Elektronische Musik: geschlechtsloser Sound? – Teil 1: Die Rolle der Booker*innen

Elektronische Musik: geschlechtsloser Sound? – Teil 1: Die Rolle der Booker*innen

Von elektronischer Musik erwartet man Experimentierfreude, eine gewisse Aufgeschlossenheit. Aber nach wie vor herrscht in der elektronischen Musik- und Clubszene ein extremes Missverhältnis zwischen den Geschlechtern.

Zu Beginn der 90er wurde elektronische Musik, insbesondere Techno, als vielversprechende Utopie gedacht, ein Sound unabhängig vom Geschlecht. Man feierte den Bruch mit traditionellen Formen der Rollen der Akteur*innen, wollte alle physischen Begrenzungen des Musikmachens hinter sich lassen. Das Problem dabei: Die vermeintlich so innovative Denkweise, mit den Repräsentationsformen der Rockkultur zu brechen, wurde ausschließlich von männlichen Protagonisten umgesetzt. Das klassische Bild des Künstlers, Musikers, DJs hat sich in den Köpfen festgesetzt.

2013 brachte das Internetportal „female:pressure“ erstmals alarmierende Zahlen heraus: Auf nationalen und internationalen Musikfestivals lag der Anteil weiblicher Acts bei nicht mal zehn Prozent. 2014 machten die Auftritte von Frauen in Clubs nur etwa 10 Prozent aus, auf Festivals waren es knapp 13 Prozent.

Heute, vier Jahre später, gibt es zwar zahlreiche Kollektive und Einzelpersonen, die sich das Thema auf die Fahne geschrieben haben, eine wesentliche Verbesserung des Verhältnisses von männlichen zu weiblichen DJs auf Partys gibt es aber nur selten. (Aktuellen Zahlen von female:pressure zufolge waren auch 2017 nur 18% der Acts auf Musikfestivals weiblich!) Und nicht nur auf den Line-Ups sind weibliche Akteurinnen unterrepräsentiert – auch hinter den Kulissen wirken hauptsächlich Männer. Wenn Frauen an Partys teilhaben, dann meist eher an der Kasse, hinter der Bar oder sie sind verantwortlich für die Deko.

Weibliche Acts gibt es genug – es liegt beim Booker, diese ausfindig zu machen

Dabei liegt das nicht, wie oft als Begründung herangezogen wird, an einem Mangel an weiblichen Acts. Es gibt zwar quantitativ weniger Frauen hinter den Decks – aber trotzdem ausreichend Akteurinnen, die in Clubs spielen könnten. Um das klarzustellen, gibt es eine umfangreiche Auflistung weiblicher DJs in allen Regionen der Welt von female:pressure  – eine gute Möglichkeit für Booker neue weibliche Künstler zu entdecken.

Für das Phänomen „geschlechtsloser Sound als Männerdomäne“ kann man diverse Gründe finden.

Eine Erklärung legt das Augenmerk auf die Booker bzw. Promoter. Männer haben nach wie vor das Business in der Hand. Clubbesitzer, Booker – in Deutschland findet man auf diesen Posten selten Frauen. Hier greift klassisch das „Old Boys Network“ – Kumpels buchen Kumpels. Man kennt sich schon so lange, ist vernetzt, setzt sich gegenseitig auf das Line-Up. Man kann nicht einmal Vorsätzlichkeit unterstellen, es wird schlicht und ergreifend nicht über diese Herangehensweise reflektiert. Wie auch, wenn Künstlerinnen doch häufig noch bis zu einem gewissen Grad unbekannt und von daher unsichtbar sind.

Die sogenannte Visibility (Sichtbarkeit) wird durch das medial geprägte Bild von einem DJ als Mann noch gestützt. Der Booker fährt dann eben lieber die sichere Nummer und bucht den bekannten, männlichen Act. „Man muss schon“, so Tina, Bookerin der Distillery in Leipzig, „einschlägige Netzwerke durchkämmen, um auf weibliche Acts aufmerksam zu werden“. Mit zunehmender Erfahrung könne man auch auf das eigene Umfeld zurückgreifen und dieses fördern. Allerdings spielt der Bekanntheitsgrad dennoch keine unerhebliche Rolle. Denn der Booker muss immer im Hinterkopf behalten, dass das Line-Up bestimmt, ob der Club am Abend voll wird, oder nicht.

„Wenn ein Booker für das Thema nicht so sensibilisiert ist, es vielleicht auch nicht als wichtig erachtet, dass ausgeglichene Geschlechterverhältnisse herrschen, dann wird er darauf auch keinen Wert legen.“

Künstler*innen müssen sich promoten

Trotzdem wäre es zu einfach, den Booker alleine dafür verantwortlich zu machen, erklärt Tina außerdem. Ein Stück weit liege es auch in der Verantwortung der DJs oder Künstler*innen selber, sich für Booker*innen erkennbar zu zeigen.

„Aus meiner Erfahrung als Bookerin heraus kann ich sagen, dass Onlinepräsenzen heutzutage nun mal wichtig sind: Ein Soundcloud-Profil, das up to date ist, ein Facebook-Profil, auf dem etwas passiert.“ So Tina weiter. „Ich meine, ich kenne das von mir selber, dass ich es schwer finde, mich selbst zu promoten. Und ich denke, damit tun sich vielleicht viele Frauen schwer, mit diesem Sich-in-den-Vordergrund-Pushen. Das kann auch ein Grund dafür sein, dass Frauen wiederum weniger im Rampenlicht stehen, als Männer. Das hat dann natürlich wiederum die Konsequenz, dass  viele den Bekanntheitsgrad gar nicht erreichen, der Relevanz für den Booker hat. Wenn das nicht der Fall ist, wird es maximal für einen Support-Slot reichen – Naja und dann hat man zwar vielleicht eine Frau im Line-Up, aber eben auch nicht als Headliner, was ich auch wieder eine wichtige Unterscheidung finde.“

Selbst wenn es für den Booker eine Gratwanderung ist zwischen dem Anspruch ausreichend weibliche Acts im Line-Up zu haben und dem Bekanntheitsgrad der Künstler*innen hinter den Decks Genüge zu tun: Der Anspruch, Frauen zu buchen und neue Künstlerinnen zu entdecken, sollte da sein.

 

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