eigentlich will ich nicht in einer Welt leben, in der es sie braucht! Wieso muss es zu diesen Vorfällen kommen? Warum müssen sich die Menschen, die belästigt werden, darüber Gedanken machen, dass sie eine sichere Nacht haben? Wieso schreitet kaum jemand in Situationen ein, in denen Menschen gedemütigt werden? Und warum wird solch ein Verhalten oft auch noch geduldet?

Bei der nächsten Reise buchten wir ein Zimmer exklusiv für Frauen, welches glücklicherweise nicht mehr kostete als ein vergleichbares „gemischtes“ Zimmer. Das heißt aber nicht, dass ich allen Frauen* empfehlen würde, das zu tun. Ich finde es falsch, diskriminierten Gruppen einzureden, vorsichtig zu sein und ihr Verhalten so zu verändern, dass es eine möglichst kleine Wahrscheinlichkeit dafür gibt, mit herabwürdigenden Situationen konfrontiert zu werden. Denn sie haben keine Schuld daran, wenn andere sie belästigen und menschenunwürdig behandeln.

Ich wünsche mir eine größere Debatte darüber! Ich will, dass dieses Thema angesprochen wird – nicht nur in einer kleinen feministischen Twitter-Bubble, sondern in den Schulen, den Medien oder beim Essen mit Familie und Freund*innen. Warum? Damit die Schuld bei denen gesucht wird, die sie haben. Nicht die, die belästigt werden, müssen ihr Verhalten ändern, sondern die, die belästigen und die, die zu- oder wegschauen!

Ich für meinen Teil will versuchen, einzuschreiten, andere sensibel für diese Situationen zu machen, und für eine Welt kämpfen, in der niemand auf Grund von Gender, sexueller Orientierung, aber auch der Hautfarbe oder einer Behinderung diskriminiert wird. Damit irgendwann Schutzräume nicht mehr nötig sind!

Für ein selbstbestimmtes Leben für alle: Lasst uns Banden bilden!


Anmerkung: 
Frauen sind für mich alle Menschen, die sich auch als Frauen fühlen. Ich nutze den Genderstar, um klarzumachen, dass das Gender sozial konstruiert ist.

Annka ist ein politischer Mensch. Sie versucht auf Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen und Andere zu empowern ebenfalls ihre Meinung zu äußern. Sie mag es zu organisieren und ist ein Fan von Bildungsarbeit. Außerdem ist sie süchtig nach Apfelsaft und bunten Mustern 😉

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