Elektronische Musik: geschlechtsloser Sound? – Teil 3: Frauenquote?

Elektronische Musik: geschlechtsloser Sound? – Teil 3: Frauenquote?

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Von elektronischer Musik erwartet man Experimentierfreude, eine gewisse Aufgeschlossenheit. Aber nach wie vor herrscht in der elektronischen Musik- und Clubszene ein extremes Missverhältnis zwischen den Geschlechtern.

Frauenquote?

Die Sichtbarkeit der Frauen im Business der elektronischen Musik zu erhöhen ist gerade in diesem informell organisierten Bereich der Clubkultur nicht einfach. Staatlichen Organisationen werden Gleichstellungsprogramme auferlegt, in eher unreglementierten Räumen wie der Szene um elektronische Musik halten sich ungeschriebene Verhaltensweisen stärker.

Ein Ansatz, hieran etwas zu verändern, ist tatsächlich eine Art Frauenquote. Einige Booker bemühen sich, einen gewissen Anteil weiblicher Acts für ihre Veranstaltungen zu buchen. Man müsse sich an den Anblick einer Frau hinter dem DJ-Pult gewöhnen, damit diskriminierende Bemerkungen wie „Für eine Frau kannst du das aber gut“ oder die Annahme, die Frau hinter den Decks sei immer die Freundin des DJs, etwas entgegenzusetzen ist.

Allerdings bringt der Lösungsansatz Frauenquote Probleme mit sich: Der Booker sollte allem voran den Anspruch haben, die musikalische Konzeption des Abends in den Vordergrund zu stellen. Trotzdem kommt es zu „Fehlbuchungen“ – weibliche DJs haben das Gefühl, als Quotenfrau gebucht zu werden und musikalisch nicht in das Konzept des Abends zu passen. Das kann diskriminierend sein.

Jenny Sharp, Hip-Hop DJ in Leipzig, möchte beispielsweise nicht gebucht werden, nur weil sie eine Frau ist, und steht damit vermutlich stellvertretend für den Großteil weiblicher Acts. „Ich bin persönlich kein großer Fan von Frauenquote, obwohl ich natürlich wahrscheinlich davon profitiere. Schwierig. Ich will eigentlich nicht gebucht werden, weil ich eine Frau bin, aber es passiert sicher. Ich will, dass die Leute mich buchen, weil sie denken, dass ich coole Mukke auflege. Das sollte eigentlich im Vordergrund stehen, und nicht das Geschlecht“, sagt sie. Gleichzeitig will sie nicht über ihr Geschlecht definiert werden: „Neulich hatte ich eine Anfrage ‚Wir wollten ‘ne Mädelsparty machen, da sollen nur Mädels auflegen.‘ Ich weiß nicht, ob das die richtige Herangehensweise ist, weil dann wird eher so das „Frausein“ verkauft, als dass es jemand ist, der Talent hat, Zeit investiert.“

Tina in der Rolle der Bookerin sieht das ähnlich, sie würde niemals jemanden nur als „Quotenfrau“ buchen: „Klar kriegt sie dann das Gefühl „Bin ich jetzt hier wegen meiner Skills und meines Sounds, oder bin ich hier, weil ich eine Frau bin?“ Das würde ich nicht vermitteln wollen, dieses Gefühl. Deswegen finde ich es schon wichtig, dass jemand zum musikalischen Konzept des Abends passt, sonst hat man, glaube ich, nichts gekonnt.“

Doch Neele von feat. Fem betrachtet diese Thematik von einer anderen Seite: „Warum sollte man dann an 364 Tagen im Jahr nicht in Frage stellen, dass die Line-Ups rein männlich bestückt sind?“ Sprich: Es ist so normal, dass man hinter den DJ-Pulten der Welt nur Männer sieht, doch wenn ein Abend nur von Frauen bespielt wird, ist das auffällig. Hier sollten die Alarmglocken läuten, genau diese Tatsache muss sich verändern. Damit der Anblick einer Frau an den Decks nicht mehr als „Besonderheit“ wahrgenommen wird, sondern ebenso selbstverständlich wie der eines Mannes. Reine „Mädelspartys“ dienen, so Emilia von feat. Fem, vor allem dazu, aufzuzeigen „Hey, so viele Frauen gibt es tatsächlich, die auflegen, wir können ein ganzes Line-Up ohne Männer füllen.“ Das wiederum stärkt die Sichtbarkeit und macht auf das Thema aufmerksam.

Außerdem, so Neele, sei der Begriff „Quote“ schlichtweg unglücklich gewählt: „Eine Quote ist etwas, was man von außen auferlegt bekommt, eine Regelung – das fühlt sich schon von vornherein an, als ob man dagegen rebellieren müsste. Ein „Anspruch“ hingegen ist etwas, was man sich selbst auferlegt. Etwas, das man individuell bestimmt – vielleicht auch ein Wunschdenken.“
Entgegen allen Gerüchten, klärt Neele auf, gibt es beispielsweise weder im IfZ noch im Conne Island eine geregelte Quote – es ist der Anspruch der Kulturschaffenden selber, kein männerdominiertes Line-Up zu bieten, sondern einen Querschnitt der Gesellschaft abzubilden. „Und da zählen eigentlich auch non-binäre Personen oder POCs [Anm. d. Red.: People of Color, also Menschen mit einer anderen Hautfarbe als weiß] und so weiter. Leider sind weite Teile der Clubbetreiber*innen noch nicht mal in der Lage, Frauen hinterm DJ Pult sichtbar zu machen. Das hat leider alles patriarchale Gründe. Niemand will eine Quote durchsetzen, niemand will eine Quotenfrau sein, niemand will Quoten erfüllen müssen – egal ob im Aufsichtsrat bei Siemens oder im Conne Island. Es ist nur eine von durchaus vielen Methoden, um typische Geschlechterrollen aufzubrechen.“

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